Disput

Volle Hütte

Politischer Aschermittwoch tief in Bayern, in Jacking bei Passau

Von Gert Gampe

1580 trafen sich erstmals bayrische Bauern in Vilshofen an der Donau zum Pferde- und Viehmarkt und diskutierten über Gott und die Welt. Damit begann die Geschichte des politischen Aschermittwochs, eine bayrische Marke, die inzwischen ihre Verbreitung in vielen Bundesländern gefunden hat. Die großen und kleinen Parteien besetzen Bierzelte und Stadthallen, um ihre Mitglieder und Gäste mit deftigen Reden bei passenden Speisen und Getränken zu erfreuen. Blasmusik gehört dazu. Die Medien greifen diese Ereignisse gerne auf, denn »geschützt« durch die Freizügigkeit der Karnevalsphilosophie und Humorklausel kann dann auch richtig ausgeteilt werden. Schließlich ist Wahlkampf, schon jetzt.

Kommt man in der barocken Drei-Flüsse-Stadt Passau an, so wird die Frage nach dem Gasthaus Knott in Jacking mit der fragenden Antwort verbunden: Ach, Sie wollen zu den Linken?!

Der langjährige Cheforganisator Josef Ilsanker hat sich für dieses Jahr für ein Festzelt entschieden. Der Saal im Gasthof reichte schon 2012 nicht für alle Besucher. Gysi musste wegen einer Operation absagen, und das Lampenfieber der Organisatoren stieg im Vorfeld, denn 600 sollten das Zelt füllen.

Pünktlich um 10 ist die Hütte voll, die Blaskapelle Aichacher Frohsinn spielt auf, und Sahra Wagenknecht, Eva Bulling-Schröter, Nicole Gohlke und Klaus Ernst marschieren mit einem Glas Weißbier in der Hand in den Saal. Die Show beginnt und die Kellnerinnen kommen mit Weißwurst und Humpen (einige trinken Tee) kaum hinterher. Eva begrüßt Betriebsräte, Vertreter der Gewerkschaften und der KPÖ. Sie skandaliert den Donauausbau und das ungehinderte Agieren der Betonlobby. Wohnungsnot, Miet- und Strompreise sind wichtige Themen in der Auseinandersetzung für soziale Gerechtigkeit, von der inzwischen alle Parteien im Wahlkampf reden.

Für Nicole Gohlke sind Hochschulpolitik sowie Bildung für alle die Themen ihrer ersten Aschermittwochsrede. In Bayern konnte, gemeinsam mit vielen Initiativen und den LINKEN, erfolgreich ein Volksbegehren zur Abschaffung der Studiengebühren durchgesetzt werden. Sie freue sich darauf zu erleben, wie der Populist Seehofer sein Nein der neuen Bildungsministerin Wanka entgegenschleudern werde, die Studiengebühren befürwortet und wieder einführen will. Gesellschaftliche Veränderung bekommt man nicht geschenkt, dafür muss man kämpfen. Dafür gibt‘s viel Beifall. Und wieder Musik, diesmal von den Passauer Saudiandl mit frechen Texten, die der Autor nur teilweise versteht.

Klaus Ernst ist der geborene Redner für diesen Veranstaltungstyp, und er kann so richtig zulangen, sich seinen »besten Freunden« Seehofer und Dobrindt widmen. Und dann noch der SPD, die bei der LINKEN abschreibt, um Stimmen zu holen - um danach wieder rechte Politik zu betreiben. Wahlbetrug mit Ansage. Oder, ganz aschermittwochsmäßig: »Wer der SPD zutraut, dass sie wieder eine sozialdemokratische Politik macht, der kann sich auch vom Würger von Boston eine Halsmassage geben lassen.«

Er zieht eine Voodoopuppe, ein Geschenk der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft vom Arbeitergeberverband Metall an alle Bundestagsabgeordneten, aus der Tasche; sie soll einen Musterbürger darstellen, der gequält wird mit Nadeln, die Forderungen wie nach Mindestlohn und Frauenquote darstellen. Ernst gibt der Puppe eine neue Funktion, sie wird Partei, und so bekommt die SPD die Nadel für gebrochene Wahlversprechen, die CSU eine für Studiengebühren usw. Ein Riesengaudi und ein kreatives Beispiel für die Auseinandersetzung in Wahlkampfinszenierungen.

Sahra Wagenknecht trägt kein Dirndl, traut sich nicht, wie sie sagt, schließlich sei Brüderle in der Gegend. Auch will sie gleich die Sorge ausräumen, Gregor und sie würden sich »nicht mögen«, weil »immer, wenn ihr uns zusammen einladet, kommt nur einer. Letztes Jahr war Gregor hier und mich hatte eine Grippe außer Gefecht gesetzt, und dieses Jahr hat ein vereister Berghang Gregor die Schulter gebrochen.«

Pointiert setzt sie sich mit der Inszenierung Lagerwahlkampf auseinander. Ein TV-Duell sollte genügen für die »gute Angi und Steinreich«, denn politisch gäbe es kaum Unterschiede, und Betroffenheit zu heucheln reiche nicht aus. Sollte Steinreich wirklich Duell-Entzug haben, so stehe Sahra jederzeit zu Verfügung: für eine echte Auseinandersetzung um soziale Gerechtigkeit. Ach ja, der Rücktritt des Papstes ist eine Fußnote wert: Der Papst sei der einzige Deutsche nach der Agenda 2010, der unkündbar und krisensicher war. Jetzt jedoch sei dieser Job mutiert zur Zeitarbeit.

Drei Frauen und ein Mann machen die Quote einer besonderes zünftigen Wahlveranstaltung, die gute Laune verbreitet und Optimismus. Die gastfreundliche Wirtin spricht von gutem Umsatz, und die Polizei regelt den Verkehr im Dörfchen.