Disput

Die Liste

Vor 80 Jahren wurden die ersten 33 deutschen Antifaschisten durch die Hitler-Regierung ausgebürgert

Von Ronald Friedmann

Am 14. Juli 1933 hatte die Reichsregierung mit dem »Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit« die »rechtliche« Grundlage geschaffen, nicht nur mehrere zehntausend jüdische Einwanderer, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland gekommen waren, wieder auszubürgern und ihrer Staatsbürgerschaft zu berauben. Sie hatte nun auch die Möglichkeit, sich aller Antifaschisten zu »entledigen«, denen es in den Tagen und Wochen nach der Machtübergabe an Hitler und seine Partei gelungen war, aus Deutschland zu entkommen.

Die Ausbürgerung war nicht allein ein symbolischer Akt, mit der Gegner der Hitlerdiktatur aus der »deutschen Volksgemeinschaft« ausgeschlossen werden sollten. Der Verlust der Staatsbürgerschaft stellte die Mehrzahl der Flüchtlinge, soweit sie nicht durch eine besondere Prominenz geschützt waren, vor beinahe unlösbare Probleme. Da sie nach dem »Gesetz« nun keine Deutschen mehr waren, galten sie in ihren Gastländern häufig nicht mehr als politisch Verfolgte. Ihre Aufenthaltsgenehmigung war damit akut gefährdet, von der – ohnehin nur in Ausnahmefällen – gewährten Arbeitserlaubnis ganz abgesehen. Und ihr gesamtes persönliches Eigentum, das sie bei der Flucht aus Deutschland zurücklassen mussten, fiel an den deutschen Staat.

Am 25. August 1933 erschien im »Deutschen Reichsanzeiger« die erste von insgesamt 359 Listen, mit denen nicht weniger als 39.006 Personen ausgebürgert wurden. Die letzte Liste wurde – mit makabrer deutscher Gründlichkeit – noch am 7. April 1945 veröffentlicht, als der Sturm der sowjetischen Truppen auf die Reichshauptstadt Berlin unmittelbar bevorstand und das Ende des »Dritten Reiches« buchstäblich nur noch eine Frage von Tagen war.

Die Liste vom 25. August 1933 umfasste 33 Namen. Die Kriterien, nach denen die zuständigen Beamten des Reichsinnenministeriums in einer Besprechung am 16. August 1933 ihre »Auswahl« trafen, lassen sich auch aus heutiger Sicht nicht wirklich nachvollziehen. Selbstverständlich waren vor allem Politiker von KPD und SPD in großer Zahl vertreten. So fanden sich auf der Liste, um nur einige Namen zu nennen, die Kommunisten Wilhelm Pieck, Willi Münzenberg, Heinz Neumann, Fritz Heckert und Max Hölz sowie die Sozialdemokraten Otto Wels, Phillip Scheidemann, Rudolf Breitscheid, Friedrich Stampfer und Albert Grzesinski. Aufgeführt waren die Schriftsteller Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Kurt Tucholsky und Ernst Toller, der Theaterkritiker Alfred Kerr und mehrere bürgerliche Politiker der Weimarer Zeit, so der frühere Berliner Vizepolizeipräsident Bernhard Weiß. Doch Albert Einstein oder Thomas Mann, die bei der Führung des »Dritten Reiches« besonders verhasst waren, fehlten. Ihre Ausbürgerung erfolgte erst einige Wochen später.

Einzige Frau auf der Liste vom 25. August 1933 war Elfriede Gohlke, die vor allem unter ihrem »Nom de guerre« (Kampfnamen, Pseudonym) Ruth Fischer bekannt war. In den Jahren 1924 und 1925 hatte sie an der Spitze der KPD gestanden, sich dann aber mit »Moskau« überworfen. 1926 wurde sie aus der KPD ausgeschlossen. Nun war sie auf der Flucht vor Hitler und Stalin.

Nach dem Überfall auf Frankreich im Frühjahr 1940 gelang es Hitlers Terrorapparat, vier der Ausgebürgerten in ihre Gewalt zu bekommen. Der Kommunist Eugen Eppstein wurde im März 1943 im KZ Majdanek ermordet, der Kommunist und Freidenker Max Sievers im Januar 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Der Pazifist Berthold Jacob starb im Februar 1944 an den Folgen jahrelanger Gestapohaft, und der Sozialdemokrat Rudolf Breitscheid kam im August 1944 bei einem Bombenangriff auf das KZ Buchenwald ums Leben.

Im »Deutschen Klub« in London hatte »Reichspropagandaminister« Goebbels im Spätsommer 1933 Portraits der 33 Ausgebürgerten mit dem Hinweis aufhängen lassen: »Wenn ihr einen trefft, schlagt ihn tot!«. In diesen vier Fällen war sein Wunsch in Erfüllung gegangen.