Disput

Reiche Schätze, arme Künstler?

Unterfinanzierung der Theater oft zu Lasten der Beschäftigten

Von Eva-Maria Glathe-Braun, in Ulm/Alb-Donau (Baden-Württemberg) Direktkandidatin zur Bundestagswahl

»Arm, aber selbstbestimmt«, so beschrieb eine Studie zu Beginn des Jahres die Lage der Künstler in Deutschland. Wie aber sieht deren Lebens- und Schaffenswirklichkeit tatsächlich aus?

Werner Schaub, Vorsitzender des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) stellte im November 2011 in einem Interview fest, »dass sich die Situation nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat.« Knapp 90 Prozent der Künstlerinnen und Künstler seien auf weitere Quellen zur Finanzierung ihres Lebensunterhaltes, oft auch auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, angewiesen. Das Einkommen von Schauspielern und Tänzern liegt rund 40 Prozent unter dem Durchschnittseinkommen in Deutschland. Knapp die Hälfte von ihnen muss einer nicht-künstlerischen Nebentätigkeit nachgehen, um finanziell über die Runden zu kommen. Von den »freien« Darstellern ist ein Viertel zudem nicht einmal in der Künstlersozialkasse versichert. Die künstlerischen Festanstellungen am Theater unterliegen tariflich dem Normalvertrag Bühne, der Mutter der prekären Arbeitsverhältnisse überhaupt. Befristungen, niedriges Gehalt, Honorar- und Werkverträge sind die Regel.

Die Unterfinanzierung der Theater wird oft auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Die Ensembles werden verkleinert, Überbelastungen sind an der Tagesordnung. Selbst bei Krankheit wird aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes gearbeitet. Irreparable Schäden, etwa an der Stimme oder am Bewegungsapparat, sind oft die Folgen, Berufsunfähigkeit so programmiert. Nach vielen Jahren Arbeit an verschiedenen Theatern weiß ich selbst, wie schwierig es unter solchen Bedingungen ist, auch noch Kinder zu haben.

Gleich vier Gewerkschaften bemühen sich, mehr oder weniger erfolgreich, um bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung. Hier ist eine starke Bündelung gewerkschaftlichen Engagements notwendig.

In der Bildenden Kunst zeigt man zwar gerne seine »Schätze«. Um die Situation der Künstler kümmert man sich dagegen kaum. Es muss in die Köpfe der Menschen, dass die Tätigkeit eines Künstlers Arbeit und kein Hobby ist. Man könnte Malerei, wie Kunst überhaupt, als eines der Gedächtnisse der Menschheit bezeichnen. Wir brauchen dieses Gedächtnis gerade in unserer schnelllebigen Zeit. Als Erbe für unsere Kinder.

Künstler haben es nicht verdient, als Bittsteller von Almosen leben zu müssen. Auch sie verdienen eine anständige Entlohnung ihrer Arbeit. Eine durchgehende Grundsicherung, ein Bedingungsloses Grundeinkommen, ist dazu ein möglicher Weg. DIE LINKE sollte die offene Diskussion darüber anführen. Durch unser Konzept eines emanzipatorischen Grundeinkommens könnten wir so endlich auch das repressive Hartz-IV-System überwinden.

Ulm kann auf eine Akademie der Künste mit ihrem integrativen Studiengang stolz sein. Alle Absolventen erzielen dort gleich zwei Abschlüsse und erreichen so ihre Aufnahme in die ZBF (Künstlervermittlung). Hier wird zudem packendes politisches Theater gemacht, auch mit Kindern und für Kinder gespielt und gearbeitet. Ähnlich engagiert arbeiten andere freie Einrichtungen und Gruppen. Gleichwohl sind sie oft dramatisch unterfinanziert. Sie brauchen eine wenigstens ausreichende Planungssicherheit, um überleben zu können.

Letzten Sommer wurde das freie Projekt »Kulturfahrschule« in Ulm als äußerst reges und kreatives Zentrum unabhängiger Künstler/innen zur allseits bejubelten Erfolgsgeschichte. Freilich auch hier das leidige Problem der Finanzierung. Es braucht öffentliche Fördermittel, um solche Initiativen am Leben zu halten.

2012 habe ich in Ulm die »Kulturloge« mit gegründet. Die Kulturlogen engagieren sich für die Teilhabe an Kunst und Kultur von Mitmenschen, die sich dies aus eigenen Mitteln nicht leisten können. Kulturlogen sind ein vermittelndes Bindeglied zwischen Künstlern, Kulturträgern und einem so auch erweiterten Publikum. Selbst Künstler sind, bedingt durch ihre oft prekäre Lebenssituation, gelegentlich »Gäste« der Kulturloge.

Für DIE LINKE kandidiere ich für den Bundestag, weil ich mich für eine gerechte, demokratische und solidarische Gesellschaft engagiere, in der jeder die tatsächlich gleichen Chancen, die tatsächliche Möglichkeit der Teilhabe hat. In unserem Wahlprogramm haben wir einen hervorragenden Kulturabschnitt, der die Künstler und ihr Wirken wert schätzt. »Kultur« als Staatsziel im Grundgesetz ist schon lange überfällig.

Was Künstler in der Gesellschaft vermögen, habe ich im Herbst 1989 in Sachsen erfahren, als Schauspieler nach ihren Vorstellungen die »Dresdner Erklärung« vortrugen, die mit den Worten begann »Wir treten aus unseren Rollen heraus ...«, und die damit den Stein der Wende mit ins Rollen brachten. Die Aktualität der »Räuber« von Schiller bewiesen in Münster Blockupy-Aktivisten, als sie in die Inszenierung eingriffen.

Eva-Maria Glathe-Braun, geboren in Rostock, lebt seit 1999 in Ulm (Baden-Württemberg) und arbeitet dort am Theater. Sie ist Sprecherin des Kreisverbandes der LINKEN.