Disput

Jetzt die Weichen stellen

Zwei zur Rente. Eine kleine DISPUT-Umfrage

DISPUT wollte wissen, was in unterschiedlichen Generationen ganz privat von der Rente erwartet wurde - und für die Zukunft erwartet wird. Die eine - Marion P., 59 - lebt in Rostock, der andere - Nick Prasse, 22 - macht gegenwärtig seinen Master in Politikwissenschaften an der Universität Kassel.

Marion, welche Vorstellungen von Ruhestand bzw. Rente hattest du früher?
Als junge Frau ging ich davon aus, dass ich aufgrund meiner Qualifikation als Facharbeiterin für Datenverarbeitung und meines Fachschulabschlusses im Bereich Ökonomie/Planung mit Erreichen des 60. Lebensjahres, oder vielleicht auch schon mit 55 Jahren, eine vergleichsweise gute Rente beziehen würde, die noch durch die Freiwillige Zusatzrente (FZR) aufgebessert würde.

Wie sah dein Renteneinstieg letztlich aus?
Ich erhalte seit einigen Jahren eine Erwerbsunfähigkeitsrente, erst als Teilrente (ab dem 1. Januar 2004) und seit dem 1. Oktober 2006 als Vollrente. Diese Rente liegt weit unter meinen Erwartungen. Besonders zwei Umstände enttäuschen mich sehr: Erstens sind die Beiträge für die FZR gewissermaßen verloren. Ich stehe finanziell nicht besser da als die Leute, die damals auf eine Vorsorge verzichtet haben, und zweitens erhalte ich durch den gesundheitlich bedingten, verfrühten Renteneintritt einen Abschlag von 10,8 Prozent von einer fiktiv nur bis zum 60. (statt 67.) Lebensjahr hochgerechneten Rente. Ich sehe keine Chance, dass sich dieser Abschlag verringert bzw. sich die Bezugsgröße verändert.

Jeder kennt den Ausspruch von Altarbeitsminister Norbert Blüm: »Die Rente ist sicher!« Was würdest du ihm heute sagen?
Als ich den Ausspruch in der Vergangenheit hörte, fand ich ihn befremdlich. Mir war nicht klar, wieso die Rente nicht sicher sein sollte und weshalb Blüm diesen Fakt immer so herausstellte. Heute gehe ich davon aus, dass sich auch Norbert Blüm im Vertrauen auf die Sonderform des Kapitalismus, genannt »Soziale Marktwirtschaft«, selbst nicht vorstellen konnte, dass man die Sozialsysteme und damit die Rentenversicherung durch solche Sachen wie die Agenda 2010 so kaputt machen kann, wie es unter Schröder und nunmehr Merkel erfolgte und erfolgt.

DIE LINKE hat unlängst ihr Rentenkonzept vorgestellt. Welche Maßnahme hältst du dabei für besonders wichtig?
Alle fünf Eckpunkte sind unabdingbar und wichtig.

Was wünschst du kommenden Generationen?
Dass sie eine auskömmliche Rente erhalten.

Nick, welche Vorstellungen von Ruhestand bzw. Rente hattest du vor sagen wir zehn Jahren?
Damals habe ich Rente oder Ruhestand als nebensächlich betrachtet. Allenfalls habe ich meine Oma bedauert, die, um sich zu ihrer geringen Rente etwas dazuzuverdienen, morgens um 4 Uhr aufgestanden ist und Zeitungen austrug.

Wie sieht dein Renteneinstieg voraussichtlich aus?
Die Frage möchte ich mir derzeit noch gar nicht stellen. Wahrscheinlich würde ich mich durch eine diskontinuierliche Erwerbsbiografie auszeichnen, so dass ich nur geringe Rentenbezüge hätte und sowieso weiterarbeiten müsste. Aber vor dem Hintergrund der Verantwortung für kommende Generationen ist es natürlich wichtig, jetzt die Weichen zu stellen, die die Zukunft möglichst positiv, gerecht und solidarisch beeinflussen. Mein Renteneintritt liegt voraussichtlich im Jahr 2057 - bis dahin ist also noch Zeit für Reformen und strukturelle Veränderungen, um eine existenzsichernde Rente zu schaffen.

Was würdest du Norbert Blüm heute sagen?
Dass er einen gesunden Humor hat. Wirklich ernst kann er seinen Ausspruch, der auch als Wahlkampfslogan Verwendung fand, inzwischen selbst nicht mehr nehmen. In Zeiten, in denen, vor allem mit dem Geld aus privaten Rentenversicherungen, an den internationalen Finanzmärkten spekuliert wird und es in wenigen Sekunden verloren sein kann, kann von Sicherheit kaum mehr die Rede sein. Außerdem beziehen viele Rentner/innen schon heute keine armutssichere Rente mehr; auf jene kann Blüms Ausspruch bestenfalls zynisch wirken.

Was ist dir wichtig am Rentenkonzept der LINKEN?
Die Maßnahmen haben allesamt ihre Berechtigung und sind zum Teil seit Langem überfällig. Sogar die schwarz-gelbe Koalition hatte sich die Rentenangleichung Ost-West vorgenommen und hat sie - selbstverständlich - bisher nicht umgesetzt. DIE LINKE hat hier eine klare Position: Gleiche Rente für gleiche Lebensleistung. Da geht es ja nicht nur um rein finanzielle Anliegen, sondern in dem Kontext schwingen politisch-kulturelle Fragen der vielbeschworenen inneren Einheit mit.
Auch die Rückkehr zur bewährten Rentenformel mit einem Rentenniveau von 53 Prozent ist zur Bekämpfung von Altersarmut grundlegend. Die Zahl der Bezieher/innen von Grundsicherung im Alter lag 2010 schon bei über 400.000 Menschen - zwei Drittel davon Frauen - und steigt weiter an. Hier muss dringend gegengesteuert werden, auch im Hinblick auf das gesamtgesellschaftliche Gleichgewicht und die Generationengerechtigkeit.

Was wünschst du kommenden Generationen?
Dass Norbert Blüm recht behält.
Außerdem ein kritisches Bewusstsein für die Realität. Weniger die großen Visionen oder Begeisterungsstürme, sondern eher konkrete Handlungen, um politische Veränderungen herbeizuführen und die Erfolge zu sehen. Das Primat der Politik zu besitzen und in einer lebendigen Demokratie den Alltag selbst zu gestalten.
Die kommenden Generationen werden ja immer von den vorhergehenden beeinflusst. Somit wünsche ich mir, dass meine Generation einen Wandel der Arbeitskultur im Allgemeinen herbeiführt und die folgenden Generationen beispielsweise kürzere Arbeitszeiten haben und prekäre Beschäftigung als Auswuchs des Finanzmarktkapitalismus bloß noch in den Geschichtsbüchern zu finden ist. Wir dürfen nicht warten, bis die Zukunft wie ein Unwetter über uns hereinbricht, sondern wir sollten jetzt Veränderungen herbeiführen. Albert Camus hat einmal gesagt: Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben. Ich denke, DIE LINKE geht hier mit gutem Beispiel voran.

Fragen: Antje Kind