Disput

Schlechte Bezahlung, gute Besserung?

Betroffen im Kinderkrankenhaus Agia Sofia in Athen

Von Michael Schlecht

»Es gibt immer mehr Depressionen und vermehrt Suizide, gerade bei Kindern«, so Professor Stelios aus der psychiatrischen Abteilung des Kinderkrankenhauses Agia Sofia in Athen. Auch die Misshandlungen von Kindern würden deutlich zunehmen. Dies sind Berichte, die Bernd Riexinger und mich bei unserem Besuch am betroffensten machten.

»Die Pflege der Kinder, die ja viel mehr Zuwendung erfordert als bei erwachsenen Patienten, wird für uns immer schwerer«, schildert die Pflegerin Dorou Renatiz. »Von 2.500 Beschäftigten sind jetzt noch 1.900 übrig, bei 700 Betten. Und da wir ein öffentliches Krankenhaus sind, kommen 70 Prozent mehr Patienten zu uns als früher, weil sie sich nicht mehr die Behandlung bei niedergelassenen Ärzten oder in Privatkliniken leisten können.«

Die Bezahlung wird immer mehr gesenkt. Um rund 40 Prozent haben die Kolleginnen und Kollegen verloren. »Pflegekräfte bekommen als Berufsanfänger 750 Euro im Monat, nach 20 Jahren liegen sie dann bei 1.300 Euro, da sind dann schon alle Schichtzuschläge mit drin«, informiert Christodoulou Mazia, Personalleiterin des Krankenhauses. »Ich selbst bekomme nach 34 Jahren 1.400 Euro.« Ärzte liegen nach den Gehaltskürzungen bei rund 1.800 Euro. Und man muss wissen: Die Lebenshaltungskosten in Athen sind ähnlich wie in Deutschland.

Im Kinderkrankenhaus Agia Sofia zeigt sich wie im Brennglas, was die vor allem von der deutschen Regierung aufgezwungene rücksichtslose Kürzungspolitik in Griechenland anrichtet. Kanzlerin Merkel sieht sich während ihrer Athen-Visite am 9. Oktober die Folgen ihrer Politik nicht an. Zur gleichen Zeit unseres Krankenhausbesuches sitzt sie bei Präsident Samaras, danach im Luxushotel mit Unternehmern, von 7.000 Polizisten kilometerweit abgeschirmt vom wirklichen Leben.

Von Verantwortungsgefühl für den Niedergang Griechenlands ist bei Merkel nichts zu erkennen. Dabei setzte der freie Fall des Landes erst ein, nachdem Merkel nach sechsmonatiger Blockade im Mai 2010 grünes Licht für EU-Hilfen gab. Jedoch nur unter brutalen Kürzungsauflagen, die die Wirtschaft seitdem um nahezu 20 Prozent abstürzen ließen. Für 2013 wird ein weiteres Wegrutschen um vier Prozent erwartet.

Es gibt vieles in Griechenland zu reformieren, das wissen die Bürgerinnen und Bürger am allerbesten. Aber in den Abgrund ist das griechische Volk erst von Merkel gestürzt worden. Sie versucht, die deutsche Agenda 2010 in verschärfter Form allen anderen Ländern Europas überzustülpen. Deshalb wehren sich die Menschen. In Frankreich, in Portugal, Spanien und Italien. Und am 9. Oktober wiederum mit Demonstrationen auch in Athen.

Für uns LINKE ist es selbstverständlich, uns an derartigen Protesten zu beteiligen. Die Grenzziehung verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen denen da oben und der Mehrheit der Völker.

Umso abstruser ist es, dass wir von den »Stuttgarter Nachrichten« als »vaterlandslose Gesellen« beschimpft werden. Diese Kampfformel wurde 1914 gegen Karl Liebknecht verwandt, als er die Kriegskredite für den Ersten Weltkrieg nicht unterstützte. Es muss uns mit Sorge erfüllen, wenn derartige Beschimpfungen nicht von Rechtsradikalen, sondern von Journalisten gut-bürgerlicher Zeitungen in die Welt gesetzt werden.

Michael Schlecht ist Bundestagsabgeordneter und Gewerkschaftspolitischer Sprecher im Parteivorstand.