Disput

Das Pferd fehlt immer noch

Interview mit Comiczeichner Gerhard Seyfried

Gerhard Seyfried, du bist Jahrgang 1948, in München geboren, eine Legende unter den deutschen Comiczeichnern, arbeitest auch als Übersetzer, Schriftsteller und sogar als Militärberater.
Ja, ich bin auch Militärberater, besser gesagt Militärhistoriker. Das hängt mit meiner Arbeit als Schriftsteller zusammen. Ich berate aber nicht das Militär, sondern bekomme gelegentlich Anfragen von befreundeten Journalisten und Schriftstellern, die militärische Fachausdrücke erklärt haben wollen. Das ist alles. Damit habe ich mir im Laufe der Zeit drei oder vier Bier verdient.

Die politische Karikatur in Deutschland befindet sich in einem Wandel. Was hat sich seit den 70er Jahren verändert? Ich sage jetzt mal, woran ich denke: die zeichnerische Qualität, die Computer und die Tatsache, dass man eigentlich nicht mehr davon leben kann.
Das ist es ungefähr. Ich musste ein paar Berufe dazu nehmen, um über die Runden zu kommen. Von Comics allein kann man in Deutschland traditionell schlecht leben. Ich arbeite hauptsächlich als Schriftsteller und schreibe Romane über deutsche Geschichte, die ich sehr genau recherchiere. Gelegentlich mache ich auch Übersetzungen und nehme Zeichenaufträge an.

Wie ist das mit der zeichnerischen Qualität? Früher, in den 70er Jahren, wurde gezeichnet. Jetzt kommen die Computer dazu. Was hat sich sozusagen an deiner Arbeitsweise verändert?
Meine Arbeit als Zeichner hat sich durch die Computer teilweise verändert. Nach wie vor beginne ich mit Bleistiftskizzen. Die arbeite ich solange aus, bis ich damit zufrieden bin, sie sind für mich das eigentliche Kunstwerk. Dann pause ich sie auf dem Lichttisch mit schwarzen Filzschreibern – früher mit Tusche – durch. Dann scanne ich sie ein und koloriere sie im Computer. Das hat Vor- und Nachteile. Ein Nachteil ist, dass man in der Farbgebung keine Malstruktur mehr sieht. Aber es hat auch wesentliche Vorteile: a) macht mir die Arbeit am Computer Spaß, kolorieren ist für mich wie ein Computerspiel; b) kann die Druckerei nichts mehr versauen. Früher gab es immer Probleme, bis die Farben ungefähr stimmten. Da war zum Beispiel das Rot zu kraftlos, also musste mehr gelb dazu. Dadurch wurde das Blau zu grün und so weiter. Kolorieren geht heute schneller, und die Kosten sind sehr viel geringer. Diese Farbsätze, die ich früher hatte, etwa Magic Marker mit bis zu 100 Stiften, waren einfach furchtbar teuer. Die sind nach ein paar Monaten ausgetrocknet, und dann hieß es nachkaufen.

Der vollbärtige Anarchozwerg mit Bombe und Steinschleuder, die umgekippte Bullenwanne, Aufkleber, die der Polizei den Zutritt verwehren sollen, sind Bilder, die die 68er Generation begleiteten. Sehr populär waren sie auch in der DDR. Als Comic-Ikone stecktest du mitten in der Szene. War das so?
Auf jeden Fall. Ich bin in München, nachdem ich alle möglichen K-Gruppen und sonstige politischen Gruppen ausprobiert habe, Anfang der 1970er mehr oder weniger in der »anarchistischen Szene« gelandet. Die gefiel mir am besten, es gab keine Zwänge, nur endlose Diskussionen, aber man konnte machen, was man wollte, und wir versuchten vor allem, das zu leben, was wir für richtig und wichtig hielten. 1976 kam ich nach Berlin und geriet in die Hausbesetzerszene. Wir haben in Kreuzberg eine Wohnung besetzt, ein Freund und ich – nicht Hausbesetzung, wohlgemerkt, sondern Wohnung – mit Unterstützung einer Bürgerinitiative.
So im Laufe der Jahre ist mir die Szene aus dem Blickfeld geraten. Ich wüsste heute nicht mehr, was ich »meine Szene« nennen könnte. Im Vergleich zu früher sehe mich in erster Linie als Künstler. Das kommt auch von meinen Aufenthalten in den USA, wo ich viele Kollegen kennengelernt habe.

Das ist eine gute Überleitung, die amerikanische Comicszene. Du hast dort viele Jahre gelebt und gearbeitet. Was hat dich dort künstlerisch vorwärtsgebracht?
Der Hauptunterschied war, dass ich vorher ja als Cartoonist, als Karikaturist also, gearbeitet habe und nur einzelne Zeichnungen gemacht habe. In San Francisco habe ich unter anderen Gilbert Shelton kennengelernt, dessen berühmte Freak-Brother-Comics – klassische Underground-Comics – mich sehr inspiriert haben. Das war Ende der 1970er Jahre. Ich wollte von da an auch Comics zeichnen. Das war für mich so der Schritt von der Karikatur zur gezeichneten Bildergeschichte, vergleichbar mit dem Schritt vom Foto zum Film.

Jetzt haben wir eine Definition dafür bekommen. Sehr gut. Widerstand leisten und politische Grafik oder Cartoons oder Comics. Da besteht ja eine enge Verbindung. Deine Bilder waren immer ironisch, frech, mit Details gespickt, mit Sprechblasen, mit Wortschöpfungen. Ich musste oft an Karl Valentin denken.
Der hat mich auch sehr inspiriert. Ich bin ja gebürtiger Münchner. Karl Valentin ist einfach der großartigste Künstler, was Wortspiele und vor allem »Ausdrücke wörtlich nehmen« betrifft. Valentin hat mich immer begeistert, und von ihm bin ich ganz sicher infiziert. Er gehört zu meinen Ur-Inspiratoren.

Die Wende, auch ein wichtiges Thema für dich. Mit schwarzem Humor hast du reagiert, mit diesem witzigen Album »Flucht aus Berlin«.
Ja, und unter anderem habe ich auch den Mauerfall schon vorausgesehen, nämlich 1984, in meinem Comicband »Das Schwarze Imperium«. Der Mauerfall hat mich auch kalt erwischt wie viele andere. Davon ist einem ja vorher nichts erzählt worden. Mir schon gar nicht. Ich hatte zu der Zeit an einem langen Comic gearbeitet. Der hatte ursprünglich eine ganz andere Geschichte, es sollte um Umweltschutz gehen. Dann fiel die Mauer, und ich beschloss, die Geschichte umzuschreiben, in der ja die Sowjetunion und die DDR vorkamen. Der Comic ist 1990 als »Flucht aus Berlin« erschienen.

Du hast dich weiterhin mit Themen beschäftigt, mit der Neonaziszene, Parteienfilz, Macht der Monopole. Und gibt es zwei große Sammelbücher, noch beim Verlag Zweitausendeins erhältlich. Da ist ja alles drin.
»Die Comics. Alle!« enthält alle Comics – die klassischen Comicalben – sowie alle Comics, die ich mit meiner Kollegin Ziska Riemann zusammen gemacht habe. Der zweite Band nennt sich »Die Werke. Alle!« und hat alles von mir, was keine Comics sind – also einzelne Karikaturen, Plakate, veränderte Fotos, meine ganze Lebensgeschichte, die Ziska aus mir herausgequetscht hat, was bisher noch niemand anderen gelungen ist, auch Gemälde, Texte und so weiter.

Das Poster »Die Internationale« hing in jedem Zimmer der linken Szene, bei allen Strömungen und Parteien. Die Zerstrittenheit der Linken war auch immer ein Thema für dich. Da sehe ich ein Bild vor mir, ein Kutschenwagen ohne Pferd und auf der Ladefläche sitzt so ein Haufen Linker mit DKP-, MLPD-, KPD- und anderen Schildern und dem Ruf: Vorwärts. Aber das Pferd, das den Wagen in Gang setzen soll, fehlt. Siehst du inzwischen Fortschritte auf diesem Gebiet?
Schwer zu sagen. Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Das Pferd fehlt immer noch. Wahrscheinlich reicht ein Pferd heute auch nicht mehr. Ich sehe keine Verbindung mehr zur klassischen linken Szene, wie sie in Westdeutschland in den 70er und 80er Jahren existiert hat. Das gibt es so nicht mehr. DIE LINKE halte ich eigentlich für die im Moment größte oder zugkräftigste Partei, die im Parlamentarismus existieren kann. Da ist auch immer dieses alte Leiden der Linken, die Zerstrittenheit. Das ist ihre klassische Krankheit. Die Rechten haben es da leichter.

Dann könnten ja der Humor und die Comickultur einen Beitrag leisten, die Linken wieder zusammenzuführen?
Wollen wir es hoffen. Das wird nur ein bescheidener Beitrag sein. Aber das wäre natürlich schön.

Vielen Dank. Und schön, dass du uns im Wahlkampf mit deinen Mitteln unterstützen wirst. Wir sind neugierig auf die künstlerische Gestaltung der Bühnen zu den zentralen Wahlkampfveranstaltungen der LINKEN durch dich.

Interview: Gert Gampe