Disput

Das Faszinosum

Luc Jochimsen über Kultur als Lebensmittel, ein »fehlendes« Staatsziel und ihre besondere Freude am Singen

Luc, seit 2005 bist du die kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion. Du kannst uns am besten erklären, was Kultur ist.

Shakespeare hat gesagt: Culture is nourishement, Kultur ist ein Lebensmittel. Er hat uns damit, wie ich finde, die schönste Definition mit auf den Weg gegeben, weil wir ohne Lebensmittel verhungern, verdursten.

Vielleicht wissen wir manchmal gar nicht, wie viel Kultur in uns ist, weil wir Kultur von unseren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern bekommen und übernommen haben. Das fängt mit der Sprache an. Die Welt der Bilder, die Welt der Töne ist für unser Bewusstsein, für unser Gehirn als Stimulanz notwendig. Deswegen ist mein Anliegen immer: Kultur für alle, von Anfang an. Nur so werden wir letztlich Menschen, nur so werden wir soziale Wesen – und nicht Egoisten, die allein daran denken, wie viel konsumiere ich, was gehört mir, wie kann ich noch mehr kriegen.

Der Mensch, der über die Kultur aufwächst, ist auch das sozial verantwortliche Wesen, das wir brauchen, damit wir die Demokratie überhaupt leben können.

Als junges Mädchen wolltest du, so haben wir gelesen, sein bzw. aussehen wie Juliette Gréco. Warum gerade wie sie?

Ich lebte damals in Frankfurt am Main und das war nach dem Kriege ganz stark einerseits von den Amerikanern geprägt: vom Soldatensender AFN und seiner Musik, Louis Armstrong, Jazz, Swing, aber auch von den großen Dramatikern Arthur Miller, O`Neill , Tennessee Williams… Andererseits waren wir auch sehr fasziniert vom französischen Existenzialismus. In Mainz, nicht weit entfernt, begann die französische Zone, und dort trat irgendwann Juliette Gréco auf. Und diese Frau mit ihren schwarzen Haaren, ihren großen Augen, dem weiß geschminkten Gesicht, dem ganz einfachen schwarzen Kleid, mit ihren unglaublichen Chansons – das war für mich sehr prägend. Wenn man so will, war das eine europäische Gegenwelt zur amerikanischen Kultur. Das war mir aber so gar nicht bewusst.

Welche Art von Kunst bevorzugst du, was würdest du selbst gern können?

Am liebsten würde ich großartige Musik machen, zum Beispiel singen. Ich bewundere Sänger, Opernsänger, auch Popsänger. Wenn der Mensch anfängt zu singen, betritt er eine neue Dimension.

Leider kann ich gar nicht singen, ich habe kein gutes Gehör, liege im Ton schnell daneben. Mein Mann, der wunderbar singen kann, verbietet mir sogar zu singen, obwohl ich so gern singe. Er sagt, du singst so falsch, es ist grauenhaft.

Hast du auch Berührungspunkte zur sogenannten Subkultur?

Eher in Richtung Bildende Kunst. Um in die Klubszene zu gehen, bin ich ein bisschen zu alt. Was ich mache ist: Ich suche mir oft Theaterproduktionen aus, ich bin zum Beispiel ein großer Fan von »Gutes Wedding, Schlechtes Wedding«, die Erstaunliches auf die Beine stellen – jede Woche eine aktuelle Produktion über das Leben in Berlin, als Satire auf eine populäre Fernsehgeschichte.

In diesem DISPUT-Heft schildert Eva-Maria Glathe-Braun aus Ulm die Situation an Theatern, darunter prekäre Beschäftigung.

Wohin man kommt, überall trifft man auf sie. Es ist unvorstellbar, wovon die Frauen und Männer leben müssen. Meine Erfahrung ist, dass das in den etablierten Kulturbetrieb übergeht. Zum Beispiel an der Oper in Erfurt. Dort bekam ein 26-jähriger phantastisch ausgebildeter Absolvent der Musikhochschule Friedrich Liszt tatsächlich ein Engagement. Aber wie sieht das aus? Er erhält im Monat 1.600 Euro, steht fünf Mal in der Woche auf der Bühne und probt sechs Mal morgens. Man bietet ihm Rollen an, die im Grunde für seine Stimme und sein Alter noch viel zu schwer sind. Seine Lehrer, die ihn noch betreuen, warnen und sagen, das solltest du nicht machen, du ruinierst dein Potenzial. Einmal kann er die Rolle ablehnen, beim zweiten Mal hat er schon einen schlechten Ruf. Dem Opernhaus ist das egal: Wenn er in vier Jahren »kaputtgesungen« ist, stellt es eben den nächsten Absolventen ein. Was aus dem dann 30-Jährigen wird, das interessiert nicht mal den Nicht-Kommerzbetrieb Oper Erfurt.

Überall stößt man auf solche Praktiken. Gerade auch bei kleinen Theatern mit großartigen, wichtigen Programmen. Sie haben so kleine Etats, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als ihre Schauspieler und Regisseure auszubeuten. Wie das wunderbare Theater Senftenberg in Brandenburg. Die Schauspieler verdienen wenig und arbeiten unendlich viel mit Begeisterung und Feuer. Anders könnte das Theater auch seinen Spielplan und sein Publikum gar nicht halten.

Das Wort von der brotlosen Kunst klingt so aktuell wie zynisch.

Kunst war eigentlich immer brotlos. Eltern haben doch ihre Kinder beschworen, lerne bitte was »Vernünftiges«. Wir dachten dann wirklich mal, in unserem insgesamt reichen Land haben wir diese Zeiten überwunden, in denen die Künstlerinnen und Künstler arm sind.

Bei Jahreseinkommen von durchschnittlich 10.000, 11.000 Euro – wer soll denn davon leben? Und noch was zurücklegen fürs Alter oder für den Fall von Krankheit oder Auftragslosigkeit? Das geht nicht.

Was kann, was muss Politik da leisten?

Sie muss vor allem diese Situation ins Bewusstsein der Gesellschaft bringen. Die Leute dürfen nicht sagen, Künstler sein ist Privatsache und wenn es nicht klappt, müssen sie eben nebenbei an der Tankstelle arbeiten. Solange es ein solches Bewusstsein gibt, lässt sich nur im Rahmen was verändern.

Wir als LINKE treten ja, nachdem wir so hart um den Mindestlohn gekämpft haben, auch für Mindesthonorare und Mindestgagen ein. Das ist das eine.

Das andere: Wir müssen die Künstlersozialkasse erhalten und finanziell besser ausstatten. Da dürfen wir uns nicht von den Attacken der Wirtschaftsliberalen beeindrucken lassen, die vor zwei Jahren schon einmal versucht haben, in einer Art kaltem Handstreich die KSK infrage zu stellen.

Unsere Bundestagsfraktion hat beantragt, Kultur als Staatsziel ins Grundgesetz aufzunehmen. Was ist daraus geworden?

In der Verfassung soll nach unserer Überzeugung stehen: Der Staat schützt und fördert die Kultur. Natürlich könnte man sich davon keinen kostenlosen Eintritt ins Theater oder ins Museum verschaffen. Es geht darum zu bekunden, wie wichtig uns die Kultur ist. Unser Antrag ist abgelehnt worden. Interessant ist: Die FDP hatte 2009 am letzten Tag der vorigen Legislaturperiode, vor Sommerpause und Wahlkampf einen ähnlichen Antrag gestellt; damals hielt Westerwelle ein phantastisches Plädoyer für das Staatsziel Kultur – und FDP und DIE LINKE haben zusammen abgestimmt; die Großkoalitionäre und auch die Grünen stimmten dagegen. Heute will die FDP davon nichts mehr wissen.

Ein aktuelles Beispiel zu diesem Thema: die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen EU-USA. Beschlossen wurde, die Kultur und Medien von vornherein von den Verhandlungen zu diesem Abkommen auszunehmen, weil Kultur eben keine Ware wie Autos, Mais oder Schweinehälften ist. Wer hat dies durchgesetzt? Die Franzosen! Eigentlich ist es schmählich, dass wir Deutschen, die wir uns ja eine Kulturnation nennen, von den Franzosen gerettet werden, statt gemeinsam mit den Franzosen aufzutreten. In einer Pressemitteilung habe ich mich bei den Franzosen bedankt.

Warum tun wir uns so schwer mit der Kultur-Politik?

Wir sind doppelzüngig. Wir nennen uns zwar Kulturnation, aber gerade im Bereich der Politik und interessanterweise in der bürgerlichen Politik hat man sich davon verabschiedet und will das auch gar nicht. Vielleicht aus Angst vor der Vielfalt der Kultur, vor dem, was heutzutage das Spannende ist. Vielleicht ist ihnen das zu unübersichtlich, es ist eben nicht mehr die gewissermaßen preußische oder bayerische Kultur. Ansonsten sind sie fixiert auf materiellen Wohlstand. Das ist vielleicht der Hauptpunkt. Wir sind in unserem Land so fixiert auf Konsum, auf Konsum als Fundament für alles andere, dass das Verständnis für die Notwendigkeit der Kultur auf der Strecke bleibt.

Amerikanische Arbeiterinnen hatten vor über 100 Jahren einen Slogan entwickelt: Wir wollen Brot und Rosen. Eine wunderbare Definition für Kultur: Wir wollen Brot, einen garantierten Lebensunterhalt, anständige Arbeit, anständige Löhne. Aber wir wollen auch Rosen. Rosen steht für mich für Schönheit und auch für das Individuelle, das ist für die einen das Musikspiel, für andere eine schöne Reise, für die nächsten Literatur. Die Rosen stehen für einen großen weiten Kulturbegriff.

Wie kulturvoll ist DIE LINKE?

Oh, oh! (lacht) Das ist nicht so einfach zu beantworten. Ich bin bei Linken auf sehr viel Kultur gestoßen, denke ich zum Beispiel an den kürzlich verstorbenen Maler Willi Sitte, der sich unbeirrt als Kommunist verstanden hat, und ich habe großartige Autoren kennengelernt.

Aber in der alltäglichen Politik der LINKEN ist der Kulturbegriff zu wenig ausgeprägt.

Warum?

Aus einem Missverständnis heraus. Wir kämpfen zu Recht für soziale Verbesserungen der Menschen, denen es schlecht geht. Und dabei gibt es bei uns Genossinnen und Genossen, die das Soziale gegen das Kulturelle ausspielen, die meinen, wir müssten uns zunächst und vor allen Dingen für das Soziale einsetzen. Da liegt ein Missverständnis vor – als ob nicht auch die Kultur dazugehört. Wenn man das Soziale gegen das Kulturelle ausspielt, bleibt letztlich beides auf der Strecke.

Es gibt ein Missverständnis bei jungen Leuten, denen Kultur bourgeois ist, bürgerlich, Luxus. Die große Zahl der heutigen Kulturangebote ist doch nicht Bayreuth! Da wird übersehen, wo das Faszinosum der Kultur heute liegt: bei ganz kleinen Gruppen, überall, in den Stadtteilen, auch im ländlichen Raum.

Wenn jemand wie Peter Sodann 300.000 Bücher rettet und die in einem ehemaligen Pferde- und Kuhstall in Sachsen erhält, ist das linke Kultur. Das ist eine bewundernswerte, fast übermenschliche Leistung, die einer vollbringt, weil er Kultur retten will, damit nicht ein großer Teil unserer Errungenschaften verschwindet und wir ganz banal werden.

Bei deiner Kandidatur zum Bundestag 2005 hattest du angekündigt, dich insbesondere als »Friedensstifterin«, als »Vereinigerin von Ost und West« und für Schwache und Benachteiligte einsetzen zu wollen. Inwieweit ist das gelungen?

Ich war jahrzehntelang Journalistin und habe Politik beschrieben und analysiert. Aber was es heißt, in der Politik zu stehen, das wusste ich nicht. Bei diesen drei Themen war ich überzeugt, da müsste was getan werden. Zum Beispiel für den Frieden: weil ich finde, unsere Gesellschaft ist unfriedlich, ist kriegerisch nach außen und leider gewalttätig nach innen. Wir müssten eine viel friedfertigere Gesellschaft auch innen sein, im Umgang miteinander. Das ist sehr schwer, wenn man außen Kriege führt. Dann hatte mich als jemand aus dem Westen schon 2002, als ich als Parteilose für die PDS kandidiert hatte, bewegt, dass dieser Einigungsprozess mir so wenig geglückt schien. Es gab und gibt noch immer Vorurteile gegenüber den Menschen, den Leistungen und auch der Kultur der früheren DDR. Das ist nach wie vor so. Deswegen habe ich beispielsweise große Veranstaltungen gemacht, einen West-Ost-Dialog.

Punktuell haben wir als LINKE auch in kulturellen Fragen als Fraktion auf uns aufmerksam machen können. Sehr froh bin ich, dass der Kunstbeirat des Bundestages, dem ich angehöre, noch wenige Tage vor Willi Sittes Tod beschloss, ein wunderbares großes Bild (»Am kalten Buffet«) für den Bundestag anzukaufen, als erstes Werk von Sitte. Mit dem Bild ist sein Erbe geehrt. Das war mir sehr wichtig.

Du willst bis Anfang 2014 ein Buch fertig schreiben. Wie wird das Fazit für deinen Seitenwechsel vom Journalismus in die Politik ausfallen?

Das mit dem Seitenwechsel ist so eine Sache. Ich bin mir nicht darüber im Klaren, ob ich nicht auch in dieser Arbeit, in Reden, im Ausschuss vor allen Dingen meinen journalistischen Blick behalten habe, ob ich nicht nach wie vor mehr als Journalistin gucke denn als »Spielerin«.

Was ich mit Zorn erlebt habe, ist unsere Ausgrenzung als Fraktion. Das war 2005 so offenkundig bei der Nichtwahl von Lothar Bisky zum Vizepräsidenten des Bundestages. Einmal nicht, zweimal nicht, dreimal nicht, viermal nicht. Es gab kein Argument, keine Vorwürfe, nichts – sondern einfach nur das Signal: Dieser Mann ist nicht wählbar, weil ihr insgesamt für uns nicht wählbar seid. Bei der CDU und auch bei deren Koalitionspartnern hat sich gegenüber der LINKEN nichts geändert. Sie machen uns deutlich, dass wir die Außenseiter sind, die Parias. Diese Erfahrung ist schon bitter.

Weil du auf deiner Homepage offen darüber geschrieben hast, fragen wir nach: Wie geht es dir, nach OP und Strahlentherapie?

Manchmal besser, manchmal schlechter. Die Zeit während der Bestrahlung verlief sehr gut, aber ich habe mit den Nachwirkungen der Bestrahlung zu kämpfen. Die Ärzte raten mir, ich solle mich schonen. Nun kommt zweierlei zusammen: die Krankheit und der Abschied von der parlamentarischen Arbeit. Von der Krankschreibung her hätte ich nicht mehr in den Bundestag zurückkehren müssen. Ich wollte das aber, ich wollte das zu einem guten Ende bringen.

Millionen Frauen haben das hinter sich gebracht, also bin ich optimistisch, dass ich es auch hinter mich bringen werde.

Noch etwas Persönliches: Warum hast du deinen Vornamen Lukrezia vor vielen Jahren zu Luc verkürzt?

Der Name Lukrezia, den ich sehr liebe, war mit Spott und Vorbehalten verbunden: Lucrezia Borgia als Papsttochter, als Giftmischerin. Andererseits wollte ich, 17-jährig, meinen Vornamen versachlichen: Als freie Autorin rechnete ich mir aus, was passiert, wenn sie in der Redaktion den Vornamen lesen und denken: ah, ein junges Mädchen …. Mein Artikel würde doch sofort im Papierkorb landen. Luc war da neutralisiert. Alice Schwarzer und die Frauenbewegung warfen mir mal auf einer Veranstaltung vor, ich hätte mich da entweiblicht, bewusst neutralisiert, weil ich mich der Männergesellschaft anpassen wollte. Das ist sicherlich richtig; ja, das stimmt. Das war damals eine Zeit, wo man nicht selbstbewusst als junge Autorin hingehen und sagen konnte: Ich heiße Lukrezia. Das ist heute Gott sei Dank anders.

Interview: Stefan Richter und Antje Kind