Disput

Trauma und Wiederaufbau

Elf Jahre Afghanistankrieg. Eine Veranstaltung in Zwickau

Von Simone Hock

«… wir werden und dürfen uns von niemandem dazu verleiten lassen, ganze Religionen oder ganze Völker oder ganze Kulturen als schuldig zu verdammen. … Wir werden auf die Herausforderung nicht mit Ohnmacht und nicht mit Schwäche reagieren, sondern mit Stärke und Entschlossenheit. Und mit Besonnenheit. Hass darf uns nicht zu Hass verführen. Hass blendet …«< br /> Bundespräsident Johannes Rau am 14. September 2001 am Brandenburger Tor in Berlin anlässlich der Terroranschläge am 11. September 2001 in den USA

Am 26. September 2012 berichtete Stefan Liebich, Mitglied der Bundestagsfraktion und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, im »Marienthaler Lichtspielhaus« in Zwickau über die Situation in Afghanistan und die Positionen der LINKEN.

Zu Beginn gab er einen Überblick über die aktuelle Lage, die von kleinen Gewaltgruppen und einer wieder größere werdenden Zahl verschleierter Frauen im Straßenbild gekennzeichnet ist. Inzwischen habe der »Krieg gegen den Terror« viel mehr zivile Opfer gefordert als die verbrecherischen Terroranschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001. Auch wenn klar sei, so Stefan Liebich, dass man die Zahl von Toten nicht gegeneinander aufrechnen kann, sollte man Anlass und Wirkung sehen. An dieser Stelle bezeichnete er die Tötung Bin Ladens als ein Armutszeugnis für die USA. Die deutsche Geschichte habe mit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gezeigt, dass man selbst mit den schlimmsten Verbrechern rechtsstaatlich umgehen und sie juristisch zur Verantwortung ziehen kann.

Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg hat nun auch Deutschland wieder im Krieg getötete Soldaten zu betrauern, und der Umgang mit dieser Tatsache war auch innerhalb unserer Fraktion nicht leicht. Letztlich steht DIE LINKE jedoch nicht gegen die Soldaten, sondern gegen die Kampfeinsätze. Für Angehörige ist es immer schlimm, einen Menschen zu verlieren, und so ist es selbstverständlich für die Fraktion, an den Trauerfeierlichkeiten für die Getöteten teilzunehmen.

Deutschland verfüge über eine Parlamentsarmee, so Stefan Liebich. Das bedeutet, dass der Bundestag über jeden Auslandseinsatz gesondert entscheiden muss. Diese Debatten böten immer wieder die Möglichkeit, auf Probleme solcher Auslandseinsätze aufmerksam zu machen. So sind Deutsche daran beteiligt, Personen zu identifizieren, die dann in der Gefahr stehen, von NATO-Bündnispartnern erschossen zu werden. Dieser, durch unsere Fraktion immer wieder angesprochene Sachverhalt bringt die Bundesregierung regelmäßig ins Schwimmen.

Letztlich, betonte der Abgeordnete, müsse man so ehrlich sein zu sagen, dass die vollmundigen Ziele wie Aufbau von Demokratie, Schutz der Menschenrechte, Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen und eine Verbesserung der Lebensumstände nicht erreicht wurden. Hier seien sowohl der hiesigen Bevölkerung als auch den Menschen in Afghanistan Sand in die Augen gestreut worden. Allerdings sei die terroristische al-Qaida nun nicht mehr von Afghanistan aus tätig, treibt aber unter anderem vom benachbarten Pakistan aus ihr Unwesen.

Kritik übte Stefan Liebich an der Werbeaktion der BRAVO für »Abenteuerfreizeiten« der Bundeswehr. Es könne nicht sein, dass Wehrerziehung durch die Hintertür eingeführt werde. Und auch in Schulen habe die Nachwuchswerbung der Bundeswehr nichts zu suchen. Inakzeptabel sei, dass die meisten Soldatinnen und Soldaten aus den neuen Bundesländern und aus sozial schwachen Gebieten stammen. Gerade dort werde für die Bundeswehr als berufliche Chance geworben.

In der sehr angeregten Diskussion redeten auch zwei Frauen aus Afghanistan sowie der Großvater eines in Afghanistan stationierten Soldaten. Zur Sprache kamen das Ungleichgewicht zwischen den Ausgaben für den Bundeswehreinsatz (eine Milliarde Euro pro Jahr) und der Aufbauhilfe und die Problematik der Waffenexporte. Seitens der Migrantinnen wurde die Frage aufgeworfen, wer denn eigentlich in Afghanistan der Feind sei. Mit einem Blick in die Geschichte verdeutlichten sie, dass früher die eine Seite von den Warschauer Vertragsstaaten unterstützt wurde, während die NATO die Taliban förderte und mit modernen Waffen versorgte. Erst der Westen habe die Taliban stark gemacht und Bin Laden aufgebaut.

Seit Beginn des Krieges hat sich das Klima in der Bevölkerung stark verändert. In den ersten Jahren waren die Menschen noch voller Hoffnung. Der Bruder einer der Afghaninnen wollte auf keinen Fall nach Deutschland, weil er das Gefühl hatte, in seinem Land gebraucht zu werden und etwas bewegen zu können. Jetzt bereut er, damals seiner Schwester nicht gefolgt zu sein. Die Hoffnungen auf ein besseres Leben, auf eine bessere Zukunft sind dahin. Ein sehr trauriges, erschütterndes Ergebnis. Ziel muss der Wiederaufbau des Landes sein, die Förderung von Projekten für Aus- und Weiterbildung in Afghanistan sowie zum Aufbau der Wirtschaft. Hier bleibt Deutschland auch nach Abzug der Bundeswehr in der Pflicht.

Auf ein weiteres Problem dieses Auslandseinsatzes machte der Großvater eines Soldaten aufmerksam. Viele der in Afghanistan stationierten SoldatInnen kämen traumatisiert zurück. Doch hier würden sie damit alleine gelassen. Das sei ein Unding. Stefan Liebich bestätigte, dass Deutschland für die Soldatinnen und Soldaten auch nach deren Rückkehr aus den Einsätzen eine Verantwortung habe. Eine Initiative arbeitet derzeit daran, die Betreuung und Unterstützung traumatisierter Soldatinnen und Soldaten zu verbessern.

Das Schlusswort kam von einer Migrantin. Sie sei im Krieg aufgewachsen und könne verstehen, was die Soldatinnen und Soldaten belastet. Jedes Jahr zu Silvester verkrieche sie sich unter der Bettdecke, weil die Knallerei sie zu sehr an die Kriegsereignisse erinnert. Sie wünscht sich, dass die Traumatisierten gut betreut werden.

In diesem Sinne dürfen wir nach Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan die Menschen dort nicht allein lassen, unsere Verantwortung zur Unterstützung bleibt!