Disput

Erhellend: Durch Nacht zum Licht?!

Ausstellung zur Geschichte der Arbeiterbewegung

Heinrich Wilhelm Kämpchen wird Ende 1889 gefeuert. Heinrich Wilhelm Kämpchen ist seit zweieinhalb Jahrzehnten Bergmann im Ruhrgebiet, er ist Streik-Aufrührer und so etwas wie ein Arbeiterdichter. In Verse kleidet er, was ihn und seine Kumpel erzürnt: Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Willkür, Rechtlosigkeit. Nach seiner Entlassung steht er auf einer schwarzen Liste und findet keine Arbeit mehr. Er verlegt sich vollends aufs Dichten. Sein berühmtestes Lied beginnt so:

Glückauf Kameraden, durch Nacht zum Licht!
Uns sollen die Feinde nicht kümmern.
Wir hatten so manche verzweifelte Schicht
und sahen die Sonne nicht schimmern.
Nur einig, einig müssen wir sein,
so fest und geschlossen wie Erz und Gestein!

Kämpchens »Internationales Knappenlied« bleibt über Jahrzehnte populär - dieses »… durch Nacht zum Licht!«, mit dem Ausrufezeichen.

Eben jene Zeile - allerdings mit Fragezeichen: »Durch Nacht zum Licht?« - gibt seit Anfang Februar einer großartigen Ausstellung im »Technoseum« Mannheim (Baden-Württemberg) den Titel. Einer Ausstellung, die sich nicht mehr und nicht weniger als die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zwischen 1863 und 2013 vornimmt.

Aus Platzgründen darf ich nicht der Versuchung erliegen, wenigstens einige Exponate und ihre Hintergründe vorzustellen; insgesamt sind es mehr als 500 und darunter wahrlich etliche Raritäten. Selbstverständlich beginnen die Aussteller nicht Punkt 1863 (mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein), wie Projektleiter Dr. Horst Steffens die Arbeiterbewegung überhaupt als eine »Baustelle« versteht, die nicht fertig wird: »In der Aktualisierung der Ausstellung sah ich die Chance, das Thema wieder etwas ins Blickfeld zu rücken.« Im Grunde genommen eine optimistische Ausstellung.

Angemessen: Lassalle, Marx und Engels, die Liebknechts, »Arbeiterkaiser« Bebel, Zetkin und zig weitere Promis finden mit Leistungen und Ideen ihren Platz. Gleichwohl zieht sich der »Blick von unten« als roter Leitfaden durchs Ganze.

Platziert sind all die Exponate hinter einem Fassadengerüst; die ersten längeren Abschnitte liegen im Dunkel, gegen Ende erst, zur Gegenwart hin, wird es heller, lichter - ob dies Hartz-IV-Gepiesackte, Stundenlöhner, Leiharbeiter von heute ähnlich empfinden und ähnlich gestalten würden?

Die DDR ist ein ernstgenommenes Kapitel. Auch DIE LINKE und ihre Vorgängerparteien kommen (ein kleines bisschen) vor. Doch es gilt schon, was trotz der deutlich präsenteren SPD Dr. Steffens zur Eröffnung betont: »Die Arbeiterbewegung ist mehr als die Geschichte einer einzigen oder mehrerer Parteien.« Hier wird sie konsequent bezogen auf Gewerkschaften, Partei(en) und, angemessen breit, auf ihre vielfältigen kulturellen Bewegungen.

Über das eine oder andere lässt sich gut streiten, was unbedingt getan werden sollte. Aber wirklich wichtig ist, dass es diese Ausstellung zu diesem weithin ausgeblendeten Thema überhaupt gibt: zur Arbeiterbewegung, zu ihren Träumen, Zielen, Erfahrungen, Opfern, Niederlagen, Siegen und zu ihren fortwährenden Aufgaben in einer veränderten Welt.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten habe ich Ähnliches nicht gesehen. Entsprechend begeistert verlasse ich das Haus - mit der Frage, wie es hinzubekommen ist, dass möglichst viele den Weg übers »Technoseum« hin zum Thema und zu Folgerungen für ihren Alltag finden.

Mehr als 150 Jahre Historie auf gut 800 Quadratmetern. Spektakulär, aufwendig, sehr kompakt dargestellt. So viel Geschichte, so viele Geschichten dahinter. Wer kann dies alles erfassen und hinterfragen, mit den Vorzugsbildern der heutigen Medienwelt im Hinterkopf?

Das Museum bietet freitags, sonntags und feiertags (kostenlose) Führungen an, es setzt stark auf den Besuch von Schulklassen, stellt Anschauungsmaterialien bereit, lädt zum Rollenspiel »Tarifverhandlungen« ein, lässt Plakate gestalten und Buttons herstellen. Ob der Funke überspringen wird? Zahlreiche Veranstaltungen sind angekündigt, so mit Wallraff, DGB-Sommer, SPD-Gabriel. Zum Nachschauen in Ruhe gibt’s einen 450-seitigen anregenden und reich illustrieren Katalog (20 Euro). Ein Tipp Richtung Sachsen: Vom 25. Oktober 2013 bis 1. Mai 2014 wird die Ausstellung im Industriemuseum in Chemnitz zu sehen sein.

Kämpchens Knappenlied ist übrigens auch zu hören, am Ende der Ausstellung bringt ein Roboter eine moderne Fassung hervor.

Sonderausstellung »Durch Nacht zum Licht?«
bis 25. August 2013, täglich von 9.00 bis 17.00 Uhr
Technoseum, Museumsstraße 1, 68165 Mannheim
Eintritt: 6 Euro, ermäßigt: 4 Euro
www.technoseum.de