Disput

In aller Munde

Das kleine Blabla

Mh, lecker: ein gutes Frühstück im kalten Winter. Im Radio die Nachrichten. Ich kaue und höre: »… sind derzeit in aller Munde.« In einem Comic stünde daraufhin hier: Hust … röchel … prust! Beinahe fällt mir das Essen aus dem Gesicht. Man hätte die Schnauze voll, bei dem, was derzeit so alles in aller Munde ist. Leicht ließen sich die Backen füllen mit Schwerverdaulichem: Klimaerwärmung, Elektroautos oder Whistleblowing … Da ist so allerhand zu schlucken.

Gemeint ist ja, dass man (alle, immer wieder sind es ALLE) über etwas spricht. Demzufolge kommt etwas thematisch Begrenztes (Klimaerwärmung, Elektroautos oder Whistleblowing) in Form von Atem und Geräusch AUS aller Munde, wenn schon und überhaupt.

Das fröhliche Bild hinkt (ja, das Bild hinkt!!!), wenn man bedenkt, dass etwas, worüber eine Vielzahl von Menschen spricht, oftmals schon zigfach durchgekaut und wiedergekäut wurde – wer will sowas in seinem Mund, dem des Nachbarn, gar in ALLER Munde haben?

»In aller Munde« ist zudem so ausgelutscht, dass keiner mehr Hemmungen oder Beklemmungen kennt. Oder es dürfen Azubis texten, wenn so was rauskommt: »Gammelfleisch in aller Munde.« Besser noch EHEC: »Der Erreger war im letzten Jahr in aller Munde.« Mein Mund wird rund, mein Mund wird breit – warum auch nicht, er hat ja Zeit, und ich lache gern über verbalen Stuss.

Einen ironischen Seitenhieb verpasste diesem Gefloskel im Übrigen vor Jahren schon die Werbeagentur der LINKEN. »In aller Munde, DIE LINKE«, stand auf Bonbons, die in Wahlkampfzeiten verteilt wurden. Der Bonbon gehört genau dahin, in den Mund. Themen nicht – die gehören, wenn überhaupt in Bildern, durch die Ohren in das Hirn. Und wenn einem dann das Herz auf der Zunge liegt – bitte, meinetwegen. Ansonsten: durchatmen und runterschlucken.

Daniel Bartsch

DISPUT steht wirklich mehr auf Lebkuchen, Dominostein oder Glühwein. Denen gilt die kleine Sprachglosse ausdrücklich nicht. Wohl bekomms!