Disput

Erschlagen wie mit einer Axt

Nachbelichtet.

Von Arthur Paul

Das Haus sieht nicht einladend aus. Graffiti-Sprayer übten die Aufhübschung. Sie halfen »Nazis vertreiben«. Das macht sie sympathischer als das Haus. Solche »Mietskasernen« wurden einst für die entwurzelten Landarbeiter gebaut, die in den städtischen Fabriken gebraucht wurden. Da teilten sich sechs bis zehn Personen einen Raum. Die Toilette für zwei Etagen war außen auf halber Treppe. Die Investoren nannten das »eine gut verzinsliche Geldanlage«. Die Hausnummer 208 lässt ahnen, wie groß hier die »Anlagefläche« war. Der Maler Heinrich Zille warnte: »Man kann die Menschen mit einer Wohnung wie mit einer Axt erschlagen!«.

Das ist lange her. Heute sind wir ein Wohlstandsland, eine Insel der Glückseligkeit inmitten der Eurokrise. Vor allem durch die neoliberale Privatisierung. Zwischen 1999 und 2011 verkaufte die öffentliche Hand 917.000 Wohnungen an private Unternehmen. Die haben »modernisiert« – mit Mieterhöhung – oder verkauft für sechsstellige Beträge oder vergrößert durch Luxussanierung für Neureiche. Die Verdrängung der früheren Bewohner der Innenstädte rollt wie eine Dampfwalze durch Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf und Berlin. Die Zahl der Sozialwohnungen sank in den vergangenen 20 Jahren von vier Millionen auf 1,6. Die Berliner Mieten stiegen in fünf Jahren um 28 Prozent. Wo mal gewohnt, gearbeitet und sich entspannt wurde, sind lebendige Kieze herzlos entseelt. Es fehlen etwa 250.000 bezahlbare Wohnungen in den Großstädten. Im Wahljahr geloben alle Parteien die Behebung der Wohnungskrise. Wenn sie sich nur nicht verheben!

Ein Wohnhaus ohne Bewohner stirbt schneller. Die Besetzung ist Notwehr und Werterhaltung, solange das Wohnrecht kein verbrieftes Menschenrecht ist. Die Investoren werten das als »Okkupation einer Goldgrube« durch die Habenichtse! Drum steht da das Auto von Deutschlands größter Bausparkasse vor der Tür: »Schwäbisch Hall – Auf diese Steine können Sie bauen! «. Mag ja sein. Auf diesen Staat aber nicht!