Disput

Eine inspirierende Erfahrung

Die 7. Sommeruniversität der Europäischen Linken: Hegemonie entsteht in sozialen Kämpfen

Von Moritz Kirchner

Die diesjährige Sommeruniversität der Partei der Europäischen Linken fand unter dem Motto »Peoples of Europe unite« in Portaria (Griechenland) statt. Mehr als 400 Genossinnen und Genossen aus ganz Europa versammelten sich Mitte Juli in dem beschaulichen, touristisch geprägten Bergstädtchen, um sich zu bilden, zu vernetzen und zu diskutieren. Auch das Vergnügen und der Wein kamen nicht zu kurz. Aus Deutschland nahmen über 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer teil.

Durch die Lokalisierung in Griechenland war die Sommeruniversität thematisch von der Krise und ihren lokalen Auswirkungen bestimmt. Die Genossinnen und Genossen des griechischen Linksbündnisses Syriza prägten die Sommeruniversität organisatorisch und inhaltlich. Der Sparpolitik als neuester Spielart des Neoliberalismus entgegenzutreten, ist für sie - wie der Kampf um die demokratische Souveränität Griechenlands - die Hauptaufgabe. Der jüngste Wahlerfolg von Syriza war ein vielfach diskutiertes Thema, ebenso natürlich die ungewisse Zukunft Griechenlands. Die Krise selbst wurde als eine politische, ökonomische, soziale, demokratische und ökologische Krise gesehen, die selbstredend eine Krise des Kapitalismus ist und eine entschlossene Antwort und politische Alternativen der Europäischen Linken verlangt.

Es gab viele Podien und Workshops mit interessanten Referentinnen und Referenten (http://elsummeruniversity2012.wordpress.com/program/). Dabei war es schwer, eine Auswahl zu treffen, welche Veranstaltungen man besucht. Besonders in Erinnerung blieb mir das Referat von Silja Bara Omarsdottir von der Universität Island im Workshop »Making democracy real«. Sie beschrieb den Prozess der Verfassungsgebung in Island sehr plastisch, vor allem die Einbeziehung der Bevölkerung durch E-Mails und Facebook. Das Beispiel zeigte, dass die Demokratie die Bevölkerung ernst nehmen kann.

Als Zweites möchte ich das Referat von Bob Jessop zum Thema Krise, Neoliberalismus und Postdemokratie nennen. Er stieg mit der Diagnose als Vielfachkrise ein und witzelte, dass Sarkozy besser den Dritten Band des »Kapital« hätte lesen sollen und nicht nur den ersten. Dann hätte er bessere Vorschläge zur Lösung der Krise gemacht. Schön beschrieb Jessop, dass der Neoliberalismus den direkten Weg zur Postdemokratie, das heißt zur Aushebelung demokratischer Prinzipien führte. Er brachte eine interessante Machtdefinition von Karl Deutsch in die Analyse der gesellschaftlichen Eliten ein: »Macht bedeutet die Fähigkeit, nicht aus Fehlern lernen zu müssen«. Ein sehr inspirierendes Referat.

Die Rede von Alexis Tsipras, dem coolen und umgänglichen Vorsitzenden der Partei Synaspismos, war einerseits inhaltlich interessant, andererseits auch humorvoll und illustrativ. In Anlehnung an die beiden Comicfiguren Tom und Jerry beschrieb er den Kapitalismus als Katze, die schon über den Abgrund schwebt, schnell rennt und immer noch nicht realisiert, dass es gleich bergab gehen wird. Die politische Linke sei die Maus Jerry, die der Katze Tom dies immer wieder - vergeblich - mitteilt. Aber im Ernst: Gesellschaftliche Hegemonie entstehe, so Tsipras, nicht am Wahltag, sondern in den sozialen Kämpfen. Ebenso führte er aus, dass eine Kritik des Kapitalismus unzureichend ist - eine Alternative müsse her: ein Sozialismus für die Zukunft, der die Bedürfnisse der Menschen sehr ernst nimmt. Vielleicht wird Tsipras gerade wegen dieser Nähe zu den allgegenwärtigen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen von manchem Medium als »gefährlichster Mann Europas« tituliert.

Das Beste der Sommeruniversität jedoch war das Abendprogramm. Bei einem gut temperierten 20-Jahre-Synaspismos-Wein kam man problemlos mit den Genossinnen und Genossen aus ganz Europa ins Gespräch und konnte Kontakte knüpfen. Dadurch ist ein umfassendes Bild der Situation der europäischen Linken in den einzelnen Ländern entstanden. Die vielen neuen internationalen Kontakte und Anregungen sind sehr erfreulich.

Vielleicht hätte noch mehr außerhalb des Hotelkomplexes - beispielsweise ein Ausflug - gemacht werden können; auch so manches organisatorische Detail war nicht perfekt. Ansonsten aber war die Sommeruniversität eine inspirierende Erfahrung, die ich gern in die Partei hereintragen werde.