Disput

Im Regen stehen lassen

Das kleine Blabla

Das Ei ist hart, das Radio läuft: Musik, dann Nachrichten. Ich höre: »… lassen Patienten im Regen stehen.«

Mein Blick schweift durch das weit geöffnete Fenster nach draußen: strahlend blauer Himmel, bis zum Horizont kein Wölkchen. Gut, zumindest hier werden die Patienten nicht nass. Es sei denn, sie schwitzen - bei 32 Grad.

Jeder, der schon einmal einen Herbst mitgemacht hat, weiß, dass »im Regen stehen« im Allgemeinen der Gesundheit abträglich ist. Man wird durch das Stehen im Regen erst krank und dann zum Patienten. Also bitte, was soll das?

Immer wieder werden größere Gruppen im Regen stehen gelassen: Rentnerinnen und Rentner, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Alleinerziehende und Alleinerziehende, Schülerinnen und Schüler.

Immer, wenn Menschen schutzlos der Unbill der Regierenden, Stärkeren, Vorgesetzten ausgesetzt werden, stehen diese aus Sicht der Betroffenen im Regen. Wieso? Weshalb? Warum? Ich ziehe einen kräftigen Landregen einem veritablen Sonnenbrand durchaus vor. Und was ist mit der Erfindung des Schirms? Rettungs- respektive Regenschirme werden heute ja für alles und jeden aufgespannt. Nur für die Bauern niemals. Bei ihnen ist das »im Regen stehen« durchaus Vorbote einer guten Ernte. Stimmt ja auch nicht - sobald EU-Subventionen für Rind und Kuh und Mais ausbleiben, lässt die EU selbst den landwirtschaftlich Produzierenden im negativ-ungemütlichen Nassen ausharren. Bleiben hingegen Reis- und Mehllieferungen der UNO für Dürreopfer in der Sahelzone aus, lässt niemand die Menschen dort im Regen stehen, dann hat das andere Ursachen. Da bemüht man gar nicht erst den vermeintlichen Wortwitz.

Es kommen auch wieder schöne Tage, gewiss. Bis dahin: I'm singing in the rain.

Daniel Bartsch