Disput

Die Herrschaft der Pferdeflüsterer

Feuilleton

Von Jens Jansen

Nach einigen Peitschenhieben der Medien sind der SPD die Gäule der Troika durchgegangen. Der Leithengst Gabriel, ein schweres deutsches Kaltblut, spürte, dass bei Umfragen sein Körpergewicht nicht als politisches Gewicht zu Buche schlug. Sein Nachbargaul Steinmeier, ein silberner Lipizzaner mit viel Zirkuserfahrung, maulte, da sein Bonus als früheres Haustier der Springreiterin Änschie nicht für den Siegerkranz ausreicht. Doch der schwarze Rappe rechts außen, Peer, hörte den früheren Stallbesitzer Schmidt sagen: »Du kannst Kanzler!« Und schon galoppierte er los.

Zwar hatte die Rennleitung der SPD geplant: »Erst die Hürden vermessen, dann die Gäule bestimmen. Erst die Stalljungen befragen, dann die Startliste beschließen.« Aber das alles war dem Rappen egal. Er scharrte mit den Hufen und preschte los.

Da riefen die Stalljungen: »Wenn das man gut geht!« Man weiß doch, dass an den Hufeisen des Rappen viel Dreck klebt. Er hatte beim Rennen um die »Agenda 2010« unter Jockey Schröder lauthals die »Deregulierung der Wettkassen« propagiert. Das ließ die Chefs der Gestüte zum Champagner greifen, aber im Publikum brachte das viel Heulen und Zähneklappern. Die scharfen Rechtskurven und das Doping der Gäule mit Sonderboni ließ nur die Abdecker im Lande jubeln. Als dann die Ränge immer leerer wurden, streifte sich die Rennleitung ein rosa Trikot über und verkündete: »Wir gehen jetzt in die Linkskurve! Wir stocken die unteren Gewinnklassen auf. Wir schicken neue Pferde ins Rennen!« Doch dann kamen drei gescheiterte Gäule als Troika an die Deichsel. Und nun ist der Rappe rechts außen durchgegangen. Er fordert »Beinfreiheit«, und jeder ahnt, dass er wieder in die Rechtskurve einbiegt, obwohl ein Großteil des Publikums »Nach links!« schreit.

Während nun viele im Lande den Gaul beobachten und auch an den Hufeisen kratzen, um zu sehen, was da noch dranklebt, haben welche entdeckt, dass bei Peer dicke Geldbündel als »Wadenwickel« zum Einsatz kamen. Man zählte 600.000 Euro aus den letzten drei Jahren und fragt, wo das Geld herkommt und ob die Rennleitung derlei Bindung nicht unterbinden müsste. Worauf Peer schniefte: »Das berührt die Privatsphäre der Pferde und die Intimzone der Spender. Völlige Transparenz gibt es nur im Stall der Diktatur!«

Das löste Pfiffe auf den Tribünen aus, denn das übliche Doping durch die Pferdeflüsterer verlangt Transparenz, sonst begünstigt dies die Diktatur der Sponsoren. Worauf der Rennstall von Peer versprach, alles zu protokollieren.

Nun darf man aber nach Recht und Gesetz hierzulande nur leise fragen, wie dick die Bandagen sind. Da gibt es drei Kategorien: Bis 1.000 Euro pro Auftritt gilt als Lappalie. Ist es ja auch. Zwei Monatssätze Hartz IV für zwei Stunden Arbeit der Vorreiter, das möchte schon sein. Dann zählen als meldepflichtige Nebeneinkommen Honorare bis 3.500 Euro. Danach dann bis 7.000 Euro pro Auftritt. Und was darüber liegt, bleibt im Hafersack versteckt. Bei Peer stieß man auf 81 Veranstaltungen, darunter bei 40 Banken. Er war stets auf Gewinnklasse III, also über 7.000 Euro gesetzt. Daher fordern die Rennteilnehmer mit den dunkelroten und dunkelgrünen Sätteln, künftig sechs oder zehn Stufen der »Sonderrationen Kraftfutter« differenziert mit Absender zu erfassen. So lässt sich dann schneller ermitteln, warum der betreffende Gaul lahmt oder in eine bestimmte Richtung trabt.

Das klingt nach politischer Missgunst und perfidem Sozialneid. Die Tierärzte des Rennstalls vermuten übrigens, dass das Straucheln von Peer durch Giftspritzen mit schwarz-gelbem Etikett ausgelöst wurde. Sie fordern nun Blutproben von allen Gäulen der Konkurrenz.

Das alles wird den stolzen Rappen Peer nicht aufhalten. Der scheitert eher durch zu lautes Wiehern und heftiges Auskeilen. Und wenn er durch fremde Seitenhiebe im Verlauf des Rennens tatsächlich etwas kleiner werden sollte, kann er immer noch, wie einst, als Packesel in Änschies Stall Einzug halten. Vorerst setzt er auf Sieg, weil er das Vertrauen der ganz großen Pferdeflüsterer genießt und weil er Abstand hält von den Maultieren der Linken innerhalb und außerhalb seines Gestüts.

Die Jockeys in den roten Sätteln sollten ihm nicht nachreiten! Wir können nur siegen, wenn wir uns selber treu bleiben! Wir sind nun mal die Einzigen, die den Umbau des Parcours, ein Platzverbot für alle Pferdeflüsterer und das Verbot gedopter Bandagen fordern. Geld hat zu bestechende Eigenschaften!