Disput

100 Jahre

Am »Tag des offenen Denkmals« feierte DIE LINKE das Jubiläum ihres Parteihauses

Von Ronald Friedmann

Vor genau 100 Jahren ließ der Kaufmann Rudolph Werth in der Kleinen Alexanderstraße 28 in Berlin ein Fabrik- und Geschäftshaus, eine sogenannte Etagenfabrik, errichten, um dort seinen »Adler Türschließer« zu produzieren. Damit begann die Geschichte des späteren Karl-Liebknecht-Hauses. Für DIE LINKE war das Anlass, im Rahmen der vielfältigen Veranstaltungen zum bundesweiten »Tag des offenen Denkmals« am zweiten September-Wochenende zu einer speziellen Feier mit Filmvorführung, Kaffeeklatsch und Buchlesung einzuladen, auch wenn die zuständigen Mitarbeiter/innen der Bundesgeschäftsstelle lange Zeit unsicher waren, wie man das Ereignis eigentlich nennen sollte: »100 Jahre Karl-Liebknecht-Haus« konnte es nicht sein, denn »Karl-Liebknecht-Haus« – und Parteizentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands – wurde das Gebäude erst im Jahre 1927, also vor 85 Jahren. Nach langem Grübeln lud man schließlich zu »100 Jahren Grundsteinlegung des heutigen Karl-Liebknecht-Hauses« ein, und erfreulich viele Gäste folgten dieser Einladung. Für sie wurde der Besuch im Parteihaus der LINKEN zu einer Geschichtsstunde der besonderen Art, denn kaum ein anderes Gebäude in der Hauptstadt steht so symbolhaft für die wechselvolle Geschichte des vergangenen Jahrhunderts.

Spätestens bei der Diskussion um die Umstände, unter denen im Jahre 1995 ein Vergleich zwischen der PDS, der Treuhandanstalt und der »Unabhängigen Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR« über alle offenen Vermögensfragen der PDS, einschließlich der Eigentumsrechte am Karl-Liebknecht-Haus, ausgehandelt und abgeschlossen wurde, wurde für die Gäste der »Jahrhundert-Feier« deutlich, dass die Geschichte der PDS – und damit die Geschichte der LINKEN – untrennbar mit dem Karl-Liebknecht-Haus verbunden ist.

Die KPD hatte das Gebäude in der Kleinen Alexanderstraße im Sommer 1926 gekauft und in den folgenden knapp zwei Jahren – bei laufendem Geschäftsbetrieb – für die Zwecke der Partei umbauen lassen. (Übrigens: Wann und wie die Entscheidung fiel, die neue Parteizentrale nach Karl Liebknecht zu benennen, ist nach wie vor ungeklärt. Weder im ehemaligen Parteiarchiv in Berlin noch im Archiv der Kommunistischen Internationale in Moskau ließen sich bisher Dokumente finden, die darüber Auskunft geben.)

Im März 1933, wenige Wochen nach der Machtübergabe an Hitler und seine Bande, wurde das Karl-Liebknecht-Haus von der SA, der Schlägertruppe der deutschen Faschisten, besetzt und zum »Horst-Wessel-Haus« gemacht. Kurz danach wurde es als »Herd staatsfeindlicher Umtriebe« durch die Gestapo auch formell zugunsten des preußischen Staates enteignet.

Nach der Befreiung vom Faschismus im Mai 1945 wurde das Karl-Liebknecht-Haus, das noch in den letzten Kriegstagen weitgehend zerstört worden war, von den Alliierten zunächst als »Eigentum, das früher dem Hitlerstaat […] gehört hat«, so der Wortlaut des entsprechenden Befehls, beschlagnahmt. Zwei Jahre später wurde es von der Sowjetischen Militäradministration der SED zurückgegeben, die inzwischen im Ostteil Deutschlands durch den Zusammenschluss von KPD und SPD entstanden war.

Im Sommer 1948 beschloss die Führung der SED, das Haus in der Kleinen Alexanderstraße wieder aufbauen zu lassen. Zunächst diente es als Büro- und Gästehaus, dann – nach einem weiteren Umbau Ende der fünfziger Jahre – waren bis 1990 im Karl-Liebknecht-Haus vor allem jene Bereiche des Instituts für Marxismus-Leninismus untergebracht, die für die Herausgabe der Werke von Marx und Engels, die berühmten »blauen Bände«, zuständig waren.

Mit dem Umzug der PDS, die in einem schmerzhaften Prozess der Erneuerung aus den Resten der gescheiterten SED entstand, in die Kleine Alexanderstraße rückte das Karl-Liebknecht-Haus im Frühsommer 1990 wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: Bereits zwei Wochen nach der »Wiedervereinigung« stürmten erstmals Staatsanwaltschaft und Polizei auf der Suche nach »verstecktem Parteivermögen« die Zentrale der PDS. Bis zum erwähnten Vergleich im Jahre 1995 folgten zahllose weitere – politisch motivierte – juristische Schikanen, mit denen die PDS in der Öffentlichkeit kriminalisiert werden sollte.

Ohne eine breite Solidarität innerhalb und außerhalb der Partei hätte die PDS diese Zeit kaum überstanden. So ist das Karl-Liebknecht-Haus, dessen Grundstein vor 100 Jahren gelegt wurde, auch ein Symbol der Solidarität.