Disput

Weniger Testosteron …

… mehr Gleichstellung

Von Bernd Riexinger

Wenn es ums Einkommen von Frauen geht, darum, am Arbeitsmarkt teilzunehmen, Beruf und Familie zu vereinbaren, werden in Deutschland nur Trippelschritte gemacht - leicht, wenig energisch, und ein Vorankommen ist kaum sichtbar.

Da sind auf der einen Seite die Arbeitgeber und auf der anderen Seite die Politik. Ein Unternehmen, das etwas auf sich hält, bekennt sich wie selbstverständlich zur beruflichen Förderung von Frauen, sucht die Kooperation mit dem Gleichstellungsbeauftragten, und der Personalchef betont immer wieder, wie unermüdlich er für die Gleichstellung kämpft. Und die Bundesregierung: Familienministerin Schröder will eine selbstverpflichtende Flexiquote und befindet sich darüber im »Disput« mit Kabinettskollegin Ursula von der Leyen, die meint, in Aufsichtsräten und Vorständen sollten doch von zehn Mitgliedern drei weiblich sein. Die Zahl drei und das Wort Gleichstellung passen dabei nur irgendwie nicht zueinander.

Aus Jahrzehnten der Gewerkschaftsarbeit weiß ich: Die alltäglichen Sorgen sind meist andere. Frauen sind heute zwar häufiger erwerbstätig als vor einigen Jahren, arbeiten aber eher in Berufen, die häufig schlecht entlohnt werden: im Gesundheitswesen, im Verkauf, in der Bildung, der Kinderbetreuung, der Gastronomie. Als Geschäftsführer von ver.di Stuttgart habe ich mit vielen von ihnen Betriebsräte gegründet, für bessere Tarifverträge gekämpft, wir haben zusammen für ihre Rechte gekämpft, und ich habe häufig mit ihnen unter der Brutalität ihrer Arbeitsgeber gelitten. Die Beschäftigten von Schlecker und H&M seien stellvertretend für viele mutige Beschäftigte genannt, die Schikanen und Ungerechtigkeiten satt hatten.

Die Unterschiede von Arbeitszeiten und Einkommen nach Geschlechtern klaffen in Deutschland im Vergleich besonders weit auseinander. Frauen verdienen rund ein Viertel weniger als ihre Kollegen. Sie arbeiten häufiger als früher, immer häufiger aber in Teilzeit. 1985 waren noch annähernd 70 Prozent in Vollzeit beschäftigt, heute sind es nur noch knapp über 50 Prozent. Frauen arbeiten dreimal häufiger in Teilzeit und viele auch nur in Kleinst-Teilzeit für eine Mini-Entlohnung mit unkalkulierbaren Arbeitszeiten: Wer einen Vertrag über fünf oder zehn Stunden hat, aber 40 Stunden verfügbar sein muss, kann keinen Zweitjob annehmen und hat kein Anrecht auf Urlaub. Mini-Jobs sind nicht nur ein Desaster mit Blick auf den Arbeitsmarkt, sondern auch ein Armutszeugnis für die Geschlechtergerechtigkeit. Deshalb ist es empörend, dass die Arbeitsgeber im Einzelhan del zu einem Generalangriff auf Löhne, Arbeits- und Urlaubszeiten blasen und Tarifverträge gekündigt haben, um den Vernichtungskampf im Einzelhandel über Mega-Öffnungszeiten und Preisschlachten auf dem Rücken der Beschäftigten austragen zu können, die heute schon vielfach mit niedrigen Löhnen und miesen Arbeitszeiten kämpfen müssen.

Frauen scheiden auch häufiger und länger aus dem Beruf aus oder sind gezwungen, die Arbeitszeit zu reduzieren, um Kinder zu versorgen. Je mehr Kinder in einem Haushalt leben, desto niedriger ist die Beschäftigungschance für Frauen, und das liegt zentral an den Betreuungsangeboten. Das Elterngeld mag über die erste Zeit hinweghelfen, es zielt aber vor allem darauf, dass die Eltern sich entscheiden, überhaupt Kinder zu bekommen. Wenn es im Westen nur für 22 Prozent der Kinder einen Betreuungsplatz oder eine Tagespflege gibt, braucht man keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu erkennen, wo eine Ursache für die Ungerechtigkeit in Arbeit und Wirtschaft liegt. Seit diesem Jahr sollte es einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz geben. Blöd nur für die Familienministerin und damit auch für viele Familien: 150.000 Plätze fehlen, und es dürfte schwer werden zu erklären, warum die Bundesregierung dieses Versprechen brechen wird.

Sorgt ein bisschen Glück dann doch mal für einen Betreuungsplatz, passen die Öffnungszeiten der Kita meist nicht zu einem Vollzeitjob, bei den Angeboten der Schulen ist die Situation noch schlechter. Am Ende steht dann ein ernüchterndes Ergebnis: Teilzeit, häufig gering entlohnte Beschäftigungsverhältnisse und erzwungene Auszeiten. Spätestens der Rentenbescheid wirkt dann wie ein Hammerschlag.

Dabei bietet sich gerade in der Familie ein enormes Umverteilungspotenzial bei den Arbeitszeiten an. Denn während Mütter gerne ihre Arbeitszeit erhöhen würden, wünschen sich viele Männer eine Reduktion ihrer Arbeitszeit. Das Ziel einer modernen Gleichstellungspolitik kann aber nicht die Orientierung an der allzu häufig männlichen 40-plus-Stunden-Woche sein, in der für Familie, Hausarbeit, Kinderbetreuung und Gespräche kein Raum bleibt. Eine faire Diskussion würde bedeuten: Reduktion der männlichen Wochenarbeitszeit und ein Abbau der häufig weiblichen Unterbeschäftigung. Eine solche Diskussion würde in Konsequenz zu neuen Arbeitszeiten und einer notwendigen Arbeitszeitverkürzung insgesamt führen.

Damit aber sind die Hausaufgaben nicht erledigt. Was wir brauchen, ist eine Infrastruktur, die Frauen und Männern die Wahl lässt, und kein Betreuungsgeld, das insbesondere prekär Beschäftigte an den Wickeltisch kettet. Wir brauchen Unternehmer, die Arbeit und Familie nicht als Gegensatz verstehen.

Wir brauchen eine Aufwertung der gesamten Sorge-Arbeit: Krankenschwestern, Altenpfl egerinnen oder Kindergärtnerinnen verdienen deutlich mehr in unserer Gesellschaft: Sie müssen mehr Anerkennung, insbesondere aber deutlich höhere Gehälter erhalten und können weder mehr Stress noch mehr Arbeitsstunden gebrauchen. Schließlich ist in kaum einem Land der Abstand zwischen Industriegehältern und denen im sozialen Bereich größer als bei uns. Und wir müssen die Klammern aufzeigen, die unsere Politik zusammenhalten. Die Aufwertung der Sorge-Arbeit wird nur dann gelingen, wenn höhere Löhne durch steigende Einnahmen der Sozialkassen flankiert werden. Das Konzept unserer Partei für eine solidarische Bürgerinnen- und Bürgerversicherung ist deshalb nicht nur ein Konzept für mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen, sondern auch zwischen den Geschlechtern und damit beispielhaft.