Disput

Kraftquell

Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Wohn- und Ferienheim Heideruh e. V.

Von Nils Merten

Die beschauliche Stadt Buchholz im Norden der Lüneburger Heide in Niedersachsen gilt nicht grade als Hochburg des Antifaschismus. Seit jeher bestehen braune Strukturen und genießen rechte Akteure einen gewissen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung – damals wie heute.

Bereits 1925 gründete sich in Buchholz die erste Ortsgruppe der NSDAP, und bei den Reichstagswahlen im März 1933 erzielten die Nazis mit 58,3 Prozent ein überdurchschnittliches Ergebnis. Auch heute noch gilt die Nordheide als Schwerpunktregion der Neonazis in Niedersachsen. Besonders im nahegelegenen Tostedt besteht eine aktive und gut vernetzte Szene militanter Neonazis. Nachdem es mehrfach zu gewalttätigen Übergriffen auf alternative Jugendliche durch Angehörige der rechten Szene kam, wusste der zuständige Polizeichef im Landkreis Harburg, Uwe Lehne, zu beschwichtigen: »Tostedt ist bunt, und auch braun ist eine Farbe.« Diese Aussage macht mehr als deutlich, wie gering das Problembewusstsein einiger Verantwortlicher ist.

Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt hingegen die Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Wohn- und Ferienheim Heideruh e. V. dar. Eine ruhig gelegene Ansammlung eingeschossiger Häuschen in idyllischer Waldlage. Bereits in den 20er Jahren zogen sich hierher Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD) zurück, um Erholung von den Kämpfen in ihrer Zeit zu finden. Zu Beginn des »Dritten Reiches« galt das Gelände gar als »geheimes, kommunistisches Spionagenest«, so Professor Oliver Rump von der Berliner Hochschule für Technik und Wissenschaft; er forscht mit einer Gruppe Studentinnen und Studenten zur Geschichte des Ortes. Erst 1935 deckte die Gestapo die in ihrem Sinne subversiven Tätigkeiten auf und beendete diese.

Ab 1945, der Krieg war grade vorbei, machten sich ehemalige KZ-Häftlinge sowie das Komitee politisch Verfolgter, aus dem später die Vereinigung Verfolgter des Naziregimes (VVN) hervorging, daran, die heruntergekommene Baracke wieder aufzubauen, um dort fortan ihre Sommer zu verbringen. So gründeten sie noch im selben Jahr das »Heideruh« als Erholungsstätte für all diejenigen, die unter der Verfolgung und Gewalt der faschistischen Schreckensherrschaft litten und nun nach neuer Kraft suchten, um ihre Arbeit für eine gerechtere Gesellschaft wieder fortführen zu können. Insbesondere Kindern sollte die Möglichkeit geboten werden, die Schrecken von Lagerhaft und Gewalt zu verarbeiten.

Über viele Jahrzehnte sorgte das Engagement von tausenden ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern dafür, dass das Gelände ausgebaut und der Betrieb bis heute aufrechterhalten werden konnte. Statt auf Profit und die Gesetze des Marktes setzte man insbesondere auf die Solidarität – trotz aller Schwierigkeiten bis in die Gegenwart erfolgreich. Aus der zwischenzeitlichen Genossenschaft wurde inzwischen ein Verein. In dieser antifaschistischen und unkommerziellen Tradition steht das »Heideruh« bis heute.

Neben Verfolgten der Nazizeit und Antifaschistinnen und Antifaschisten der ersten Stunde besuchen inzwischen auch viele jüngere Mitglieder von antifaschistischen Verbänden und Organisationen aus dem gesamten Bundesgebiet wie aus dem Ausland das Gelände. Das »Heideruh« verfügt über 21 Zimmer mit insgesamt 38 Betten, ein Schlafhaus, ein Aufenthaltsgebäude mit Terrasse, eine Bibliothek und ein Wirtschaftsgebäude mit Speiseräumen – alles zu durchaus erschwinglichen Preisen.

Neben der traditionellen Suche nach Erholung steht vor allem die politische Bildung auf dem Programm. So findet seit einigen Jahren ein mehrtätiges Antifaschistisches Jugendcamp im Sommer statt. Regelmäßig werden Veranstaltungen zur Geschichte des Faschismus, zur Situation und zu Aspekten des aktuellen Neofaschismus sowie Workshops und Projekttage durchgeführt. Dabei wird besonderer Wert auf die Möglichkeit selbstständiger Arbeit durch die Organisationen und Personen gelegt. Außer politischer Bildung bietet das »Heideruh« Raum für lokale Vernetzungstreffen, beispielsweise für antifaschistisch engagierte Gruppen und Personen der Region. Sie tauschen sich aus und beraten über etwaige Aktivitäten. Das »Heideruh« ist ein Ort mit einer bemerkenswerten Geschichte und einem fortwährend geltendem Auftrag.