Disput

Diese Reise kann man nicht buchen

Auf den Spuren des antifaschistischen Widerstandes in Europa

Von Thomas Singer

Immer wieder fragen wir uns, wie wir junge Menschen für Geschichte, für Antifaschismus und für DIE LINKE begeistern können. Wir haben eine kleine, aber sehr emotionale Antwort gefunden: Wir haben vor vielen Jahren den Verein »Zivilcourage vereint« gegründet. Er hat sich zum Ziel gesetzt, antifaschistischen Widerstand in Europa für Jugendliche erlebbar zu machen. Das achte Mal sind Jugendliche mit Gesine Lötzsch, der Vorsitzenden des Vereins, auf den Spuren des Widerstandes unterwegs. Dieses Jahr waren wir in Katalonien. Die Jahre davor in Belgien, Italien, Griechenland, Österreich und anderen europäischen Ländern, die Opfer Hitler-Deutschlands wurden.

Doch es gab nicht nur viele Opfer, es gab auch viele Menschen, die Widerstand geleistet haben. Einen solchen Menschen, Tario Rubio (95), trafen wir gleich am ersten Tag unserer Reise in Barcelona auf einem Friedhof am Fuße des Montjuic. Für viele Bewohner Barcelonas ist der Montjuic der Inbegriff der Franco-Diktatur. Dort liegen Tausende Interbrigadisten, die von Franco nach dem Bürgerkrieg getötet und dann in Massengräbern verscharrt wurden. Tario sprach so bewegend und so anschaulich über die Verbrechen Francos, dass wohl keiner der zwölf Teilnehmer dieses Ereignis je vergessen wird. Das war ein ziemlich »brutaler« Einstieg in unsere Studienreise. Doch auf dem Weg durch Katalonien – von Corbera d‘ Ebre bis in die französische Stadt Elne – wurden immer wieder unsere Emotionen aufgewühlt. Es ist heute eigentlich nicht mehr vorstellbar: Menschen aus 52 Ländern kamen nach Spanien, um die Republik zu verteidigen und den Putschisten Franco zu schlagen. Welches Ereignis müsste eintreten, damit heute ein solcher Akt der globalen Solidarität ausgelöst werden könnte? Viele Interbrigadisten, die oft nicht älter waren als die Reiseteilnehmer, haben in diesem ungleichen Krieg ihr Leben verloren.

Wir wanderten auf die Anhöhe 705 und schauten auf ein wunderschönes grünes Tal. Dort tobte 1938 die Ebroschlacht, an der insgesamt eine Million Menschen beteiligt waren. Auf der Anhöhe lag das »Nuckelflaschenbattalion« der Volksarmee. Den Namen bekam diese Einheit, weil die Soldaten nicht älter als 18 Jahre waren. Es war schwer für uns, bei 28 Grad, Sonnenschein und idyllischer Landschaft die nötige Vorstellungskraft zu entwickeln, wie es damals war, mit alten Waffen, schlechter Kleidung und zu wenig Nahrung für eine linke Volksrepublik zu kämpfen. Doch es war möglich. Kinder von Spanienkämpfern haben uns immer wieder die Geschichten ihrer Eltern erzählt. So trafen wir im französischen Elne den kommunistischen Bürgermeister Nikolas Garcia. Er hat als Bürgermeister einer Stadt von 7.000 Einwohnern etwas Großartiges vollbracht: Er hat aus einem kleinen Schloss ein ungewöhnliches Museum gestaltet. Dieses schöne Haus am Rande der Stadt trug über ein halbes Jahrhundert ein Geheimnis in sich. In ihm kamen ab 1939 Hunderte Kinder zur Welt und wurden so vor dem sicheren Tod bewahrt. Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Die Interbrigadisten mussten nach dem Bürgerkrieg Spanien verlassen und flohen über Pyrenäenpässe nach Frankreich. Sie wurden von der französischen Regierung nicht freudig empfangen, sondern unter unmenschlichen Bedingungen interniert. Ein Lager befand sich in Argelès, direkt am Strand. Es wurde im Winter 1939 errichtet. Das Lager bestand nur aus einem Zaun. Es gab keine Baracken, keine Toiletten, keine Waschräume, es gab nur Sand und Meer. Die Mütter gruben ihre Kinder in den Sand ein, damit sie nicht erfrieren. Die Schweizer Hebamme Eidenbenz, damals 27 Jahre, holte mit Hilfe des Roten Kreuz schwangere Frauen und hungernde Kinder aus dem Lager und brachte sie in das kleine Schloss bei Elne. Ein israelischer Diplomat, der dort zur Welt kam, erzählte dem Bürgermeister die Geschichte. Nikolas Garcia sorgte dafür, dass die kleine Gemeinde das Schloss kaufen konnte, und sammelte über 400.000 Euro Spenden, um das Haus zu sanieren. Er fand Zugang zu unterschiedlichen Fördertöpfen, um aus dem Schloss ein Museum zu machen.

Eines Abends diskutierten wir mit französischen Widerstandskämpfern über das Europa des Widerstandes und über das Europa von heute. Gesine zitierte deutsche Medien, die über »die faulen Griechen« herzögen. Es gab plötzlich mehrere Zwischenrufe: »Faule Franzosen! Das kennen wir noch aus dem Zweiten Weltkrieg!« Die deutschen Wörter faul und Achtung kennt noch immer jeder Franzose.

Nächstes Jahr wollen wir nach St. Petersburg fahren. Möglich wird die Reise, wenn sich wieder genügend Menschen finden, die diese Reise finanziell unterstützen. Dieses Mal waren es: Gesine Lötzsch, Sabine Stüber, Diana Golze, Kirsten Tackmann, Sabine Leidig, Dietmar Bartsch, Thomas Nord und die Familie Melis. (Weitere Informationen unter: www.zivilcourage-vereint.de)