Disput

An der Seite der Kinder

Nicht nur Aufgabe und Arbeit, es ist ein Bedürfnis, ihnen einen Bildungsweg zu ermöglichen, der ihnen Chancen eröffnet und auf dem sie ernst genommen werden

Von Simone Oldenburg

»Haltet euch nah bei euren Kindern …« - kann ich dieser Verantwortung stets gerecht werden? Diese Frage begleitet mich seit 25 Jahren, seit dem Zeitpunkt, an dem ich mich entschloss, Lehrerin zu werden. Welche besondere Verantwortung wir den Mädchen und Jungen gegenüber haben, wurde mir nochmal auf eine ganz besondere Art bewusst, als vor zehn Jahren mein Sohn Gregor geboren wurde. Für dieses Würmchen sollte ich nun ein ganzes Leben lang verantwortlich sein. Inzwischen »geht« er mit Patricia, ist ein fideler Viertklässler, und jeden Tag erfahre ich, wie wichtig die Kinder sind und wie sehr sie uns brauchen, unsere Zuwendung, unser Ohr, aber vor allem unsere Nähe und unsere Wärme.

Und diese benötigt nicht allein Gregor, sondern auch Benjamin, Ida, Moritz und Anna.

Seit knapp zwei Jahren bin ich die »Bildungspolitische« der Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern. Seit zwei Jahren erfahre ich noch intensiver, dass es so wichtig und wertvoll ist, sich um die »Lütten« zu kümmern, und mir wurde bewusst, wie weit dieses Feld ist.

Es ist nicht nur Aufgabe, Pflicht und Arbeit, es ist ein Bedürfnis, an der Seite der Kinder zu gehen und ihnen einen Bildungsweg zu ermöglichen, der sie auffängt, ihnen Chancen eröffnet und auf dem sie wichtig sind und ernst genommen werden.

Marvin hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, er benötigt Förderung, die ihm aber nicht rechtzeitig gewährt wird. Seine Eltern müssen sich selbst helfen, an der Schule gibt es weder eine Lehrerin noch eine Stunde, um ihn zu fördern. Aber Marvin muss sofort und umfassend unterstützt werden, damit er nicht weiterhin beim Lesen verzweifelt - und dafür braucht er unsere linke Stimme.

Seit drei Jahren haben die Grundschülerinnen und Grundschüler in Mecklenburg-Vorpommern »gemeinsamen Unterricht«. Kinder mit und ohne Behinderung werden inklusiv an den Grundschulen unterrichtet. Jedoch erhalten sie momentan dafür keine zusätzlichen Stunden, die Fortbildung beginnt mit drei Jahren Verzögerung, die Lehrkräfte werden alleingelassen. Um die Lernbedingungen für alle Kinder so zu gestalten, dass Lernen sinnvoll ist und sogar Spaß machen kann, dafür braucht es unsere linke Stimme.

Jonathan besucht die Kindertagesstätte für körperbehinderte Kinder in Neubrandenburg. Jonathan schreibt: »Ich bin genau fünfeinhalb Jahre alt und heute kommen noch ein Monat und 29 Tage hinzu.

Ich weiß das so genau, weil ich Zahlen liebe und Zahlen mir Sicherheit geben.

Ich besuche die teilstationäre Frühförderung ›Stolpersteinchen‹ in Neubrandenburg.

Ich bin als kerngesundes Kind geboren. Mir wurde einfach nur ein blöder Magen-Darm-Infekt zum Verhängnis, der dann mein Herz krank machte. Mein Herz hat so viele Chirurgenhände gesehen … und glaube mir: Das wünscht man nicht mal den Leuten, die man nicht so mag!

Und dann mein bester Kumpel, der zu wenig Sauerstoff bei der Geburt abbekommen hat, rate mal, was der kann: er kann LAUFEN! Und nein, er hat das nicht mal so eben gemacht, sondern er hat für das Laufen lernen Zeit bekommen - und konduktive Förderung!

Ich und meine Freunde brauchen die Frühförderung - und es wird solche besonderen Kinder, wie wir es sind, immer geben!

Mama sagt, es ist nicht Aufgabe von irgendjemandem, uns zu betreuen, sondern es ist die Gesellschaft, die diese Aufgabe übernehmen sollte.«

Damit die mobile Frühförderung im Land nicht gekürzt wird, damit Jonathan und seine Freunde die Förderung erhalten, derer sie bedürfen - dafür braucht es unsere linke Stimme, auch in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Förderschülerinnen und Förderschüler erhalten in unserem Bundesland keinen anerkannten Schulabschluss. Nur einigen wenigen Jugendlichen wird die Möglichkeit gegeben, den Abschluss der Berufsreife zu erwerben. Den Koalitionsfraktionen war es viele Jahre egal, ob die Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit den Eltern so angestrengt und fürsorglich arbeiten, um die Kinder zu fördern und sie dadurch sehr wohl dazu befähigen, den Schulabschluss zu erreichen. Gegen diese Ignoranz und Fahrlässigkeit haben wir uns für die Schülerinnen und Schüler zur Wehr gesetzt.

Und so hat unsere linke Stimme dazu geführt, dass ab dem kommenden Schuljahr an Förderschulen die Klassen zusätzlich eingerichtet werden, die den Mädchen und Jungen einen Schulabschluss und damit den erfolgreichen Start in das Berufsleben ermöglichen.

Dieses Beispiel belegt: Engagement und Hartnäckigkeit ermöglichen in ganz kleinen Schritten, Kinder in den Mittelpunkt der Verantwortung zu rücken.

Bis es Normalität ist, dass Kinder gefördert werden, ihre Talente und Begabungen entwickeln können, ist es noch ein weiter Weg. Aber wir sorgen dafür, dass keine Umwege und Abkürzungen mehr gegangen werden, sondern dass man sich endlich der Verantwortung stellt, die es für die Mädchen und Jungen hat, und das kann man sehr wohl auch als Opposition.

Kinder sind einfach so besonders, so wichtig. Sie sind wichtig für ihre Eltern, sie sind wichtig für ihre Freunde, sie sind wichtig für ihre Geschwister, sie sind wichtig für ihre Großeltern, sie sind wichtig für ihre Tanten und Onkel, sie sind wichtig für die Erzieherinnen und Erzieher, sie sind wichtig für die Lehrerinnen und Lehrer. Sie sind wichtig - für jede und jeden von uns.

Simone Oldenburg ist Lehrerin und Schulleiterin der Regionalen Schule Klütz (Mecklenburg-Vorpommern) - und seit 2011 Landtagsabgeordnete. Und übrigens: Ihr Heimatort ehrte sie Anfang März als eine, wie die »Ostseezeitung«, schrieb »emsige Gemeinde-, Kreis- und Landespolitikerin, die voller verrückter Einfälle ist …«