Disput

Marxismus online

Ein neues Bildungsangebot der Partei: Eine Art Fernstudium, das Wochenendseminare mit dem Lernen auf einer Internetplattform verbindet

Von Harald Werner

Die vom Parteivorstand geschaffene Kommission für politische Bildung hat inzwischen ein breit gefächertes Bildungsangebot entwickelt, das immer größere Teile der Partei erreicht. Was noch fehlt und woran seit Langem gearbeitet wird, ist eine Art gesellschaftswissenschaftliches Grundlagenstudium. Ein Angebot für aktive und erfahrene Mitglieder, die sich über einen längeren Zeitraum mit den theoretischen Grundlagen des Sozialismus im 21. Jahrhundert beschäftigen wollen. Dabei stellten sich zwei Probleme, erstens ein inhaltliches und zweitens ein organisatorisches: Was muss man wissen, um den gegenwärtigen Kapitalismus zu begreifen, und wie lässt sich ein solcher Aneignungsprozess unter unseren Bedingungen verwirklichen?

Wir waren uns sehr schnell einig, dass es zwar um eine Fortsetzung der marxistischen Denktradition gehen muss, nicht aber um eine Wiederholung altbekannter Lehrbuchsätze. Dieses Problem war zu lösen, weil es inzwischen genügend neue Literatur gibt. Schwieriger schon war die Übersetzung in ein lesbares Bildungsmaterial, das auch von Menschen verstanden werden kann, die nicht acht Semester Soziologie studiert haben. Am kompliziertesten aber war die Frage, wie man das eigentlich macht in einer Zeit, wo kaum jemand für mehrere Monate aus dem Beruf aussteigen oder ein Dutzend Wochenendseminare besuchen kann. Am Ende haben wir uns für eine Art Fernstudium entschieden, das eine beschränkte Zahl von Wochenendseminaren mit dem Lernen auf einer Internetplattform verbindet. In der Fachterminologie als Blended-Learning bezeichnet. Ein an Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen gängiges Verfahren, das jedoch in der politischen Erwachsenenbildung Seltenheitswert besitzt. Vermutlich auch deshalb, weil es hohe Anforderungen an Entwickler wie Teamer, aber vor allem an die Teilnehmenden stellt. In ein solches Konzept muss viel Arbeit investiert werden, aber wenn es dann funktioniert, erschließen sich ungeahnte Möglichkeiten.

Grundlagenkurs DIE LINKE 1

Das Wichtigste am Blended-Learning sind die große Flexibilität des Lernangebots sowie die außerordentlich vielfältigen Möglichkeiten der Selbsttätigkeit und Kommunikation auf der Lernplattform. Doch bei aller Technik bleibt das wichtigste Element immer noch das klassische Wochenendseminar. Mit einem solchen beginnt Ende November unser »Grundlagenkurs – DIE LINKE 1«, wo zunächst das Gesamtkonzept diskutiert wird, um dann in den ersten inhaltlichen Teil einzusteigen und in praktischen Übungen die Lernplattform kennenzulernen.

Insgesamt wird es drei Teile geben: 1. Mensch und Gesellschaft, 2. Politische Ökonomie und 3. Politische Theorien und Bewegungen.

Jeder Teil enthält Unterabschnitte, die gewissermaßen eine Lerneinheit bilden. Zum Beispiel beschäftigen wir uns im ersten Teil mit dem »Wesen des Menschen«, mit der materialistischen Gesellschaftstheorie, mit den »Ursachen und Formen gesellschaftlicher Unterdrückung«, mit der Frage »warum und wie sich Gesellschaften verändern« und schließlich mit dem Problem »Individuum und Gesellschaft«. Für jeden Unterabschnitt gibt es zunächst den einführenden Lerntext, der in umgangssprachlicher und geraffter Form in das Thema einführen soll. Es ist gewissermaßen der Pflichtteil, der je nach Bedarf durch das Studium ausgewählter Quellentexte, anderer vertiefender Materialien, aber auch durch Videos und Tondokumente, wie etwa einer Vorlesung von Wolfgang Abendroth oder einem Interview mit Ernst Bloch, ergänzt werden kann.

Bei diesem Selbststudium haben die Lernenden nicht nur die Möglichkeit, zu lernen, wann immer es ihnen passt, sie werden damit auch nicht allein gelassen. Sie können über Blogs mit allen Anderen und dem Team diskutieren, Fragen stellen oder neue Themen und Quellentexte vorschlagen. Die Diskussion auf der Plattform ist die entscheidende Voraussetzung, um das Lernen zu einem kollektiven Prozess werden zu lassen, der schließlich mit einem Wochenendseminar abgeschlossen wird. Zwischendurch endet jeder Abschnitt mit einem Test, der nicht allein der Selbstkontrolle dient, sondern dem Betreuungsteam die Möglichkeit gibt, allen persönliche Ratschläge zu geben, welche Texte sie noch einmal genauer lesen sollten.

Zum ersten Grundlagenkurs wurden die Landesvorstände und – wo vorhanden – die Bildungsverantwortlichen um Vorschläge für Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, die einige wenige Voraussetzungen mitbringen und vor allem aktiv an der Basisarbeit mitwirken. Das Interesse ist jetzt schon groß, und da es sich um ein Pilotprojekt handelt und die Begleitung durch das Team einen hohen Arbeitseinsatz verlangt, wird die Höchstzahl von etwa 20 bald erreicht sein. Falls sich nach diesem Durchgang genügend Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereitfinden, selbst zu teamen, werden wir das Angebot schnell ausweiten und sicher auch deutlich verbessern können. Denn die Lernplattform soll nicht bloß das Lernen erleichtern, sie ist auf Grund ihrer flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten selbst ein »lernendes Medium«. Im Übrigen gibt es natürlich die Gelegenheit, sich über die Lernplattform selbst ein Bild zu machen: einfach als Gast einloggen, und dann lässt sich das gesamte Angebot in Augenschein nehmen. Nur an den Tests und den Diskussionsforen, die dem Team und den TeilnehmerInnen vorbehalten sind, kann man natürlich nicht teilnehmen. lernplattform.die-linke.de

Harald Werner ist vom Parteivorstand zum Beauftragten für Politische Bildung berufen worden.