Disput

Ein Jahrhundert Erzähler

Zum 100. Geburtstag von Stefan Heym

Von Antje Kind

Was war das für ein Jahrhundert! Stefan Heym erlebte zwei Weltkriege, die Weimarer Republik, die Nazidiktatur, Nachkriegszeit, die DDR sowie das wiedervereinigte Deutschland. Er lebte in Chemnitz, Berlin, Prag und den Vereinigten Staaten. Als junger Mann wurde der jüdische Querulant wegen eines Gedichts von der Schule verwiesen, entzog sich seiner Verhaftung durch die Flucht nach Prag, wo er sich von Helmut Flieg in Stefan Heym verwandelte. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs kam er als Amerikanischer Soldat das erste Mal in sein Heimatland zurück. 1951 kehrte er ganz und bewusst in den Osten Deutschlands zurück. Wegen seiner Ehrlichkeit gefürchtet und daher zahlreichen Repressionen ausgesetzt, lebte und wirkte er dort als Schriftsteller und Publizist. Seine flammende Rede auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 ist ebenso unvergessen wie die, mit der er als Alterspräsident am 10. November 1994 den Deutschen Bundestag eröffnete. Er führte ein Leben, das von vielen Brüchen gekennzeichnet war. Stets eckte er an mit seiner Offenheit, war unbequem doch hoch verehrt - ein kluger Kopf und ein nach wie vor unbedingt lesenswerter Autor!

»Ich bin in erster Linie Erzähler,und ich wollte was erzählen, und wenn ich dadurch noch was andres erreicht habe - umso besser. Das ist meine Haltung.« (INTERVIEW 1998)

»Ein merkwürdiges Erlebnis, dieser Mann (A. Hitler - d. A.) in dem verwurschtelten Hemd, der irgendwie aussah, als ob er sich nicht richtig gewaschen hätte - wahrscheinlich hatte er sich auch nicht richtig gewaschen - und der eine derartige Wirkung auf einen gewissen Typ von Menschen hatte, der um mich herumstand […]. Da wurde ich mir schon der großen Gefahr bewusst, die das bedeuten könnte.« (INTERVIEW 1999)