Disput

Altpreußisch oder sehr aktuell?

Feuilleton

Von Peter Porsch

»Wi könne nich alle ön Jerusalem wahne, ön Bethlehem motte ok Mönsch sän.«(1) Dort wird bei Bedarf der Stall zum Wohnzimmer und die Futterkrippe zum Kinderbett. Es erwischt immer mehr Menschen. Man nennt das Gentrifizierung und meint damit eine »Aufwertung« eines Wohnviertels durch Sanierung und Veränderung der Bevölkerungsstruktur. Klingt doch gut und harmlos. Sanierung kostet natürlich Geld. Das müssen die Mieterinnen und Mieter beisteuern. Und so ändert sich eben die Sozialstruktur im Quartier. »Bethlehem« bekommt Zustrom und »Jerusalem« gehört den Wohlhabenden oder zumindest dem »niederen Adel«. Den nennt man in England »gentry«, und davon kommt das Wort Gentrifizierung. Alles geht übrigens auch ohne Sanierung. Wenn die Wohnungsnot groß ist, weil die Metropolen Zuzug erzeugen, kann man die Miete jeder frei werdenden Wohnung für die neuen Bewerberinnen und Bewerber erhöhen. Wie es der Markt halt hergibt.

Solches geht auf Dauer nicht gut. Für die Hausbesitzerinnen und -besitzer schon, nicht aber für die Wohnungssuchenden. Die linksjugend ['solid] machte deshalb zum Beispiel mit symbolischen Besetzungen neu gebauter Eigentumswohnungen in Berlin-Friedrichshain auf die unerträgliche Situation aufmerksam. »Hopp, hopp, Mietenstopp«, skandierten sie. Da kam, was heutzutage kommen muss: die Polizei. In voller Montur stellte sie sich vor das gefährdete Eigentum. Eigner Herd ist eben Goldes wert, und Selbiges lässt man sich nicht so einfach infrage stellen. Wer nicht zahlt, hat kein Recht auf Wohnung, jedenfalls nicht auf die, die sie für ein Leben in Menschenwürde bräuchten. 22 Zwangsräumungen täglich allein in Berlin sprechen die deutliche Sprache der Besitzenden und der Marktwirtschaft. Die Verteilung von Wohnungen einzig dem Markt zu überlassen ist aber ein sozialpolitisches Paradoxon. Der Grazer KPÖ-Politiker Ernest Kaltenegger macht darauf aufmerksam: »Wenn ich kein Geld habe, kann ich auf einen Fernseher oder ein Auto verzichten – auf eine Wohnung nicht.« (Megaphon, Juni 2013, S. 14)

Einen bis heute bewunderten Ausweg aus dem Dilemma fanden in Wien von 1919 bis 1934 regierende Sozialdemokraten für ihre Stadt. In Wien gibt es deshalb neben Stephansdom und Schloss Schönbrunn noch anderes Erstaunliches zu sehen: die Wiener Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit. Der größte ist der Karl-Marx-Hof in Döbling. Viele andere finden sich in den äußeren Stadtbezirken, wo die Baugründe einst billig waren. Wie Burgen stehen sie da und bereichern das Stadtbild. Die Zugangstore sind kunstvoll gestaltet. In verkehrsfreien Innenräumen finden sich Ruhezonen und Spielplätze. Arztpraxen und Kindergärten gehören dazu. Erbaut wurden sie mit den Mitteln einer Wohnbausteuer. Diese Steuer wurde erhoben auf jeden privat vermieteten oder neu gebauten Wohnraum. Es konnten so in 15 Jahren etwa 65.000 Wohnungen für 220.000 Bewohnerinnen und Bewohner gebaut werden, bei erschwinglichen Mieten. Andere Städte, in denen Sozialdemokraten regierten, ahmten das Beispiel nach. Es funktioniert bis heute. Die Stadt Wien ist die größte Wohnungsverwalterin Europas. Der Wohnungsbestand liegt bei 220.000 Wohnungen.

Den Gemeindebauten wurde nachgesagt, von den Roten dazumal als Festungen für den Klassenkampf gebaut worden zu sein. Gezwungenermaßen wurden sie solche auch, als sich 1934 in Österreich der Klerikal-Faschismus an die Macht schoss. In den Gemeindebauten konnte sich der Widerstand am längsten halten. Heute aber bauen sich überall in der Welt die Reichen ihre Burgen mit nach außen abgeschotteten Luxussiedlungen. »Jerusalem« gegen »Bethlehem«! Reich gegen Arm!

(1) Wir können nicht alle in Jerusalem wohnen, in Bethlehem müssen auch Menschen sein. (altpreußisches Sprichwort)