Disput

Nicht nur ein Baum

Ein Gruß aus Frankfurt am Main

Von Heiner Halberstadt

Wir haben uns im Laufe der Jahre miteinander bekannt gemacht: die über hundertjährige Roteiche im Ostpark in Frankfurt am Main und der über achtzigjährige Heiner Halberstadt, der oberhalb des Ostparks am Röderbergweg wohnt.

Wo jetzt der Ostpark ist, floss in Urzeiten der Main. Der Röderberghang, oberhalb und parallel zum Ostpark gelegen, ist ein Vulkanausläufer des Vogelsbergs. Einige Millionen Jahre nach dem Erlöschen der Vogelsbergvulkane wuchs auf dem Lava-Hang Röderberg Wein. Etwa 1810 schamuzierte der Student Goethe in diesem vor der Stadt gelegenen Weinberg mit der Bankierstochter Charlotte von Willemer. Das habe ich meinem Baum erzählt. Er nahm es mit einem leichten Rauschen in seiner Blätterkrone zur Kenntnis.

Der Baum seinerseits berichtete mir, er habe in seinen jungen Jahren erlebt, wie der französische marxistische Sozialist Jean Jaurés in dem 1902 angelegten Ostpark vor vielen Tausend Frankfurter Arbeiterinnen und Arbeitern mit großem Beifall gegen den heraufziehenden Krieg gesprochen habe. Er setzte sich zugleich für eine freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem deutschen und dem französischen Proletariat ein. (Jaurés wurde 1914 in Frankreich wegen seiner Kriegsgegnerschaft ermordet.)

Am 1. Mai 1933 demonstrierten 200.000 Frankfurter im Ostpark. Dazu hatten NS-Verbände gemeinsam mit kirchlichen und Organisationen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes aufgerufen. Zum sogenannten Tag der Nationalen Einheit. Am 2. Mai 1933 wurden die SPD-Stadtverordneten im Römer ihrer Ämter enthoben, und der Oberbürgermeister Ludwig Landmann, der unter anderem mit Ernst May viele soziale Stadtsanierungen umgesetzt hatte, fl oh vor den Nazis, die die »Macht« in Frankfurt »übernommen« hatten, nach Holland.

Knapp zehn Jahre später war vom Baum aus zu sehen, wie sich der Himmel über Frankfurt von den Bränden nach den Luftangriffen rot färbte. In dieser Zeit zogen täglich Tausende aus dem Osten nach Frankfurt verschleppte Frauen morgens um 6 Uhr von einem Barackenlager zwischen Ostparkstraße und Röderbergweg am Ostpark vorbei in die Rüstungsfabriken an der Hanauer Landstraße.

1946 begann eine Trümmerbahn längs des Ostparks, die Frankfurter Innenstadt wieder begehbar zu machen. Nicht wenige »ehemalige« NS-Funktionsträger meldeten sich in Ämtern und Betriebsleitungen, jetzt als christliche Demokraten, zur Arbeit zum Wohle der Stadt Frankfurt wieder zurück.

Mein Baum erinnerte mich weiterhin an Demos der APO (Außerparlamentarische Opposition) und an die auf der offenen Spielwiese zu Füßen des Baums laut über die Fußballregeln miteinander streitenden Joschka Fischer und Dany Cohn-Bendit. Als der Ostermarsch 1963 im Ostpark pausierte, tanzte ich mit Joan Baez zur Musik der Barrelhouse an meinem Baum vorbei.

Und so weiter und so fort - es wären noch manche Erinnerungsgeschichten rings um meinen Ostparkbaum zu schildern. Aber ich dachte zu Beginn des neuen Jahres, es wäre vielleicht möglich, euch freundlich darauf hinzuweisen, dass »mein« Baum so groß und so stark wurde, weil seine Wurzeln die harten Erdschichten über dem ehemaligen Mainflussbett durchbrochen haben. So konnte er mächtig viel aus dem in der Tiefe weiter fließenden Wasser in sich aufnehmen. Ist es nicht bedingt analog, in die unter uns liegende Geschichte tiefer einzudringen. Dabei konkret zu lernen? Wäre es nicht förderlich für unser politisches Wachstum? Der Baum im Ostpark könnte uns so symbolisch begleiten … oder?

Erfolgreiches Gelingen!

Heiner Halberstadt, freier Journalist, ist Mitglied des Ältestenrates der Partei DIE LINKE.