Disput

Verkäufer/innen sind bedient

Zu den Streiks im Handel

Interview mit Undine Zachlot, ver.di-Sekretärin Fachbereich Handel, Bezirk Mittel-/Nordthüringen

Die Arbeitgeber haben den Manteltarifvertrag im Einzelhandel aufgekündigt. Was bedeutet das für die Beschäftigten?

Es ist bisher einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik, dass ein Arbeitgeber komplett alle Manteltarifverträge aufkündigt. Dies ist ein Generalangriff auf alle Beschäftigen im Einzelhandel. Die Arbeitgeber argumentieren, der Manteltarifvertrag sei überholt und veraltet, deshalb müsse er »modernisiert« werden. Modernisierung meint hier aber ausschließlich die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Die Arbeitszeiten sollen vollständig flexibilisiert, Nachtschichtzuschläge gestrichen und neue, besonders schlecht gestellte Lohngruppen geschaffen werden.

Momentan befinden wir uns in der Nachwirkungszeit der Tarifverträge. Das bedeutet, sie haben noch ihre Gültigkeit – allerdings nur für bestehende Beschäftigungsverhältnisse. Für Neueingestellte gelten momentan bloß noch die gesetzlichen Mindestanforderungen. Edeka Hessenring und OBI verfahren bereits danach und stellen Kolleginnen zu deutlich schlechteren Konditionen ein. Der Stundenlohn liegt teilweise bei gerade einmal 6,50 Euro.

Wie haben die Belegschaften/Betriebsräte auf die Kündigung reagiert?

Es herrscht eine große Wut, aber auch Kampfbereitschaft unter den Kolleginnen und Kollegen. Die Leute verstehen natürlich, worum es hier geht, und sie sind entsprechend bereit, für ihre Rechte und Forderungen zu kämpfen. In Erfurt haben wir seit dem 1. Juni 20 Streiktage mit knapp 3.000 Kolleginnen und Kollegen durchgeführt. Baden-Württemberg liegt bereits bei 70 Tagen. Einen solchen großen und intensiven Arbeitskampf gab es bei uns bisher noch nie.

Wie ist die Stimmung?

Kämpferisch! Anders kann man das nicht sagen. Wir gewinnen bei ver.di viele neue Mitglieder, momentan liegen wir bei acht bis neun Prozent Mitgliederzuwachs.

Was sind eure Forderungen?

Wir wollen zwei Dinge: erstens die Wiedereinsetzung des Manteltarifvertrages und zweitens eine Lohnerhöhung von einem Euro pro Stunde. Momentan gibt es immer wieder neue Verhandlungsrunden mit den Arbeitgebern. Darauf verlassen wir uns aber nicht alleine. Es wird viel gekämpft vor den Betrieben.

In einigen Städten haben sich Unterstützerstrukturen in Zusammenarbeit mit Belegschaft und ver.di gebildet …

Ja, das ist eine prima Sache. In Erfurt gibt es die Gruppe »Tarifkampf im Einzelhandel – Supporter Crew«, das ist eine große Gruppe von jungen Leuten aus anderen Gewerkschaften und der Universität. Sie organisieren Unterstützungsmaßnahmen für die kämpfenden Kolleginnen und Kollegen. So wurden große Türanhänger mit dem Spruch »Ich unterstütze den Tarifkampf meiner Verkäuferin« produziert und in die Regale von Supermärkten gehängt. Damit sollen auch die Kunden über die Notwendigkeit des Arbeitskampfes informiert werden.

Was kommt als Nächstes?

Wir bereiten weitere Streikaktionen unter dem Motto »Weihnachten steht vor der Tür – wir auch!« vor. Am 11. Dezember gibt es eine neue Verhandlungsrunde mit den Arbeitgebern. Sollte es dort zu keiner Einigung kommen, werden wir auch die Vor-Weihnachtszeit bestreiken. Wir lassen uns nicht kleinkriegen.

Interview: Tim Herudek