Disput

Nicht hinnehmbar

Frauen haben ein »Recht auf mehr«

Von Diana Golze

Seit mehr als 100 Jahren kämpfen Frauen um Gleichberechtigung in der Arbeitswelt. Und noch immer bestehen große Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern. Sicher, Frauen müssen heute nicht mehr – wie im westlichen Teil des Landes noch bis 1977 – ihren Mann um Erlaubnis bitten, einer Berufstätigkeit nachgehen zu dürfen, doch es begegnen ihnen nach wie vor tagtäglich Diskriminierungen.

Eine solche ist die noch immer bestehende ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Um das Jahresgehalt ihrer männlichen Kollegen zu erreichen, müssen Frauen im Durchschnitt drei Monate länger arbeiten. Seit Jahren stagniert dieser Verdienstabstand. Und so markiert auch in diesem Jahr der 21. März den sogenannten »Equal Pay Day«, bis zu dem Frauen arbeiten müssen um das durchschnittliche Vorjahresgehalt der männlichen Kollegen zu erreichen. Die Ursachen der Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern sind bekannt: Es sind Niedriglöhne, Teilzeitarbeit, Mini-Jobs und schlechtere Bezahlung von sogenannten »frauentypischen« Berufen. Wie verfestigt sie sind, macht eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag deutlich. Sie stellte nicht nur Fragen nach der Erwerbstätigkeit, sondern auch nach den Arbeitswelten von Frauen. Was im Alltag als gefühlte Ungleichheit präsent ist, hat die Bundesregierung mit Zahlen belegt. Ganze 26,5 Prozent der berufstätigen Frauen arbeiten für einen Stundenlohn unter 10,36 Euro – bei Männern liegt diese Quote bei 15,8 Prozent. Auch bei den sogenannten »Aufstockern«, denjenigen, die trotz Arbeit auf Hartz IV angewiesen sind, übernehmen Frauen die traurige Führungsposition, die ihnen im Berufsleben sonst so beharrlich verweigert wird.

Statt aber an die Ursachen heranzugehen, wird immer wieder versucht, den Frauen die Schuld in die Schuhe zu schieben. So heißt es nicht selten, dass sich Führungspositionen nur schlecht mit Erwerbspausen etwa zur Kindererziehung vereinbaren ließen – offenbar auch im Jahr 2013 noch immer eine Rollenzuweisung, die alleinig für Frauen gilt. Ebenfalls ist neuerdings zu lesen, dass Frauen bei außertariflichen Gehältern unter Umständen nicht mit der gleichen Härte wie ihre männlichen Kollegen verhandeln. All dies, ohne auch nur mit einer Silbe zu erwähnen, dass es Aufgabe der Politik sein müsste, hier entgegenzuwirken. Doch im Bundestag, wo zum Beispiel ein gesetzlicher Mindestlohn beschlossen werden könnte, wird seit Jahren blockiert – egal, in welcher Konstellation regiert wurde. Und so beschränkt sich auch die derzeitige Regierung auf Scheinaktivitäten: Appelle an die Wirtschaft sind genauso sinnlos wie die weitere Prüfung von Prüfaufträgen.

Die Kanzlerin versucht sich in einer Politik der Projektchen. Nachhaltige Maßnahmen, die auf dauerhafte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen ausgerichtet sind, sehen anders aus! Statt einer gezielten Arbeitsmarktpolitik, die Frauen wirklich fördert, erleben wir das genaue Gegenteil: keine Wirtschaftspolitik, die klare Lohnuntergrenzen festlegt, keine Gesundheitspolitik, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für jede und jeden zu einem selbstverständlichen Recht macht. Wir erleben eine Familienpolitik, die Kinder zum Armutsrisiko macht und Kindererziehung zum Hausfrauendasein zwingt. Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle sucht man weiterhin vergeblich, und der Ausbau von Betreuungsangeboten bewegt sich weiterhin im Schneckentempo. Wer politisch auf die Verfestigung von Minijobs und Leiharbeit setzt, nimmt Altersarmut in Kauf, weil die Betroffenen kaum nennenswerte Rentenansprüche erwerben. Es wird ein Kreislauf geschaffen, in dem nur eine Gruppe verliert: die der Beschäftigten. Es ist einfach nicht hinnehmbar, dass dies immer wieder Frauen mit besonderer Härte trifft. Wir brauchen ein Tarifsystem, in dem sogenannte Frauenberufe im Dienstleistungsbereich nicht länger schlechter eingestuft werden. Wir brauchen einen gesetzlichen Mindestlohn, der einen Stundenlohn von zehn Euro als verbindliche Untergrenze markiert!

Diana Golze ist Kinder- und jugendpolitische Sprecherin in der Bundestagsfraktion und im Spitzenteam zur Bundestagswahl.