Disput

»Ich wollte mein Recht«

Der Dirigent Fritz Busch und die Nazis 1933

Von Stefan Amzoll

Das schwärzeste Kapitel deutscher Geschichte beginnt. Angst geht um. Nach dem 30. Januar, Hitler ist Reichkanzler, tritt der Terror nackt zutage. Er wird amtlich. Jedwedes, als links orientiert, radikaldemokratisch, demokratisch-revolutionär, jüdisch-bolschewistisch ausgemacht, gehöre ans Messer. Um ihren Gegnern den letzten Schlag zu versetzen, verbieten die Nazis sämtliche missliebigen Parteien und zerschlagen die linken Organisationen der Arbeiterbewegung.

Was hat der Dirigent Fritz Busch, seinerzeit hoch angesehener Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle und künstlerischer Leiter der Semperoper, damit zu schaffen? An Buschs Haltung 1933 lassen sich so typische wie spezifische Verhaltensmerkmale des Künstlers zur Macht aufzeigen. Sie enthüllen ein ganzes Bündel Irritationen, Widersprüche, Hoffnungen, Selbsttäuschungen, Verdrängungen, ausgelöst durch die rigiden Maßnahmen einer weithin bejubelten Bande von politischen Kriminellen.

Busch kommt als ältester Spross einer achtköpfigen Musikerfamilie im westfälischen Siegen am 13. März 1890 zur Welt. Er absolviert das Kölner Konservatorium und arbeitet sich in Gotha, Aachen, Stuttgart, Dresden hinauf zum geschätzten Pianisten und Dirigenten. 1933 verlässt er sein Heimatland und geht nach Buenos Aires. 1934 übernimmt er die musikalische Leitung der Glyndbourne-Festspiele und bestätigt dort seinen Ruf als bedeutender Mozart-Interpret. 1937 geht Busch nach Stockholm, um sodann wieder nach Südamerika zurückzukehren, wo er 1947 die argentinische Staatsbürgerschaft annimmt. Nach Dresden, der Stätte, die ihn so willig aufnahm wie fort stieß, kehrt er nicht mehr zurück.

Was charakterisiert den Mann? Welche Gesittungen prägten ihn? Der Hochbegabte hatte sich im Musikbetrieb früh die ersten Sporen verdient und fast nur in seinem Beruf gelebt. »Ich verdankte Deutschland alles. Erziehung, rasche Laufbahn, gesicherte, ja glänzende Stellung; Arbeit in Hülle und Fülle. Ich wäre mir wie ein Schuft vorgekommen, wenn ich nun meinem Vaterland nicht vergolten hätte, was ich Gutes von ihm empfing, indem ich ihm in der Gefahr beistand.« Vor lauter vaterländischen Glücks meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Deutsch war auch Buschs äußere Erscheinung. Hoch gewachsen, etwas schwer gebaut, blond, der Kopf groß, das Gesicht eher klein, aber mit großen funkelnden blauen Augen drin. Der Ungar Antal Dorati, den Busch als jungen Repetitor nach Dresden verpflichtet hatte, beschreibt ihn so: »Er war – oder so schien es mir – der am wenigsten deutsche unter den deutschen Dirigenten. Tatsächlich kam er mir überhaupt nicht als deutscher Dirigent vor trotz seiner Erscheinung und Haltung, die im Gegensatz dazu typisch teutonisch waren.« Ein sonderbares Konstrukt, das in dieser Beobachtung liegt. Geist und Haltung nichtdeutsch, Scheitel und Augen deutsch. Die Relation hat ihre widersprüchliche Wahrheit. Sie sollte 1933 klar zutage treten, als bestellte NS-Einsatzgruppen den Chef am Pult der Semperoper niederbrüllten, weil dieser auf die Naziklaviatur pfiff, statt sie zu betätigen. Regionale Nazivertreter jagten Busch daraufhin aus allen Ämtern. Mächtige wie Göring haben den Dresdner Vorfall bedauert; sie stellten sich den »teutonischen« Busch fälschlich als Heroen vor, fähig, die titanische Botschaft der Beethoven, Liszt, Wagner dem Herrenvolk zu vermitteln.

Andrerseits: Was der rassistische, kriegerische Mob in Deutschland gegen die eigenen Deutschen anfachte, schien für Busch die reine Barbarei. Allerdings durch eine enge Optik gesehen. Schändlich in seinen Augen, wenn prominente deutsche Dirigenten wie Richard Strauss jene Podien bestiegen, welche Otto Klemperer oder Bruno Walter aus rassischen Gründen 1933 hatten räumen müssen. In jenen gefährlichen Tagen hatte er wie sein Bruder Adolf Busch, der viel gerühmte Violinist, jüdische Musiker unterstützt und, anders als zahllose Zweifelnde und Verzweifelte im Land, gegen die Naziideologie votiert.

Das stockkonservative Dresden machte ihm selbst, dem Nichtjuden, dann rechtzeitig den Garaus. Fast alle aus Staatskapelle und Staatsoper hatten sich im Februar 1933 gegen ihn gestellt. Sie waren völkisch geworden. Ein Deutschtum, das Fritz Busch in dem Moment zuwider gewesen sein dürfte, im Weiteren aber konsequenzlos blieb. Er, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte, der vom begeisterten Dorfmusikanten zum klassisch geschulten, metierbewussten Musiker aufgestiegen war, pflegte generell strenge Maßstäbe menschlichen Anstands; humane Gefühle, welcher Art immer, durften nicht verletzt werden.

Die Schrillheiten des NS-faschistischen Klüngels beleidigten Buschs Ohren zwar, doch in seinen liberalen Überzeugungen blieb er national-konservativ. Das unterschied ihn etwa von Erich Kleiber, der seine Entlassung als Generalmusikdirektor an der Berliner Staatsoper seinerzeit selber betrieb. Was beide Dirigenten überdies unterschied? Kleiber war Antifaschist. Busch kümmerte sich hingegen erst um Politik, als diese sich um ihn kümmerte. Er liebte seine Nation, ungleich ehrlicher und inniger als seine Gegner, die nur vorgaben, sie zu lieben, in Wahrheit aber das Volk verachteten. Dass diese trügerische Liebe unerwidert blieb, empfand er als Schande. Das mag erklären, warum der Dirigent nach seinem Desaster noch versucht hat, ausgerechnet im Büro des Herrn Ministerpräsidenten Göring um Ausgleich zu ersuchen, wegen seiner angeschlagenen »Ehre und Würde«. Deutsch-nichtdeutsch war nun keine Frage mehr. Der große Deutsche Busch sollte es sein, oder er sollte es nicht sein.

Der kanadische Historiker Michael H. Kater schlägt den Bogen weiter: »Ich kann mit ›Ehre und Würde‹, auf deren Wiederherstellung es Busch, als er bei Göring war, angeblich angekommen sein soll, nichts anfangen. Er ist letztlich ein ganz konservativer Mensch, der zuerst an sich selbst und sein Ansehen denkt. Ehre und Würde, das sind Dinge, die kann man sich nicht kaufen, das ist etwas, worüber man sich die Zunge abbeißt. Busch wollte über die Ehre und Würde hinaus noch versuchen, über Emmy Sonnemann und Göring in Berlin etwas landen.«

Bisherige Darstellungen verschleiern entweder die Beziehung Busch – Göring oder tun sie als Bagatelle, als ein Versehen oder Missverständnis ab, dem Busch kurzzeitig erlegen gewesen sei. Neues Material des Bundesarchivs aus dieser Zeit sagt anderes.

An seine Frau Grete aus Kopenhagen am 28. Februar '33: »Hitler hat wirklich Glück, dass der Brand des Reichtages, jetzt von der KPD angestiftet, passierte. Wird die Wahlen sehr zu seinen Gunsten beeinflussen. Nur schade, dass der Brand nicht während einer Vollsitzung angelegt wurde! Ich hoffe, ihr habt bei den energischen Maßnahmen Görings etc. in Dresden vor allem Ruhe, und ich bitte Dich dringend um viele und schnelle Nachrichten.«

Zu dem Zeitpunkt war Busch in Dresden noch nicht abgesetzt. Hatte er keine Ahnung, mit wem er sich einließ, als er in Berlin weilte und über die Sonnemann um Audienz beim Innenminister bat? Sein Hinweis auf die »energischen Maßnahmen« zeugt mindestens von Wirklichkeitsverlust. Kein kritisches Wort seinerseits gegen Göring ist überliefert, obwohl dessen Schuldkonto in den für Busch so problematischen Monaten von Woche zu Woche anwuchs. Die Art, wie Göring sich exponierte und mit Blut besudelte, war nicht etwa geheime Staatsangelegenheit. Dergleichen stand in der Presse. Die Nazis verbargen ihre Untaten keineswegs.

Und das war nur der Anfang der Schreckensbilanz. Hatte Busch wirklich keine Ahnung, mit wem er dealte? Brief an einen Freund, 29. April, drei Tage nach Gründung der Gestapo: »Nach einer, wenn auch nur kurzen, Unterredung, die ich gestern mit Hermann – Dank an Emmy – hatte, wird es wohl so werden wie Du meinst. Die mir als Ersatz angebotene 1 A-Stellung in der Bismarckstraße habe ich abgelehnt. Habe ihn um Unterstützung und Einwilligung für Buenos Aires gebeten (Konzertreise nach Südamerika – d. V.), was er mir zusagte. Und habe ihm weiter erklärt: am 1. Dezember bin ich zurück und dann werden wir weitersehen. Nach meiner Meinung hätte sich bis dahin der große Fu (Furtwängler – d. V.) überfressen. Ich möchte 100 Meter vor dem Ziel nicht schlappmachen, da ich es bestimmt erreichen würde. Dies sah er ein und ist auch für ihn im Augenblick die angenehmste Lösung.«

Verrannte sich Fritz Busch lediglich? Nein. Er wollte den Job seines Lebens. Die beiderseits anvisierte deutsche Großkarriere ging schief. Der Deal mit Göring misslang glücklicherweise, weil die Stärkeren, Hitler und Goebbels, gegen die Nominierung Buschs als Chef der Philharmoniker votierten und letztlich Wilhelm Furtwängler im Amt bestätigten.

Alle Bemühung, den angeschlagenen Nimbus des Künstlers wieder aufzupolieren und Busch als Leitgestalt im deutschen Betrieb zu etablieren, zerschlug sich. Für den Dirigenten spricht, dass er sich nach vergeblicher Müh, deutscher als deutsch zu sein, dazu entschied, außer Landes zu gehen. Was aber, hätte er die Berliner Philharmoniker übernehmen können?

Dabei hatte Göring Busch im Februar 1933 noch gedroht: »Na, lieber Freund, wir haben ja auch Mittel in der Hand, Sie zu zwingen!« Jener darauf: »An einem erzwungenen ›Tannhäuser‹ unter meiner Leitung werden Sie keine Freude haben. So etwas Stinklangweiliges haben Sie in Ihrem Leben noch nicht gehört«.

Fritz Busch verließ Nazi-Deutschland im Mai 1933. Bis zum Ausbruch des Krieges erhielt er noch manches Angebot, in Deutschland zu dirigieren. Der politische Exilant, in der Haltung mehr denn je nichtdeutsch, lehnte jedes Mal ab. Erst sechs Jahre nach dem Sieg über das Hitlerregime hat Busch wieder eine deutsche Stadt aufgesucht: Köln, wo er Verdis »Maskenball« dirigierte. Gestorben ist er am 14. September 1951 in London.