Disput

Von intelligentem Witz

Schauspieler und Satiriker: Edgar Külow

Edgar Külow, Schauspieler, Kabarettist, Autor und langjähriges Mitglied der LINKEN, starb kurz nach seinem 87. Geburtstag am 29. September in Berlin.
Er kam als junger Mann aus Westdeutschland, wurde nach dem Schauspielstudium einer der couragiertesten Kabarettisten in der DDR, arbeitete viele Jahre an der Leipziger Pfeffermühle. »Eddi« spielte in über 110 DEFA-Filmen mit und widmete sich nach der Wende mit seinen Ost-West-Satiren mit »Koslowski macht das Licht aus« und diversen Fortsetzungen stärker dem Schreiben von Büchern. Rico Gebhardt, Landesvorsitzender der sächsischen LINKEN, sagt: »Edgar Külow ist uns LINKEN, die wir leider zu oft bierernst sind, ein leuchtendes Beispiel für eine politische Existenz, die von intelligentem Witz getragen ist ...«

Willi und Lisbeth in der Oper

Koslowski war zu Sichelschmidts Geburtstag eingeladen und zwar auf einen Bransch oder so ähnlich. Es drehte sich natürlich alles um den dicken Sichelschmidt. Er war ja das Geburtstagskind. Das verlief also so langweilig bis zum Nachmittag, als Willi in eine Pause hinein sagte: »Ich war mit Lisbeth in der Oper.«
Das schlug wie ein Blitz ein. Der erste, der sich vom Schock wieder erholte, war Sichelschmidt.
»Wo?«
»In Köln.«
»Wann?«
»Am Sonntag.«
»Nee, da warste auf’m Platz!«
»Ach ja, am Samstag.«
»Und warum warst du in der Oper?«
»Wir waren bei Lisbeth sein Schwager, also dem Mann von Lisbeths Schwester, also von Edelgard. Und die wollten uns mal was Gutes tun.«
»Wie hieß denn die Oper?«
»Hab ich vergessen, auch den Kommunisten.«
»Du meinst, den Komponisten, der Kommunist bin ich hier.«
»Weiß ich doch. Der Komponist hieß so ähnlich wie Antepovic. Ach nee, der spielt ja bei Hertha BSC. Egal. Ich kriegte den Dunkelblauen vom Schwager und dem seine Lackschuhe, die unheimlich drückten; aber ich wusste ja schon immer, in die Oper geht man nicht zum Vergnügen, sondern für die Bildung. Und Bildung ist immer schmerzhaft, wie unser Lehrer Karl Hoffmann sagte, wenn er uns als Kinder verhauen tat. Also, los ging es mit der Ouvertüre; erst langsam und leise, dann etwas schneller mit Geigen und Blockflöten und dann ganz laut mit Pauken und Schalmeien und Fanfaren. Und dann ging der Vorhang auf. Da standen zwei – also, sollten Damen sein. Die ältere Dame sollte die jüngere sein, weil sie so hoch singen musste, und die jüngere musste die ältere sein, weil sie im Bass sang. Die Alte fing also an: ›Du hast mir meinen Geliebten weggenommen. Du bist keine Tochter mehr, du bist eine Hure!‹ Die Jüngere schrie dagegen: ›O Mutter, o Mutter, so war das gar nicht!‹ Dann bellte die Alte wieder. ›Doch, du Elende!‹ Dann schrie die Junge wieder. ›Nein, Mutter!‹ Und so ging das immer hin und her. Viele Wörter konnte man auch gar nicht verstehen, weil die Musiker im Graben mit irgendwelchen Feinden kämpften, dass der Schlachtenlärm alles – konntest du nix mehr verstehen. Das war also der erste Akt.
Ja. Im zweiten Akt kam der Geliebte von beiden auf einem Pferd auf der Bühne: Eugen von Bismarck-Bernburg untere Schleuse. Dieser war Bariton, also konnte weder hoch noch tief singen. Mehr so wie ein Rapper. Nun sollte er sich für eine entscheiden. Tat er aber nicht. Und danach war Pause. Nun drängten alle nach der Theke. Da gab es Champagner, Sekt, Wein, Apfelsaft, Kaffee, alles, außer Bier. Aber in einer Ecke gab es auf ein Tischchen Flaschenbier. Eine Flasche kostete acht Mark. Und dann noch die Brühe aus Elberfeld. Willste machen?
Im letzten Akt, die Musiker spielten schon schneller, weil sie auch nach Hause wollten, kam nun dieser blöde Bismarckhering wieder auf die Bühne und machte den Vorschlag für die Tochter, er wollte der Liebhaber beider sein. Da warf sich die Tochter auf den Boden, kam wieder hoch, warf sich erneut hin, rang nach Luft. Ich sprang auf und rief: ›Sanitäter!‹ Die Leute zischten um mich rum. Lisbeth zog mich auf meinen Sitz zurück, wobei sie mir den rechten Ärmel aus der Schulter riss. Dann zückte die Tochter einen Dolch und stach auf den Bismarck ein, dabei sangen sie das Duett: ›Jetzt stech ich dich und du stichst mich!‹ Das klang etwa so, wie: ›Alles, was du kannst, das kann ich viel besser! Kannst du nicht – kann ich doch.‹ Dann lagen sie beide tot am Boden. Aber das Duett war so schön, dass die Leute standing ovations machten. Da standen die beiden Künstler auf und sangen noch einmal und stachen auch noch einmal. Nach dem dritten Mal war Lisbeth total nassgeheult, und sie meinte unter Tränen, das wäre schöner als die Lindenstraße oder Pastor Fliege. Am Ende war das Bier alle, und ich hatte mir eine Blase gelaufen. Vor der Oper hatten sie ein Tischchen aufgestellt mit ein’ Transparent, auf welchem du lesen konntest:
Auch die Mittel für die Kölner Oper
sollen drastisch gekürzt werden.
Protestiert mit eurer Unterschrift
gegen diese Maßnahme!

Lisbeth rannte sofort dahin, und ich habe natürlich auch unterschrieben.«
Sichelschmidt lachte. »Das finde ich ganz prima, dass du mal gegen deine eigene blöde Partei votiert hast.«
Koslowski sagte ganz ruhig: »So dumm bin ich auch nicht. Ich habe natürlich mit Sichelschmidt unterschrieben.«

Berufswahl

Nein, Junge, das ist nichts für dich,
Du hast zwei linke Hände.
Schlosser werden kannst du nicht,
Das wär für dich das Ende.

Nein, Junge, Lehrer wirst du nicht.
Die Kinder lauern schon.
Sie machen jeden Menschen platt
In dieser Profession.

Nein, Junge, du wirst kein Pilot,
Weil der vom Himmel fällt.
Da liegt er unten und ist tot,
Was nützt ihm da sein Geld?

Nein, Junge, Pfarrer wirst du nicht,
Dazu fehlt dir die Schläue.
Auch Offizier ist nichts für dich.
Da braucht es Männertreue.

Ich steck dich in die Politik,
Das stimmt dich sicher froh.
Da kannst du reden, was du willst,
Heut so und morgen so.

Du hast allmonatlich dein Geld
Und eine Pension,
Du wechselst auch mal die Partei,
Siehst du, jetzt lachst du schon.

Du fährst im Auto, Sprit umsonst,
Es grüßt die Polizei.
Einst warst du Volk, jetzt bist du Macht.
Einwandfrei.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Eulenspiegel Verlagsgruppe