Disput

Es geht ihr gut

Nach zehn Jahren als Bürgermeisterin übergibt Heidi Michaelis die Rathausgeschicke von Ueckermünde an Gerd Walther

Von Stefan Richter

Auf dem Tisch ein paar Kaffeegedecke. Drei wichtige Rathausmitarbeiter haben Platz genommen, dazu die Lokaljournalistin, DISPUT und die beiden Hauptpersonen: Heidi Michaelis und Gerd Walther. Sie führte ein Jahrzehnt lang die Geschicke von Ueckermünde (Mecklenburg- Vorpommern), nun wird er die Verantwortung übernehmen, beide sind seit Urzeiten Mitglied der LINKEN.

Heidi drängt ein bisschen, das ist wohl ihre Art, auch heute, am letzten Februarmontag, wer kann schon aus seiner Haut. Sie liest den Amtseid vor - von Gesetzen, die einzuhalten sind, ist die Rede und vom Wohle der Kommune -, und er spricht den Text nach. Dann noch rasch Unterschriften unter die Ernennungsurkunde, Fotos, Kaffee und Torte. Amtswechsel. So schnell kann's gehen. So schnell?

Als Heidi Michaelis vor gut zehn Jahren zur ersten Bürgermeisterin in der Geschichte Ueckermündes gewählt worden war, lernte ich sie kennen als leidenschaftliche Lehrerin, erfahrene Kommunalpolitikerin und ungemein tatendurstige Rathauschefin in spe; Geschichten und Ansichten sprudelten geschwind hervor, sehr fl tt steuerte sie ihr Auto über die Landstraße, und die CD trällerte ihren Lieblingshit: »Es geht mir gut«. Der DISPUT-Artikel schloss mit dem einfachen Anspruch der »Neuen«: »Die künftige Bürgermeisterin will dazu beitragen, dass es unterm Strich möglichst vielen gut geht.«

Also, geht's zehn Jahre darauf, eineinhalb Wahlperioden später, möglichst vielen gut? Heidi Michaelis sagt nicht bestimmt Ja und nicht Nein, eine Tendenz lässt sich denken: Einer Bürgermeisterin sei es nicht in die Wiege gelegt worden, dafür zu sorgen, dass Menschen in Brot und Arbeit kommen. Darauf habe sie keinen Einfluss, selbst wenn es oft so dahergeredet werde. Die Zahl der Arbeitssuchenden sei nach wie vor sehr hoch, an die 25 Prozent, und die offiziell ausgewiesenen 15 Prozent (ohne Menschen in »Maßnahmen« und so weiter) Augenauswischerei.

Die sehr beschauliche Kleinstadt liegt wenige Kilometer vor der polnischen Grenze am Stettiner Haff, im äußersten Nordosten des Landes. Eine Menge hat das Rathaus versucht, um den Blick möglicher Investoren auf diesen Flecken und seine 10.000 Bewohnerinnen und Bewohner zu lenken. Ein Referat für Wirtschaftsförderung wurde eingerichtet, eine tüchtige Kollegin warb bundesweit, teure Broschüren unterm Arm. Die Erkenntnis aus allen Bemühungen: auf die ansässigen Betriebe setzen, sie stärken. Wie die Haff-Dichtungen. Die Vorzeige-GmbH konnte sich auf 40 Beschäftigte vergrößern und einige Preise gewinnen; 2012 wurde sie Unternehmen des Jahres in Mecklenburg-Vorpommern. Die Unternehmen liefern, die Stadt begleitet mit Rat und Tat. Auf dieser Strecke wurde Erfreuliches erreicht. Allerdings, schränkt Heidi Michaelis ein, könne niemand daraus schlussfolgern, dass es vielen Ueckermündern besser geht.

Dabei steht die Kleinstadt alles in allem »ganz gut« da, hat »gut gewirtschaftet « und eine vergleichsweise geringe Pro-Kopf-Verschuldung von 325 Euro: »Das ist fast nichts.«

Wo man um Inhalte streiten kann, sagt Heidi Michaelis, mache die Tätigkeit Spaß. Im Rathaus habe sie eine Reihe kreativer Leute mit gewachsener Eigenverantwortung erleben können. Zuverlässig unterstützt fühlte sie sich vor allem in der ersten Legislaturperiode durch die Fraktion der LINKEN in der Stadtverordnetenversammlung (SVV). Das tat ihr gut. Umso mehr, wenn sie in der Öffentlichkeit auf falsche oder überzogene Erwartungen stieß: »Immer wenn's Kompromisse. Und da ist die Frage der Gerechtigkeit zu klären: Warum willst du dem einen etwas zugestehen, was du dem anderen wegnimmst? Wehe der eine ist jemand, der zu deiner Partei gehört, dann geht die Welt unter …«

Wie viel hat die Lehrerin in ihrer zehnjährigen Rathaus-Schule gelernt? »So viel wie selten zuvor. Auf jeden Fall habe ich gelernt: Goethe hat recht: Grau ist alle Theorie. Wir können noch so schöne Vorstellungen entwickeln von einer besseren Welt, wenn es nicht gelingt, die Grundlagen für die bessere Welt zu schaffen - sprich: die Grundpfeiler verändern -, wird nix besser werden. So lange es immer nur darum geht, mehr zu produzieren, mehr Profit zu machen, werden wir die Welt nicht verbessern. Das ist die wichtigste Erkenntnis.«

Irgendwie werde man ein anderer Mensch, nur mit »Rot Front« gehe im Rathaus nichts. Heidi Michaelis wünscht sich, mancher könnte (oder müsste?) die Realisierbarkeit seiner Forderungen einmal im Alltag überprüfen: Man könne eben nicht in diesem Gesellschaftssystem leben und zugleich so handeln, als wäre man nicht in diesem System. Nachdenklich führt sie an: »Ich kann ja dafür sein, dass alle Kinder an der Schule jeden Tag Milch bekommen, wie wir's zu DDR-Zeiten hatten. Aber ich muss dann auch die Frage beantworten, wovon es bezahlt werden soll. Ich kann ja dafür sein, dass überall Schulsozialarbeiter tätig sind - mein Herz brennt regelrecht dafür -, aber die Frage der Bezahlung muss stehen. Und es schmerzt mich als LINKE-Politikerin unendlich, wenn ich Leute einstellen muss für einen Lohn, wo man nur den Kopf schütteln kann. Wenn ich einen 400-Euro-Job auf den Weg bringe, habe ich ein schlechtes Gewissen - auch wenn ich weiß, die Leute freuen sich, einen solchen Job zu bekommen.« Das seien Dinge, die das Bürgermeister-Sein keinen Spaß machen lassen.

Erfahrungen, die wohl nicht unbedingt in jeden Hochglanzprospekt über linke Kommunalpolitik Aufnahme fänden. Erfahrungen, die weh tun konkret im Alltag. Als Bürgermeisterin indes trägt sie Verantwortung für alle, für die gesamte Stadt.

Unbestritten Spaß machten die Einweihung des attraktiven Schlossanbaus oder das Begrüßen polnischer Schiffe. Oder - auf völlig andere Weise - ihre Ansprachen bei zwei öffentlichen Vereidigungen der Bundeswehr. Letztere waren Spaß und Herausforderung zugleich: den Spagat hinzubekommen, als Amtsperson freundliche Worte für die jungen Menschen zu finden und als Mitglied der LINKEN den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan anzuprangern. Wäre sie nicht in einer bestimmten Position, weiß die Bürgermeisterin, hätte ihre Kritik nicht die gewünschte Wirkung erzielt.

Gerd Walther mischt sich erst nach einer Weile ins Gespräch ein, das hat vielleicht mit seiner Art zu tun, möglicherweise gewinnt er den Eindruck, seine Vorgängerin stelle ihr Licht zu sehr unter den Scheffel. Ihr Auftritt vor der Bundeswehr sei toll gewesen. Und überhaupt: Die Stadt habe sich in ihrer Zeit unwahrscheinlich gut ent wickelt, sie strahlt in die Region aus, und in wenigen Tagen erhält sie sogar den Titel eines Seebades. Die Haffstadt lebt auch vom Tourismus. Im vorletzten Jahr verzeichnete Ueckermünde 140.000 Übernachtungen. Heidi Michaelis würde deren Anzahl nicht mit aller Macht erhöhen wollen. Noch sei es eben schön, weil »man sich bei uns beim Spazieren nicht schubst«. Sie jedenfalls sei gegen große Betten-Wachstumsraten. »Man muss das Maß kennen.«

Gerd Walther ist Vermessungstechniker und Kulturfreak. Fürs Altstadt- und Schlossspektakel schrieb er Drehbücher und schlüpfte in eine Hauptrolle - in die des herzoglichen Kämmerers. Auch ansonsten ist der 42-Jährige ein alter Hase, was die Kommunalpolitik betrifft. Bis zum 28. Februar war er der ehrenamtliche Bürgermeister der Nachbargemeinde Vogelsang-Warsin. Seine Mitmenschen dort hatte er zu allererst in seine Überlegungen um eine Kandidatur einbezogen; ihnen erklärte er seine Gründe, sie sollten nicht den Eindruck von einer Flucht zu Höherem haben. Und erst als sie ihn verstanden hatten, verkündete er seine Bewerbung. Im zweiten Wahlgang setzte er sich gegen den Mann von der CDU, der von allen anderen unterstützt wurde, durch. Das war im Oktober 2012. Seither sind schier endlose Wochen ins platte Land gegangen. Vorfreude und Ungeduld wuchsen bei Gerd gleichermaßen. Er wird sich zunächst allen demokratischen Parteien vorstellen und eine gute Zusammenarbeit zum Wohle der Stadt anbieten. Die Hälfte der Stadtverordneten kennt er, darin sieht er Anknüpfungspunkte. Mal sehen, wie's wird.

Seit den 90er Jahren kennen und schätzen sich Heidi und Gerd. Im DISPUT 4/2003 bescheinigte er ihr: »Ihr Durchsetzungsvermögen haben wir schon des Öfteren erlebt.« - Als seine große Stärke beschreibt sie heute seine Fähigkeit, eine komplizierte Situation moderieren zu können: »Er erfasst ruckizucki, worum es geht.« Seine Schwäche? »Er fällt manchmal zu schnell auf jemanden rein. Als Bürgermeister sollte man weder misstrauisch noch zu gutgläubig sein.«

Selbstverständlich, wenn Gerd Rat wünscht, wird sie ihm den geben. In die Stadtverordnetenversammlung wird sie dennoch nicht gehen. Da bleibt Heidi Michaelis trotz mancher Anfrage resolut. Gerd werde seinen Weg finden. »Ich helfe jederzeit, wenn er das wünscht. Doch als Besserwisser Gerd in der Stadtverordnetenversammlung beobachten? Nein! Das tue ich ihm nicht an. Zu Beginn meiner Amtszeit hatte ich bei meinem Vorgänger erlebt, wie das ist.«

Der Rathauserfolg der LINKEN - und das ist er auch bei einer Personenwahl unstrittig - bleibt nicht ohne eine Kehrseite. Die Personalsorgen der Partei kennt der frühere Kreisvorsitzende Walther zur Genüge. Die LINKE-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung besteht ausschließlich aus Parteilosen, und mit Blick auf die Kommunalwahlen im kommenden Jahr sind die Perspektiven nicht rosig. Da steht auch außerhalb des Rathauses eine Menge Arbeit an.

Gerd Walther, der »Neue« im Amt, will den sozialen Zusammenhalt in der Kleinstadt stärken, was auch für ihn nicht heißt, mit der Spendier-Gießkanne durch die Straßen zu laufen. »Mir geht's um die Wertschätzung der vielen Ehrenamtlichen und um eine gute, funktionierende Verwaltung, um transparente Politik und um einen eigenen Stil.« Am 1. März 2013, an seinem ersten Arbeitstag, hat Gerd Walther die Einwohnerinnen und Einwohner für fünf Stunden zu sich ins Amtszimmer eingeladen, als Tag der offenen Tür.

Heidi Michaelis hätte noch ein paar Jährchen weitermachen können. Sie hat den anderen Weg gewählt, freut sich auf freie Zeit und ausgedehnte Spaziergänge; es geht ihr gut.