Disput

Zusammenrücken bei Anti-Krise-Brot

Kristin Findeisen und John Müller über Spaniens Alltag heute

Kristin Findeisen (32) und John Müller (31) haben ein halbes Jahr in Asturien verbracht. Gerade zurückgekehrt, hat DISPUT sie zum spanischen Alltag befragt.

In Griechenland gibt es im Leben der Menschen drastische Einschränkungen. Wie sieht das in Spanien aus?
Es hat sich auf jeden Fall auf beruflicher Ebene eine Menge geändert. In unserem Dorf haben wir Menschen kennengelernt, die zwei Stunden zur Arbeit fahren, da sie glücklich sind, überhaupt eine gefunden zu haben. Sie sind dann inklusive Siesta von 6 Uhr morgens bis 10 Uhr abends unterwegs, und das an sechs Tagen in der Woche.
Unser Nachbar ist 25 Jahre alt. Er ist gelernter Kfz-Mechaniker und dieser Arbeit mit Hingabe nachgegangen. Mit der Krise hat er seinen Job verloren, war ein Jahr arbeitslos und arbeitet nun als Hilfsbäcker, sieben Tage die Woche ohne einen Tag Urlaub im Jahr. Trotzdem verdient er so wenig Geld, dass er noch bei seinen Eltern wohnen muss.
In dem Bus, mit dem wir immer gefahren sind, erzählte uns der Fahrer, dass früher viel mehr Menschen mit ihm zu den großen Wochenmärkten gefahren sind. In Zeiten der Krise bauen die Menschen wieder mehr selbst auf den Feldern an und sparen sich die Busfahrkarte.

Habt ihr von jungen Menschen gehört, die wegen beruflicher Perspektivlosigkeit mit dem Gedanken spielen auszuwandern?
Auf jeden Fall, das hört man an jeder Ecke. Vor allem natürlich im akademischen Sektor. In Spanien verlassen jährlich Tausende junge Akademiker die Unis ohne eine Perspektive auf einen Job. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in vielen Regionen bei fast 50 Prozent. Da sehen die Menschen keine Hoffnung im eigenen Land. Es ist traurig, dass dieses Land schon wieder von einer Emigrationswelle gebeutelt wird.

In Griechenland gibt es seit Kurzem einen bedenklichen Anstieg von Rechtsextremismus und Rassismus. Wie sieht das in Spanien aus?
Da haben wir nicht soviel mitbekommen. In Spanien gibt es in manchen Teilen der Bevölkerung einen latenten Rassismus gegenüber afrikanischen Arbeitern und Einwanderern. Ob sich der nun durch die Krise verstärkt hat, können wir nicht beurteilen.

Gibt es Ressentiments und Vorurteile gegenüber Deutschland oder den »Deutschen«?
Da hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Wir sind ja sehr oft auch länger in Spanien und da kann man seit der Krise schon einiges feststellen. Sobald man erzählt, dass man aus Deutschland kommt, fällt erst einmal das Wort Merkel, und das nicht im positiven Sinne. Die Menschen haben Angst und verbinden mit diesem Namen noch mehr Angst vor der Zukunft. Unser Vermieter brachte es auf den Punkt: »El diabolo se llama Merkel« (der Teufel heißt Merkel). Und diese negative Verbindung mit Angela Merkel und den Deutschen erfährt man an vielen Ecken, auch im akademischen Bereich. Trotzdem kann man sagen, dass wir bei den meisten Bekanntschaften eine Willkommenskultur erlebt haben, die uns sehr beeindruckt hat.

Wie ist die Stimmung bei den Menschen – welche Hoffnungen haben sie?
Die Krise ist das Thema Nummer eins. Sie ist immer in den Köpfen fast aller Spanier und mittlerweile sogar in der Werbesprache angekommen. Es gibt »Anti-Krise-Brot«, »Anti-Krise-Reisen«, »Anti-Krise-Preise« usw. Die Hoffnung auf schnelle Besserung sehen die wenigsten. Vor allem der Glaube an die Politik schwindet. Viele sehen die Korruption auf politischer Ebene als das große Übel ihrer Misere. In etlichen Gesprächen merkt man, dass auch das Vertrauen in den Euro nachlässt. Selbst in den großen Spielshows werden die Preisgelder noch in Peseten umgerechnet.
Was bleibt ist, dass viele Spanier auch in diesen Zeiten das Positive am Leben sehen. Dass man in Zeiten der Krise auch als Familie wieder enger zusammenrückt und sich in der Gemeinschaft gegenseitig hilft. Die positive Sicht auf das Leben geht wenigen verloren. Das ist natürlich beeindruckend.

Interview: Antje Kind