Disput

»Tolles Ergebnis«

Von wegen Niederlage! Fast 50 Ost-West-Begegnungen

Von Klaus Jann

Mit großen Worten könnte man sagen: Ja, ich hatte (und habe) – solange ich politisch denken und »einordnen« kann – einen Lebenstraum: Wir in Deutschland, in Ost und West, in Nord und Süd, brauchen eine starke Kraft (ja, eine Partei), die für Gerechtigkeit in unserem Land eintritt/kämpft und jede Art von Kriegen ablehnt und verhindert. In meinen Jugendjahren (ich war damals noch in der SPD) gab's zwei Deutschlands und eine gemeinsame Gerechtigkeits-Kraft war fast Utopie. Aber immer wieder empfand ich: Die im »Osten«, in dem anderen Deutschland, waren meinen Idealen schon viel näher. Ich hatte Sympathie für die DDR, und ich trug offen einen Banner mit der Aufschrift »Ich sag' zur Zone DDR«. Und ich schloss mich – noch als junger Sozialdemokrat – dem in Ost wie West aktiven »Komitee der Arbeiterjugend beider deutscher Staaten« an. Das kostete mich meine Mitgliedschaft bei der SPD, sie schloss mich aus.

Für mich ging dann nach der sogenannten Wiedervereinigung ein kleiner Traum in Erfüllung. Die PDS und dann DIE LINKE waren das, was ich mir jahrzehntelang erträumt hatte: die gesamtdeutsche Partei für eine gerechte Welt. Gut, bei fast allem Neuen gibt's Anfangsschwierigkeiten und oft »knirscht es im Gebälk«. Aber plötzlich, vor allem im letzten Jahr, wurden in der Partei angebliche Gegensätze zwischen Ost und West herbei- und hochgeredet, und auf dem Parteitag in Göttingen eskalierte dieser unsinnige Streit, und hinter den Kulissen wurde sogar »Ist eine Trennung nicht sogar besser?« hinterfragt.

Ehrlich: Ich war schockiert. Sollte mein Traum jetzt im Winde verweh‘n? Aber dann machte es mich wieder stark, als ich merkte, dass die übergroße Mehrheit der Basis (auch auf dem Parteitag in Göttingen) dieses »Geschwätz« für absolut daneben fand. Immer wieder war zu hören: »Nein, wir dürfen uns unsere Partei nicht kaputtmachen lassen. Wir müssen was tun ...«. Und eine Genossin aus Sachsen wurde konkret: »Klaus, kannst du nicht eine Wette machen und gemeinsam mit der Parteibasis das Gegenteil beweisen?«

Ja, das war's. Da brauchte ich nicht mehr lange zu überlegen: 100 Ost-West-Begegnungen zwischen LINKEN-Gruppen und -Kreisverbänden als neue Polit-Wette – das würde das Gegenteil beweisen. Schnell hatte ich meine seit Jahren ansprechbare Wettpartnerin, die »Unternehmerin mit dem linken Herzen« gewonnen. Zehn Euro würde sie für jede Begegnung für »Milch für Kubas Kinder« berappen – wenn ich dann 100 solcher Treffen »anschieben« würde. Sonst müsste ich »bluten«.

Schnell war klar: Die Wette (und das Anliegen dahinter) hatte den Nerv der Partei getroffen. Vielerorts (in Ost wie in West) wurden alte Partnerschaften neu belebt. Beim Parteivorstand, bei den Landesverbänden und auch bei mir landeten Anfragen auf dem Tisch: Wie finden wir eine Partnergruppe?

Und dann ging's auf große Fahrt – in den Westen, in den Osten. Gotha in Thüringen und der Main-Kinzig-Kreis eröffneten den Reigen. Bis Ende des Jahres waren 49 Ost-West-Begegnungen bei mir »abgerechnet«. Aus 11 von 16 Bundesländern machten sich die Genossen und Genossinnen auf die Reise. NRW und Brandenburg waren mit zehn Treffen die Spitzenreiter. Aber es hat wesentlich mehr Begegnungen gegeben – denn nicht alle Treffen wurden bei mir gemeldet.

Und auch ich, der sogenannten Wettinitiator, war in den sechs Monaten stark gefragt. Fast eine Woche war ich in Thüringen zu Ost-West-Gesprächen unterwegs. Auch in Fürstenberg (Brandenburg) war ich aktiv. Und ganz besonders habe ich die Begegnung in Schönberg (Nordwestmecklenburg) in Erinnerung. Dorthin hatte mich die LINKE-Vorsitzende Katja Kipping am 18.August zum Treffen der Genossen aus Mecklenburg mit denen aus Lübeck eingeladen. Und nicht unter den Tisch fallen dürfen das Sommertreffen der Linksjugend [‘solid] in Kratzeburg (ich war dabei) und das Jahrestreffen von Cuba Sí am Werbellinsee – beides lupenreine Ost-West-Aktionen – mit konkreten Ergebnissen auch für die Partei.

Und am Ende die Wettbilanz: Nur rund 50 Ost-West-Begegnungen (von geplanten 100) – eine Niederlage? Nein, sagen da alle um mich rum – »ein tolles Ergebnis«. Und für die Partei ein positiver, ein richtungsweisender Schritt. Das Gekrakel von den »gravierenden Unterschieden« zwischen Ost und West in der LINKEN ist (hoffentlich endgültig) vom Tisch. Unser neues Vorstandsduo Katja Kipping und Bernd Riexinger tut alles dafür, dass es unter dem Tisch bleibt.

Und zum Schluss: Ich habe die Wette zwar (an den gemeldeten Zahlen gemessen) verloren. Aber meine Wettpartnerin hat schon mit den Augen gezwinkert – wir werden gemeinsam den Wetteinsatz von 500 Euro an »Milch für Kubas Kinder« überweisen.