Disput

Athen 2012 - Krise und Aufbruch

Eindrücke von einem Besuch der Solidarität

Von Alexander Fischer

Wie viele andere kenne ich Athen als lebendige und chaotische Millionenstadt. Kein Ort zum Urlaubmachen, sieht man von den Touristenmassen an der Akropolis, am Zeus-Tempel und an anderen antiken Monumenten ab. Heute ist Athen anders. Wer abends durch das Zentrum geht, wo früher jedes Restaurant bis zum letzten Platz gefüllt war, sieht nur wenige Menschen. Die Touristen bleiben weg. Den Griechinnen und Griechen fehlt meistens das Geld für einen Restaurantbesuch, oft sogar für den alltäglichen Einkauf, wovon in den Ladenstraßen reihenweise leere und vernagelte Lokale zeugen. Die Straßen, auf denen man früher mehr stand als fuhr, sind durch die Krise leerer geworden. Astronomisch hohe Benzinsteuern und sinkende Löhne sind eine Kombination, die die Luft besser macht, aber vor allem die Pendler hart trifft. Athen im Herbst 2012, das ist eine Metropole in der Krise.

Wer mit den Kommentaren vieler deutscher Zeitungen im Kopf nach Griechenland fährt, kann viel über deutsche Vorurteile lernen. An allen Ecken begegnet man Menschen, die viel Kraft daran verwenden, dem Besucher keinen hängenden Kopf zu präsentieren. Wir haben Krankenschwestern getroffen, die freiwillig und unbezahlt zwei Stunden länger am Tag arbeiten, weil ihnen das Wohl der ihnen anvertrauten Kinder am Herzen liegt. Diese Männer und Frauen können über das in Deutschland gern gepflegte Klischee von den »faulen Griechen« nicht einmal mehr müde lachen. Wir haben mit griechischen Polizisten gesprochen, die Angst vor den Demonstrationen haben, aber noch mehr Angst davor, im nächsten Monat nicht mehr ihre Familie ernähren zu können. Wir haben gelernt, dass in Griechenland immer mehr Menschen zwei Jobs brauchen, um über die Runden zu kommen.

Athen im Herbst 2012 ist aber alles andere als eine Metropole, in der die Hoffnungslosigkeit regiert. Auf den Straßen ist der Protest gegen das Troika-Diktat hörbar und sichtbar. Die Empörung der Mehrheit ist mit Händen zu greifen. Bernd Riexinger und andere LINKE erleben dies am 9. Oktober gemeinsam mit Alexis Tsipras, dem Vorsitzenden des linken Parteienbündnisses Syriza, unmittelbar bei den Zehntausenden Demonstranten auf dem Verfassungsplatz. Anlass für den Protest gegen Sozial- und Demokratieabbau ist der Kurzbesuch von Kanzlerin Merkel. »Ich bin heute dort, wo Frau Merkel sein sollte, auf dem Syntagma-Platz«, betont der LINKE-Vorsitzende. »Meine Botschaft ist: Solidarität.«

Athen im Jahr 2012 ist eine Metropole im Aufbruch und Aufbegehren, deren BewohnerInnen viele Gewissheiten verloren gegangen sind. Wohin dieser Aufbruch führen wird, ist ungewiss. Eins ist klar, als wir abfliegen: Wir müssen zu Hause bei uns viel dafür tun, dass wieder Brücken zwischen Griechenland und Deutschland gebaut werden können. Wir haben alle guten Grund dazu, diese Brücken schnell zu bauen, denn zu deutlich ist, dass Griechenland nur eine Art soziales Versuchslabor für ein viel größeres Experiment im europäischen Maßstab ist. Welche Partei ist dafür besser geeignet als wir. Und wer soll dennoch zwischen Athen und Berlin miteinander in der Sprache der Solidarität reden, wenn nicht Linke.