Disput

Die ersten 1.000 Tage

Entscheidend für die Gesundheit der Kinder

Gastbeitrag von Tanja Abubakar-Funkenberg, Gesundheitsexpertin von terre des hommes

Jedes Jahr sterben sieben Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag - jedes vierte von ihnen an den Folgen von Unterernährung. Mädchen und Jungen, die bereits während der Schwangerschaft und in den ersten zwei Lebensjahren keine ausgewogene Ernährung und unsauberes Trinkwasser erhalten sowie in unhygienischen Verhältnissen leben, müssen häufig mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen leben. Das Recht auf ein erreichbares Höchstmaß an Gesundheit wird ihnen verwehrt.

In armen Ländern ist jedes dritte Kind chronisch unterernährt und in Folge dessen in seiner Entwicklung beeinträchtigt. Rund 35 Prozent der chronisch mangelernährten Kinder leben in Indien, gefolgt von Bangladesch mit 4,9 Prozent und Äthiopien mit vier Prozent.

Insbesondere in den ersten 1.000 Lebenstagen, beginnend mit der Entwicklung im Mutterleib, ist die Ernährung für Kinder von zentraler Bedeutung für die geistige und körperliche Entwicklung der Säuglinge und Kleinkinder. Eine zu geringe Aufnahme von Nahrungsenergie führt bei akuter Unterernährung zu Untergewicht. Bei einer dauerhaften, chronischen Unterernährung bleiben die Kinder für ihr Alter zu klein, was auch als Armutsindikator gilt. Fehlen dagegen lebenswichtige Vitamine oder Mikronährstoffe, spricht man von verstecktem Hunger, der insbesondere das gesunde Zellwachstum und den Stoffwechsel beeinträchtigt, so dass Sinnesorgane nicht ihr volles Potenzial entwickeln.

Unter- und mangelernährte Säuglinge sind aufgrund eines schwachen Immunsystems sehr anfällig für Infektionskrankheiten wie Durchfall und Lungenentzündung - die Haupttodesursachen von Kleinkindern im globalen Süden. Mangelhafte Trinkwasserqualität sowie fehlende Hygiene und Sanitäranlagen führen ganz schnell zu einem Infekt wie Durchfall, den der kranke Säugling mit seinem geschwächten Immunsystem nicht selber bekämpfen kann. Unbehandelt sterben jedes Jahr 1,5 Millionen Babys und Kleinkinder an Durchfallerkrankungen, die eigentlich vermeidbar wären.

Eine gesunde Entwicklung des Kindes setzt eine gesunde Ernährung der Mutter voraus, so dass der Säugling während der Schwangerschaft und des Stillens optimal versorgt ist. Bei einer schwangeren Frau, die selbst mangel- bzw. unterernährt ist, kommt das Baby oft zu früh und mit einem zu geringen Geburtsgewicht auf die Welt. In den von Hunger betroffenen Ländern trifft dies bei jedem zehnten Neugeborenen zu.

Weltweit fördert terre des hommes derzeit 55 Projekte spezifisch zu Ernährung und Gesundheit. In Indien zum Beispiel fördert die Organisation Anandi, Projektpartner von terre des hommes, in 30 Dörfern die Ernährung von Frauen und Kindern. Anandi hilft, akut unterernährte Kinder in ein Krankenhaus zu überwiesen und staatliche Unterstützung zu beantragen. Außerdem werden schwangere Frauen in Kursen über eine gesunde Ernährung während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren des Neugeborenen unterrichtet. Um die eigene Ernährung mit wichtigen Nährstoffen anzureichern, legen die Frauen Gemüse- und Kräutergärten an.

Unbegleitete Schwangerschaften und Geburten tragen ebenfalls zu einer hohen Säuglingssterblichkeit bei. So fordert terre des hommes zusammen mit sieben weiteren europäischen Organisationen in dem EU-Projekt »Gesundheitsfachkräfte für alle« die formale Ausbildung und gute Arbeitsbedingungen von Gesundheitsfachkräften in den Ländern des Südens. Gleichzeitig fordert die Initiative die Regierungen der EU auf, von eine aktive Abwerbung von Gesundheitsfachkräften abzusehen, wenn sie in ihren Herkunftsländern dringender benötigt werden.