Disput

Doch dann kam SIE

Feuilleton

Von Jens Jansen

2012 war ziemlich mau: Eurokrise mit Mund-zu-Mund Beatmung der Südländer. Der »arabische Frühling« erstarrt zur »islamischen Eiszeit«, wo nun jene Kräfte geachtet werden, vor denen hier gewarnt wird. Eine Regierungskoalition, deren Schwanz mit dem Hund wackelt! Ein Parlament, das drei militärpolitische Initiativen zum Fest des Friedens absegnet! Im Inland fünf gigantische Großvorhaben ertränkt im kleinkarierten Dilettantismus. Die Wünsche der Kinder, Schüler und Studenten erstickt im Hickhack der selbstständigen Fürstentümer. Die Energiewende nach Art der Schildbürger gelöst: Der Küstenstrom geht in Kiepen nach Süden! Schnellzüge üben Kriechgang. Elektroautos warten auf brauchbare Batterien. Die Rentner rechnen, ob Ableben bezahlbar bleibt. Unser Wunderland humpelt halbblind in die Zukunft.

Doch dann kam die Jahreswende! Mit Böllern für 113 Millionen Euro wurden alle bösen Geister verjagt, wurde das Wahljahr eingeläutet, wurden die Retter der Nation gekürt. Kompetenz – schwächlich, guttenbergisch, wulffig, roeslerisch, bauchlandig wie Peer Steinreich. Er, der den Sozialstaat mit der Agenda 2010 zu Grabe tragen half, wollte nun sein Retter sein. Nicht wegen der 400 Euro bei den entlassenen Frauen von »Schlecker«, sondern wegen der schäbigen 18.000 Monatsgehalt der Kanzlerin. Jeder Sparkassenchef bekommt mehr. Die DAX-Vorständler kassieren zehn bis 20 Millionen Euro im Jahr! Da wittert Peer Parasitismus! ER hat eine Nase fürs Geld! Ihm fehlt nur eine Nase fürs Volk. Er liebt die großen Zahlen mehr als die kleinen Leute. Und weil er selber auf Angies Sessel möchte, fordert er die eigene Gehaltsaufbesserung. Seine 25.000 Euro Redegeld für die Stunde in Bochum brachten ihm Buhrufe. Nun sieht er sich schon seine Margarine bei Aldi kaufen. Das schickt sich nicht für einen Kanzler. Falls er es je wird! CDU und CSU, Grüne und Gelbe sind erst mal entzückt über so viel Dummdreistigkeit.

Doch dann kam SIE! Die stärkste Frau der Welt. Das bescheidene Ossi-Girl aus der Uckermark. Die eiserne Lady, vor der Europa zittert. Ihre Partei bekränzte sie mit 97 Prozent Ergebenheit. Sie pflückte aus den Blumensträußen der anderen Parteien die schönsten Blüten heraus und warf sie unters Volk: Aufschwung, Arbeit, Rentenplus, Betriebskitas, Energiewende, Krötentunnel – alles für jeden aus Merkels Läden! So walzt sie nun alles nieder mit dem Siegerlächeln der Mona Lisa.

Es ist noch lange hin. Auch andere langen hin. Die Grünen pusten den Airbag für die SPD auf. Die Piraten haben sich selber versenkt. DIE LINKE wird noch Wimpel setzen: Gregor der Drachentöter oder Sahra, die Furie der Börse? Auch Gregor braucht Beinfreiheit. Und Sahra bleibt frisch. Man munkelt von einem Kompetenzteam als gebündelte Weisheit. Dessen Nutzen ist umstritten. Die Wahlprognosen ebenso. Stimmzettel spiegeln die öffentliche Meinung. Die ist immer der Abglanz der veröffentlichten Meinung. Die Meinungsführer füttern Millionen Stammtische. Das läuft über die Seele unter Umgehung des Gehirns. Da brillieren Pastoren und Privatmedien. Da helfen Großspenden der Großkonzerne. Und doch werden die Zweifel immer größer, wie lange diese Erde das Marionettenspiel der Politiker noch aushält. Das Volk, der große Lümmel, wird immer unberechenbarer durch die Spinnennetze der Twitterbrigaden.

Drum kam SIE in der Neujahrsnacht – die brave Kanzlerin! In silbergrauer Seide wie ein Engel der himmlischen Heerscharen mit den Worten der Erlösung: Vieles ist vollbracht. Manches bleibt zu tun. Alles wird gut!

Danke, Änschie, danke!