Disput

Stalingrad

Mit dem Sieg über die deutsche Wehrmacht an der Wolga vor siebzig Jahren leitete die Rote Armee die Wende im Zweiten Weltkrieg ein

Von Ronald Friedmann

Im Sommer 1942 waren die Wunschträume der faschistischen deutschen Führung von einem »Blitzsieg« im Krieg gegen die Sowjetunion, dem vermeintlichen »Koloss auf tönernen Füßen«, der innerhalb weniger Tage oder Wochen zusammenbrechen würde, längst zerstoben. Der deutsche Versuch, Moskau zu erobern, war im Spätherbst 1941 gescheitert. Die siegverwöhnte Wehrmacht hatte dabei ihre erste große Niederlage erlitten. Auch vor Leningrad und am Schwarzen Meer waren die deutschen Truppen zum Stehen gebracht worden.

Nun, im Sommer 1942, sollte ein neuer deutscher Feldzug die Entscheidung bringen: Die Heeresgruppe Süd sollte zunächst das industriell wichtige Donezbecken besetzen und dann nach Stalingrad vorstoßen. Die Stadt mit dem Namen des ersten Mannes der Sowjetunion hatte eine große symbolische Bedeutung, doch vor allem war sie ein wichtiges strategisches Ziel: Mit der Eroberung Stalingrads wäre die Wolga, eine Lebensader des sowjetischen Hinterlandes, für kriegswichtige Transporte unpassierbar geworden. Gleichzeitig sollten deutsche Truppen nach Süden vordringen und die Ölfelder bei Maikop, Grosny und Baku erobern, an denen insbesondere die deutsche Großindustrie interessiert war.

Dieser Vorstoß in die südöstliche und die südliche Richtung kam für die sowjetische Führung überraschend, sie hatte mit einem erneuten deutschen Angriff auf Moskau gerechnet und deshalb dort große Teile ihrer strategischen Reserven konzentriert. So konnte sich die deutsche Offensive zunächst erfolgreich entwickeln. Bereits am 23. August 1942 erreichten Truppen der 6. Armee unter dem Befehl des späteren Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus nördlich von Stalingrad die Wolga. Am 12. September 1942 befahl Hitler die sofortige und vollständige Einnahme der Stadt, denn »die Russen«, so seine Auffassung, seien jetzt »am Ende ihrer Kraft«.

In den folgenden Wochen und Monaten wurde Stalingrad zum Schauplatz der blutigsten Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Die Soldaten der Roten Armee kämpften buchstäblich um jeden Quadratmeter der Stadt, auf die hunderttausende Tonnen Bomben und Artilleriegeschosse niedergingen. Jede Straßenkreuzung, jedes Haus wurde zu einer Festung, die bis zum letzten Blutstropfen verteidigt wurde. Dennoch gelang es den deutschen Truppen an vielen Stellen, bis zur Wolga vorzudringen und die fast völlig zerstörte Stadt nahezu komplett unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Landstreifen, den die sowjetischen Truppen am Westufer der Wolga hielten, war an einigen Abschnitten gerade noch hundert Meter breit.

Trotzdem gelang es der Wehrmacht zu keinem Zeitpunkt, Stalingrad fest in ihre Hand zu bekommen und die Stadt wirklich zu erobern, auch wenn Hitler bereits am 8. November 1942 in einer Rede vollmundig den Sieg in der Schlacht an der Wolga verkündet hatte.

Am 19. November 1942 begannen drei sowjetische Fronten - die Donfront, die Südwestfront und die Stalingrader Front - mit einer Gegenoffensive, die die Bezeichnung »Operation Uranus« erhielt. Zur Überraschung der deutschen Führung handelte es sich dabei nicht nur um einen Angriff von örtlicher Bedeutung, sondern um eine sorgfältig geplante und vorbereitete strategische Operation, in deren Verlauf innerhalb von nur drei Tagen die gesamte 6. Armee, große Teile der 4. Panzerarmee sowie größere Einheiten der deutschen Verbündeten, insgesamt etwa 22 Divisionen mit rund 350.000 Mann, eingekesselt wurden.

Am 24. November 1942 ordnete Hitler an, die im Kessel von Stalingrad eingeschlossenen deutschen Truppen über eine Luftbrücke mit Munition, Treibstoff und Lebensmitteln zu versorgen. Doch statt der Mindestmenge von täglich 550 Tonnen konnten im Durchschnitt nur 94 Tonnen eingeflogen werden. Sehr schnell breitete sich im Kessel entsetzlicher Hunger aus, der sogar zu Fällen von Kannibalismus führte. Hinzu kamen Schnee und eisige Kälte mit Temperaturen von mehr als dreißig Grad unter Null. Für zehntausende Soldaten, die oftmals keinerlei Winterausrüstung besaßen, bedeutete das einen langsamen und qualvollen Tod.

Trotzdem verbot Hitler jeden Ausbruchsversuch. Am 12. Dezember 1942 befahl er das »Unternehmen Wintergewitter«, einen Entlastungsangriff, der jedoch nach wenigen Tagen rund fünfzig Kilometer vor Stalingrad zusammenbrach. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gab es für die 6. Armee und die übrigen Truppen im Kessel von Stalingrad keinerlei Hoffnung mehr. Trotzdem lehnte Paulus am 8. Januar 1943 eine Kapitulationsaufforderung der sowjetischen Führung ab.

Zwei Tage später, am 10. Januar 1943, begann die »Operation Kolzo« (Ring) zur Liquidation des Kessels. Zunächst wurde der Ring um die deutschen Truppen immer enger gezogen, dann, am 25. Januar 1943, wurde der Kessel schließlich in zwei Teile aufgespalten. Bereits am 22. Januar 1943 hatten sowjetische Truppen den letzten deutschen Feldflugplatz erobert, so dass Nachschub jetzt nur aus der Luft abgeworfen werden konnte. Doch auch diese Transporte mussten schließlich eingestellt werden, weil sich die Frontlinie inzwischen weiter nach Westen verschoben hatte und Stalingrad - mit den eingekesselten deutschen Truppen - nun wieder im sowjetischen Hinterland lag.

Am 31. Januar 1943 drangen sowjetische Einheiten bis zum Hauptquartier der 6. Armee im Südkessel vor. Nach kurzen Verhandlungen gaben sich Paulus und seine Offiziere der Roten Armee gefangen. Die Truppen im Nordkessel kapitulierten am 2. Februar 1943. Damit war die Schlacht von Stalingrad beendet.

Der große Sieg der sowjetischen Truppen brachte die entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg. Der Wehrmacht gelang es in der Folge nicht mehr, die strategische Initiative zurückzugewinnen.

Doch die deutsche Führung war nicht bereit, die Realitäten zu akzeptieren: Am 18. Februar 1943 verkündete »Reichspropagandaminister« Goebbels im Berliner Sportpalast vor einer frenetisch jubelnden Menschenmenge den »totalen Krieg«. Dieser verzweifelte Versuch, die unvermeidliche Niederlage hinauszuzögern, kostete weitere Millionen Menschenleben, brachte noch mehr Leid und Zerstörung.