Disput

Kling, Glöckchen, klingelingeling …

Feuiletton

Von Jens Jansen

Früher meinte das Lied die Glöckchen zur Heiligen Nacht. Heute gilt das mehr für die Kassen der Warenhäuser und Supermärkte. Die Einzelhändler rechnen mit einem Drittel des Jahresumsatzes zur Weihnachtszeit. Das sind über 15 Milliarden Euro oder 288 pro Rentier, das mit roter Nase durch die Konsumtempel stapft.

Solch Reibach fällt nicht vom Himmel. Da müssen gleich nach Ostern die Schoko-Hasen, die überlebt haben, umgeschmolzen werden zu Weihnachtsmännern. Da müssen ab Oktober alle Wege mit Pfefferkuchen gepflastert werden. Da müssen die »fünf Weisen« der Kanzlerin – Jesus hatte nur drei als Paten – dem Volk und der Regierung vorrechnen, dass Deutschland das glücklichste Land der Erde ist. Und weiterregieren darf nur, wer den Unternehmern das »Weiter so!« verspricht und die linken Ketzer und Umstürzler an der kurzen Leine hält.

Die SPD hat ein bisschen an der Leine gezerrt. Sie verlangte 50 Milliarden für den Wandel auf wichtigen Gebieten. Am Ende der Koalitionsrangelei hatte sie 23 Milliarden auf ihrem Gabentisch. Das wird bei 17 Milliarden Steuerüberschuss schon aufzubringen sein. Das größte Geschenkpaket geht an die 30 Großunternehmen der DAX-Börse. Die haben in diesem Jahr etwa 25 Prozent Kursgewinn durch immer neue Rekorde dank der Billigzinsen der Europäischen Zentralbank gemacht. Die Sparer suchen händeringend eine Bank, die wenigstens 1,5 Prozent abgibt. Für kurze Zeit mussten die Vorstandsetagen zittern, weil in der Schweiz, wo man die Demokratie öfter wörtlich nimmt, eine Volksabstimmung lief, die bestätigen sollte, dass die Manager nicht mehr als das Zwölffache ihrer Untergebenen einstecken dürfen. Das ging aber daneben, weil in der Schweiz jedes zweite Haus eine Bankfiliale ist. In Deutschland ist weiter das 50- und 100-Fache erlaubt und gefördert. Trotzdem wurmt es unsere Superreichen, wenn ihre Pförtner Mindestlohn kriegen sollen. Der Koalitionsvertrag sagt deshalb: Nicht gleich und nicht alle. Lasst doch die Sozialämter weiter die Mieten der unterbezahlten Leiharbeiter blechen!

Es zahlt sich eben aus, wenn Familie Quandt für BMW vor der Weihnacht oder der Wahl einen dicken Goldbarren in die richtige Parteikasse wirft. Kein Wunder, dass seine Heiligkeit der Papst zum Advent verkündet: Der Kapitalismus ist in der Wurzel ungerecht! Diese Wirtschaft tötet! Wenn die Priester und Potentaten gute Hirten sein wollen, dann sollten sie nach den Schafen riechen. – Starke Worte für ein starkes Arbeitsprogramm im Vatikan!

Wenn Gysi derlei im Bundestag fordert, gilt er als Miesmacher. Wenn der Papst das in seinem apostolischen Schreiben sagt, dann fehlt den Medien Papier und Sendezeit. Mal sehen, ob BMW hundert Lieferwagen für »Essen auf Rädern« an die Armenkasse spendet. Vielleicht räumt der Skandal-Bischof von Limburg seine mit 32 Millionen Euro renovierte Amtshütte für obdachlose Asylbewerber?

Die ARD hatte den glücklichen Einfall, in Stadt und Land, Ost und West, die Leute zu fragen, ob sie glücklich sind. Eine Umfrage von Infratest dimap bei über 50.000 Mitbürgerinnen und Mitbürgern ergab: Im Westen sind die Leute glücklicher als im Osten, im Süden noch glücklicher als im Norden, nur in Ostelbien hängen sie durch! Ab 3.000 Euro netto im Monat kommen die Leute zurecht. Wer nur die Hälfte hat, ist halb so glücklich. Wer hätte das gedacht! Um aber die Quellen der Unzufriedenheit nicht im System zu suchen – wie Papst Franziskus –, wurde auch gefragt, welcher Partei die Befragten nahestehen. Und siehe da: Die Glücklichen wählen die Union, die Nörgler kommen von den Linken. Müssen wir nun die Rute fürchten? Nicht doch! Die Glücksbotschaft lautet: Der Papst ist einer von uns! Halleluja!