Disput

Ausbildungsmisere hält an

Endlich das Recht auf Ausbildung für alle umsetzen

Von Agnes Alpers

Es wird immer noch suggeriert, dass wir durch das duale System der Berufsausbildung mehr Ausbildungsplätze als Bewerberinnen und Bewerber hätten. Die Jugendarbeitslosigkeit läge deswegen nur bei acht Prozent und der demografische Wandel für die Betriebe würde jetzt schon zu einem allgemeinen Fachkräftemangel führen. Das einzige Problem sei die mangelnde Ausbildungsreife vieler junger Menschen.

Grundsätzlich bildet für uns LINKE das duale System den Kern der beruflichen Ausbildung. Praxis im Betriebsalltag und Theorie bilden gute Grundlagen für berufliche Perspektiven. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass im letzten Jahr nur zwei Drittel aller Ausbildungsinteressierten einen Ausbildungsplatz erhalten haben. Seit der Wiedervereinigung nimmt die Zahl der Ausbildungsplätze fast durchgängig ab. Immer noch befinden sich 300.000 junge Menschen im sogenannten Übergangssystem (vielfältige Maßnahmen zur Ausbildungsvorbereitung). Und mittlerweile sind 2,2 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss. Von ihnen ist nur die Hälfte erwerbstätig. Ohne eine abgeschlossene Ausbildung werden sie ihre Lebenssituation nicht verändern können. Das sind Realitäten der andauernden Ausbildungsmisere.

Dennoch versuchen die Bundesregierung und die Betriebe, die Wahrheit zu verschleiern und die Verantwortung für die Ausbildungssituation auf die jungen Menschen ohne Ausbildung abzuwälzen. Denn stets wird behauptet, dass mangelnde Ausbildungsvoraussetzungen die Ursache dafür seien, dass Betroffene keinen Ausbildungsplatz erhalten: Die schulischen Qualifikationen seien schlicht zu gering. Die Bildungsvoraussetzungen der Bewerberinnen und Bewerber bei der Agentur für Arbeit im Land Bremen sprechen aber eine ganz andere Sprache. Für das Jahr 2012 ist festzustellen, dass ein gutes Viertel der Bewerberinnen und Bewerber einen Hauptschulabschluss hatten. Gut 70 Prozent verfügten über einen mittleren Schulabschluss, über die Fachhochschulreife oder über die Hochschulreife. Also nicht die mangelnde Ausbildungsreife, sondern das mangelnde Angebot an Ausbildungsplätzen ist die wesentliche Ursache für die Ausbildungslosigkeit.

Ungeachtet dessen gibt es eine kleine Gruppe, für die es wichtig ist, soziale oder personale Kompetenzen zu erweitern, oder die während der Ausbildung unterstützt werden muss, beispielsweise durch ausbildungsbegleitende Hilfen. Ebenso können berufsvorbereitende Maßnahmen hilfreich sein. Wesentlich ist, dass alle Wege in Ausbildung ohne Umwege garantiert werden. Denn gute Ausbildungen sichern berufliche Perspektiven.

Ja, es gibt unbesetzte Ausbildungsstellen. Dies sind oft Ausbildungsberufe wie Fleischer, im Einzelhandel oder im Hotel- und Gaststättengewerbe. Überstunden, eine geringe Ausbildungsvergütung, mangelnde Ausbildungsqualität und geringe Übernahmequoten in reguläre Beschäftigung sind die Gründe, warum diese Berufe abgewählt werden. Prekäre Arbeit, arm trotz Vollzeit, perspektivlos trotz Ausbildung - diesen Zuständen wird die Rote Karte gezeigt.

Unbestritten ist, dass es große regionale Unterschiede bei der demografischen Entwicklung gibt. Falsch ist aber, dass es mehr Ausbildungsstellen als Interessierte geben würde. Das führen uns die vielen Menschen ohne Ausbildung täglich vor Augen. Bundesweit werden seit Jahrzehnten immer wieder bestimmte Gruppen von Ausbildung ausgegrenzt: Menschen mit geringeren Schulabschlüssen, mit Migrationshintergrund oder mit Behinderung sowie Frauen. Diese Ausgrenzung wird auch durch den demografischen Wandel nicht gestoppt. Es gibt keinen durchgängigen Rückgang an Ausbildungsinteressierten. In meinem Bundesland Bremen werden auch für die nächsten Jahre etwa konstante Schulabgangszahlen prognostiziert. Die seit Jahren andauernde Ausbildungskrise hat hier tiefe Spuren hinterlassen: Fast 27 Prozent der Menschen zwischen 25 und 65 Jahren haben keinen Berufsabschluss, bei den Arbeitslosen der unter 25-Jährigen sind es 75 Prozent.

Millionen von Menschen sind von Ausbildung ausgegrenzt und mit prekärer Arbeit und Arbeitslosigkeit von beruflichen Perspektiven ausgeschlossen. Damit muss endlich Schluss sein. Die Selbstverpflichtung der Betriebe wird weiterhin zu einer rückläufigen Anzahl an Ausbildungsplätzen führen und die Ausbildungsmisere nicht beenden. Mittlerweile bilden nur noch 21,7 Prozent der Betriebe aus. Statt über Fachkräftemangel zu jammern, müssen die Betriebe umfänglich in die Verantwortung genommen werden. Deshalb wollen wir als LINKE das Recht auf Ausbildung für alle garantieren und die gesetzliche Ausbildungsumlage einführen.

Als LINKE stehen wir für gute Ausbildung für alle: eine Ausbildungsvergütung, mit der der Start in ein selbstständiges Leben gewährleistet wird, hohe Ausbildungsqualität und die Übernahme in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung mit guten Tarifen. Das schafft Perspektiven sowohl für junge Menschen als auch für die Betriebe.

Agnes Alpers ist Sprecherin der Bundestagsfraktion für berufliche Aus- und Weiterbildung und Spitzenkandidatin zur Bundestagswahl in Bremen.