Disput

Nicht umsonst

Der Lernprozess in Sachen Demokratie ist nicht immer einfach

Von Christa Steppat

Der Thüringer Wald ist schon lange ein begehrtes Reiseziel für Touristen aus aller Welt. Zum Glück werden es immer mehr, die sich im Hotel »Haus am Wald« in Elgersburg verwöhnen lassen wollen. Das Hotel hat sich besonders in den vergangenen Jahren als modernes Ferien- und Tagungshotel einen Namen gemacht. Über Thüringens Grenzen hinweg ist es für Tagungen und Familienfeiern oder auch für einen kulinarischen Genuss begehrt.

Das »Haus am Wald« ist ein Hotel mit einer wechselvollen Geschichte und mit einer einmaligen linken Tradition. Und inzwischen habe ich einen ganz persönlichen Bezug zu dieser Geschichte entdecken können.

Vielen ist bekannt, dass Wilhelm Pieck als Leiter der »Roten Hilfe« zu Ostern 1925 das Heim am Rande von Elgersburg eröffnet hat. Vor allem Kinder politischer Gefangener, die der sozialen Ächtung und Isolierung ausgesetzt waren, fanden hier für acht bis zwölf Wochen Erholung. Nicht nur der herrliche Wald direkt vor der Tür, sondern auch die gesellschaftlichen Umstände erwiesen sich als geeignet für die Standortwahl dieses Projektes. In dem kleinen Ort Elgersburg besaß die KPD von 1919 bis 1933 die Mehrheit in der Gemeindevertretung. Der thüringischen Staatsregierung war das ein Dorn im Auge, genauso wie die Existenz dieses Heimes überhaupt. So belegt folgender Eintrag in der Chronik vom 12. August 1927, wie bereits in der Weimarer Republik Repressalien gegen links angewandt wurden: »Hammer und Sichel, die Embleme des Sowjetstaates, zierten bisher das Rathaus des thüringischen Luftkurortes Elgersburg, dessen Gemeinderat und Gemeindevorstand in der Mehrheit kommunistisch sind. Nun bestätigte das Oberverwaltungsgericht in Weimar die Entscheidung des Innenministeriums, dass diese ›Werkzeuge‹ zu entfernen seien.«

Das geschah am Tag meiner Geburt. Es war ein Beweis für den immer stärker werdenden Einfluss der Nazis. 1933 nahmen sie dann das »Haus am Wald« in Besitz. Es diente als Führerschule der Hitlerjugend, auch als Offiziersheim und während des Zweiten Weltkrieges als Marine-Kinderheim.

Aus dieser Sicht war mein Geburtstag kein gutes Omen für die Zukunft, denn meine Kindheit und Jugend waren von diesem Weg ins Verderben begleitet.

Nach 1945 konnte es aus dem furchtbaren Krieg nur eine Lehre geben: Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus!

Aus tiefster Überzeugung von der Richtigkeit unseres Weges haben vor allem die Überlebenden der vom Faschismus Verfolgten, große Teile der Menschen, die bereits zwei Weltkriege erlebten, meine Generation und unsere Kinder die DDR aufgebaut und versucht, einen sozialistischen Staat zu gestalten, in dem sich alle Bürger zuhause fühlen können und es keinen Krieg mehr gibt. Es kam anders. Die DDR wurde von der BRD einverleibt. Und wieder galt es, Lehren zu ziehen.

An unseren politischen Grundideen hat sich nichts geändert. Der Weg zu einem menschenwürdigen Leben ohne Krieg und Ausbeutung kann aber nur durch einen demokratischen Sozialismus als Ziel erfolgreich sein. Dieser geschichtlichen Erkenntnis entsprechend, haben wir einen langen, teils schmerzlichen Lernprozess hinter uns und sind zurzeit dabei, aus den Erfahrungen, den Erfolgen und Niederlagen der letzten Zeit unsere Ziele für die Bundestagswahl abzustecken.

Und da bin ich wieder beim Hotel »Haus am Wald«. Nach langwierigen Verhandlungen war es gelungen, dass dieses traditionsreiche Kleinod 1995 an die PDS als Eigentum übergeben werden musste. Seitdem nutzen wir von PDS bis LINKE das Haus für Beratungen, Veranstaltungen und auch Feste. Parteivorstand, Landesvorstand, Vereine und Verbände erarbeiten sich hier ihre nächsten politischen Aufgaben. Manch gute Idee wurde hier geboren, mancher Streit ausgefochten.

Der Lernprozess in Sachen Demokratie ist nicht immer einfach. Ein guter Freund half mir zu begreifen, dass man Demokratie auch aushalten können muss. In den zehn Jahren als Mitglied im Landesvorstand Thüringen unserer Partei habe ich besonders bei diesen Veranstaltungen miterlebt, wie wir mit unseren Aufgaben gewachsen sind und zunehmend Zustimmung von den Bürgern erreichen konnten. Es war eine gute Zeit, eine sehr wertvolle auch für mich.

Ist es da ein Wunder, mich glücklich zu schätzen, dass ich meinen 85. Geburtstag gemeinsam mit der ganzen Familie, Kindern, Enkeln und Urenkeln in diesem traditionsreichen Hotel »Haus am Wald« feiern und mit meinen Gästen die vorzügliche Unterkunft und Versorgung genießen konnte?

So hat mich der Zufall der Entdeckung einer kleinen Notiz veranlasst, meine Gedanken dazu aufzuschreiben.

Die Elgersburger Kommunisten, die am 12. August 1927 das Symbol Hammer und Sichel von ihrem Gemeindeamt entfernen mussten, haben nicht umsonst gekämpft. Die LINKEN leben in ihrer Tradition.

Christa Steppat lebt in Erfurt (Thüringen).