Disput

Jan oder Jahn?

Der Weg ins (Ost-)Leben. Leseprobe aus einem Buch der Beobachtungen

Von Jan Korte

Ich bin nun 35 Jahre alt und kann mich an die Teilung Deutschlands selber kaum noch erinnern. Ich bin erwachsen geworden und habe Politik gemacht, als die Mauer längst gefallen war. Meine Freunde kommen aus Ost und West, und sie sind nicht mehr so leicht als jener oder jener zu identifizieren. Selbst in meinem Wahlkreis ist es nur schwer feststellbar, wer aus dem Osten, wer aus dem Westen stammt. Auch in der Bundestagsfraktion würde ein Außenstehender kaum noch merken, wer woher kommt. Klar, ein sächsischer Dialekt ist schnell als ostdeutsch zu identifizieren, weswegen die Sachsen eine Ausnahme zur eben beschriebenen Regel darstellen. Dieser Dialekt ist nun mal einmalig. So wie sich auch ein Bayer kaum tarnen kann. Aber bei fast allen anderen ist - soweit man es nicht logischerweise durch Lebensläufe, Gespräche und dem innerparteilichen Abstimmungsverhalten erkennen kann - die regionale Herkunft kaum feststellbar. Das ist ja auch erst mal eine ganz gute Entwicklung.

Allerdings gibt es eine Ausnahme, von der ich persönlich betroffen bin und die mich einen Ossi sofort erkennen lässt. Mein Name ist Jan. Kurz, knapp und norddeutsch ausgesprochen. Drei Buchstaben. Ich wurde und werde, seit ich auf der Welt bin, immer kurz und abgehackt »Jan« gerufen. Das aber ist im Osten fundamental anders. Der Ossi - und zwar gleich welchen Alters, gleich welcher ostdeutschen Region entstammend - sagt nicht »Jan«, sondern zieht den Namen zu einem »Jahn« auseinander. Gesprochen wie (Sigmund) Jähn, ohne »ä«, eben mit a. Daher kann ich bei allem Verschwinden der kulturellen Unterschiede feststellen, wer aus dem Osten kommt und wer aus dem Westen. Zu nahezu hundert Prozent kommen alle »Jahn«-Sager aus dem Osten und alle »Jan«-Sager kommen aus dem Westen. Das ist doch wirklich mal ein nachvollziehbarer und sicherer Indikator, um die geografische Herkunft des Gegenübers bestimmen zu können. Rein praktisch hilft es natürlich in nur wenigen Lebenssituationen, es ist ein nutzloses Privileg, dies zu wissen. Why not?

Dieser Unterschied führte ein einziges Mal zu Ärger im eigenen Büro. Meine Mitarbeiter kommen aus Ost und West, kulturell gibt es kaum Unterschiede, außer jeweils kleine nostalgische Reminiszenzen an etwa den Broiler (Ost) oder das Brathähnchen (West). In einer der ersten Bürobesprechungen nach den Bundestagswahlen 2005 hatten wir uns überlegt, eine regelmäßige Zeitung herauszugeben, um über die Wahlkreisarbeit zu informieren. Dabei war natürlich die erste und emotionalste Frage »Wie soll das Ding heißen?« Mein Kollege, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und sehr bewandert im Herstellen von Zeitungen, schlug vor, die Zeitung »Jan von nebenan« zu nennen. Die Begründung leuchtete mir ein: Klingt sympathisch, will deutlich machen, dass man vor Ort aktiv und ansprechbar ist, und - das war das wichtigste Argument - »Jan von nebenan« reimt sich. Nach einigem Hin und Her meldete sich allerdings mein anderer Kollege und stellte die zunächst unverständliche Frage, wie wir darauf kommen könnten, dass sich »Jan von nebenan« reimen würde. Na? Letzterer Kollege kam aus dem Osten und hatte viel früher als ich analysiert, dass im Osten alle »Jahn« und nicht »Jan« sagen würden - ergo würden sie »Jahn von nebenan« als Zeitungstitel lesen, was sich eben schlicht nicht reimt.

Dann müsste es - soweit man beim Titel bleiben wolle - »Jahn von nebenahn« heißen. Diese Argumentation entwickelte sich zu einem handfesten Bürokrach, weil die »Jahn«-These nicht von allen geteilt wurde. Im Verlauf des Disputs fielen Begriffe wie »Mauer in den Köpfen«, »Besserwessi«, »Betroffenheits-Ossi« und viele andere. Um Kündigungen und Freundschaftsaufkündigungen abzuwenden, empfahl ich, Sachkompetenz einzuholen: Anruf beim Wahlkreismitarbeiter in Sachsen-Anhalt. Die Auskunft aus Ostdeutschland war klar und vor allem ohne eine Bedenkminute vorgetragen: »Jan von nebenan« reimt sich nicht.

(x)

Meine Wahlkreiszeitung heißt jetzt: »Korte Konkret«.

Geboren im niedersächsischen Osnabrück, ist Jan Korte seit Jahren politisch vor allem in Sachsen-Anhalt zu Hause. Ost-West-Erfahrungen und andere Beobachtungen aus der Politik hat er in einem Buch zusammengetragen, das Anfang dieses Jahres im Verlag Neues Deutschland erschienen ist. Jan Korte, seit 2005 Bundestagsabgeordneter, wurde in seinem Wahlkreis - mit 49 von 49 möglichen Stimmen - erneut zum Direktkandidaten für den Bundestag gewählt.