Disput

Alltäglicher Irrsinn

KiTa-Ausbau und Herdprämie

Von Carolin Butterwegge

Meine Nachbarin, Mutter eines Fünf- sowie eines fast Zweijährigen, möchte schon seit Längerem wieder in ihren Beruf zurückkehren. Allein es fehlt ein Betreuungsplatz für den Kleineren. Da wir in einer nordrhein-westfälischen Großstadt leben, kommt das Ergattern eines Platzes für Unter-Dreijährige (U3) einem Sechser im Lotto gleich. Kindertagesstätten sind ausgebucht, haben gar keine oder nur für Geschwisterkinder reservierte U3-Plätze. Meine Nachbarin hat in ihrer Verzweiflung einen Platz in einer privaten Kita gebucht - bis mittags - und zahlt 800 Euro im Monat. Doch demnächst erhält sie dafür ja 100 Euro Betreuungsgeld.

Ab August gilt der Rechtsanspruch auf Betreuung für Kinder ab einem Jahr. Das wurde zwar bereits auf dem Krippengipfel 2007 beschlossen, aber lange passierte mangels Finanzierung neuer Plätze kaum etwas. Jetzt stockt der Ausbau wegen komplizierter Verfahren zur Mittelbewilligung, wegen mehrfacher Gesetzesänderungen zum Finanzieren von Um- und Neubauten und wegen fehlender Grundstücke. Das treibt manchmal seltsame Blüten, etwa wenn eine neue Kita direkt an einer der meistbefahrenen Autobahnen der Republik geplant wird.

Meine Stadt plant, bis August für 40 Prozent der Kinder Betreuung anzubieten, obwohl die Nachfrage gerade in Ballungsgebieten weit höher eingeschätzt wird. Das Jugenddezernat gibt sich zuversichtlich, damit den Rechtsanspruch einlösen zu können. Die Platzzahlen sind jedoch schöngerechnet, denn Eltern möchten zumeist keinen Tagespflege-, sondern einen Kitaplatz, wie die Auslastungsquote der Ersteren von nur 64 Prozent und die langen Wartelisten bei Letzteren illustrieren. Plätze sollen dennoch überwiegend bei Tagesmüttern geschaffen werden, weil neue Einrichtungen so schnell kaum zu realisieren sind.

Die Furcht der Kommunen vor Klagen der Eltern, die ihren Rechtsanspruch geltend machen, wächst ebenso wie die Vorfreude der Anwaltskanzleien auf ertragreiche Sammelklagen. Land und Gemeinden setzen in ihrer Not deshalb jetzt auf die Senkung von Standards in Baugenehmigungsverfahren und Platz-Sharing-Modelle, bei denen die Kita-Gruppen noch mehr Kinder aufnehmen und die Erzieher noch mehr Elternarbeit, Sprachförderung, Bildungsdokumentationen und vieles mehr für dasselbe geringe Gehalt bewältigen sollen. Dabei sind Gruppen mit bis zu 22 Kindern zum Teil unter drei Jahren bei zwei Erzieherinnen schon jetzt keine Seltenheit. Rund zwei Drittel der Berufsanfänger kehren den Kitas wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Bezahlung den Rücken.

In diese Gemengelage fügt sich die von der CSU durchgedrückte Herdprämie Christina Schröders hervorragend ein. Familien, deren Kinder nicht in öffentlich-geförderter Betreuung sind, erhalten 100 Euro monatlich. Außer jenen im ALG-II-Bezug, denen es auf die Transferleistung angerechnet wird. Ein Schelm, wer das Böse denkt, dies könnte irgendetwas mit dem absehbaren Scheitern des U3-Ausbaus zu tun haben. Gerüchten zufolge bieten einzelne Kommunen den doch das Betreuungsgeld bevorzugenden Eltern an, sie ohne Rücksicht auf bestehende Kündigungsfristen kurzfristig von Betreuungsverträgen zu entbinden. Zumal dann ja ein Platz frei wird und neu besetzt werden kann - verkehrte Politik, verkehrte Welt!

Was wir stattdessen brauchen, sind flächendeckend ausgebaute, gebührenfreie und vor allem gute öffentlich geförderte Kita-Plätze, in denen die Kleinsten verlässliche Bezugspersonen haben und vielfältige Förderung erhalten. Unabdingbar dafür sind ein höherer Personalschlüssel und kleinere Gruppen mit guter Arbeit für die Erziehenden. Damit alle Kinder einen guten Start haben und ihre Mütter keine beruflichen Nachteile und Altersarmut fürchten müssen, wenn sie sich für eine Familie entscheiden.

Dr. Carolin Butterwegge ist Diplom-Sozialarbeiterin und lebt in Köln.