Disput

Pogrom

Vor 80 Jahren begann die systematische Verfolgung der Juden in Deutschland

Von Ronald Friedmann

Antijüdische Gewalttaten der deutschen Faschisten, insbesondere ihrer Schlägertruppe, der SA, gehörten bereits in den ersten Tagen und Wochen nach der Machtübergabe an Hitler und seine Bande zum traurigen Alltag in Deutschland. Immer wieder wurden jüdische Geschäfte und Warenhäuser sowie Anwalts- und Arztpraxen überfallen und geplündert, ihre Inhaber wurden misshandelt und ermordet.

Am 9. März 1933 trieben SA-Leute Dutzende ostjüdische Bewohner des Berliner Scheunenviertels zusammen und peinigten sie in ihren Folterkellern. In diesen Tagen wurde auch das Karl-Liebknecht-Haus, das seit dem 17. Februar 1933 von der Polizei besetzt war, zu einem »wilden« Konzentrationslager, in dem die SA wütete. Am 11. März 1933 »veranstaltete« die Führung der Nazipartei im Freistaat Braunschweig einen »Warenhaussturm «. Am 28. März 1933 überfielen SA-Leute in Göttingen die örtliche Synagoge und beschädigten sie schwer. Die Reihe solcher Beispiele ließe sich beinahe beliebig fortsetzen.

Doch die Ereignisse des 1. April 1933, der von den Nazis höhnisch als »Reichsboykotttag« bezeichnet wurde, hatten eine völlig neue Qualität. An diesem Tag hatte die braune Staatsmacht die antijüdischen Terrormaßnahmen angeordnet und ihre »ordnungsgemäße« Durchführung organisiert und überwacht. Überall in Deutschland zogen vor den Geschäften, Praxen und Büros jüdischer Kaufleute, Ärzte und Rechtsanwälte SA-Posten auf, die die Kunden und Besucher in Angst und Schrecken versetzen und am Betreten hindern sollten. Unter der verlogenen Losung »Deutsche, wehrt Euch! Kauft nicht beim Juden!« sollten die in Deutschland lebenden Juden für die angeblich vom »internationalen Finanzjudentum « organisierte »antideutsche Hetze« im Ausland »zur Verantwortung « gezogen werden.

Am 26. März 1933 hatte Hitler seine engsten Gefolgsleute zu einer Konferenz auf dem berüchtigten Berghof zusammengerufen. Dort wurde ein »Zentralkomitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze« unter Leitung von Julius Streicher, dem Herausgeber des antisemitischen Schundblattes »Der Stürmer«, gebildet, das alle Maßnahmen des 1. April 1933 koordinieren und leiten sollte. Doch der eigentliche Einpeitscher des antisemitischen Terrors war »Reichspropagandaminister« Joseph Goebbels. Er nutzte dazu alle Möglichkeiten der modernen Massenkommunikation, um das eigentliche Ziel der Nazis durchzusetzen: In der deutschen Bevölkerung eine solche Stimmung zu schaffen, die weitere, noch brutalere antisemitische Maßnahmen erlaubte.

So berichtete zum Beispiel der Reichsrundfunk am 1. April 1933 auf Anweisung von Goebbels in einer Reportage aus dem Berliner Scheunenviertel über die Festnahme und die ersten Verhöre ostjüdischer Zuwanderer durch die als Hilfspolizei auftretende SA. Nur Tage später zeigten die Wochenschauen in den Kinos die dazugehörigen Bilder …

Die große Mehrheit der Bevölkerung stand dem antijüdischen »Boykott « am 1. April 1933 skeptisch oder sogar ablehnend gegenüber. Trotzdem konnten die Nazis einen ersten Triumph verbuchen – es regte sich kaum Widerstand, und die Zeichen aktiver Solidarität mit den verfolgten jüdischen Mitbürgern beschränkten sich auf einige wenige Fälle.

Dieser erste staatlich organisierte Pogrom dauerte nur wenige Stunden, denn noch fürchtete die Hitlerregierung die politischen und vor allem wirtschaftlichen Reaktionen des Auslands. Trotzdem wurde bereits am 7. April 1933, nur wenige Tage nach dem offi ziellen »Ende« der ersten Welle des antijüdischen Terrors, das »Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« erlassen. Jüdische und politisch missliebige Beamte konnten nun ohne weitere Formalitäten entlassen oder in den »einstweiligen« Ruhestand versetzt werden.

Am 14. Juli 1933 folgte das »Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit«, auf dessen Grundlage nicht nur zahlreiche bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kultur ausgebürgert wurden, sondern auch etwa 60.000 ostjüdische Zuwanderer, die in den Jahren seit dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland gekommen waren.

Damit waren die ersten Schritte auf dem kurzen Weg zum Massenmord an den europäischen Juden getan, dem bis 1945 weit mehr als 5 Millionen Menschen zum Opfer fielen.