Disput

Flucht nach vorn?

Feuilleton

Von Jens Jansen

Wenn in verzweifelter Lage gegen einen übermächtigen Feind gerungen wird, ertönt irgendwann die Parole: »Flucht kann nur nach vorn gelingen!«" Das gilt besonders oft im Wahljahr.

Tausende Topmanager unterschlagen Steuern, zeigen sich selber an, zahlen ein paar Millionen Ablass an das Finanzamt. Das ist Flucht nach vorn. Frau v. d. Leyen merkt, dass die schäbigen Frauenlöhne mit der Männermacht in den Konzernspitzen zusammenhängen. Sie fordert einen Pflichtanteil für Frauen und mehr Kitas, wird von den Patriarchen umzingelt und interniert bis 2020. Der Umweltminister lobt die Windräder, die »grünen Strom« nach vorn bringen. Das Quartett der »Strom-Riesen« blockiert neue Überlandleitungen. Ätsch! Der Verteidigungsminister ist verknallt in die neuen Kampfdronen. Die Blechmücken starten per Computer in die Schurkenstaaten. Sie halten dort beim Oberschurken genau vorm Klofenster, und sobald der da in Teheran was abdrückt, wird bei der NATO auch abgedrückt - Erledigt! Bis das Echo kommt. Meist endet also die »Flucht nach vorn« hinten in der Jauchekuhle.

Dennoch gilt: Niemals zurückweichen! So riefen das Kaiser Barbarossa und Heinrich der Löwe, auch Blücher und Guderian, auch Kohl und Merkel. Mal mit Bibel und Schwert, mal mit Scheckbuch und Friedenspalme. Das klappt auch manchmal. Das ersetzt aber selten die Verluste. Weil die Oberbefehlshaber zu verblendet und zu machtbesessen sind, das reale Kräfteverhältnis und die möglichen Folgen nüchtern zu erkennen. Also, wer bestimmt, was VORN ist und warum? Wer prüft, was nötig und nützlich für wen ist?

Die Brain-Trusts der Großmächte erörtern alljährlich in Davos: Wohin kullert die Erde? Wie müssen wir reagieren? Und dann sehen sie, dass das Eis unter ihren Füßen immer dünner wird. Weil sich die Erde erwärmt. Weil sich die heißen Waffengänge vermehren. Weil die entlarvten Oberbefehlshaber heiße Köpfe kriegen. Weil der Volkszorn in Dutzenden Ländern hochkocht. Weil es vielerorts schon linke Mehrheiten für einen Kurswechsel gibt. Weil das dann »Game over!« für die Nimmersatten heißen kann. Aber Denker sind oft nur die »Hofnarren« der Mächtigen.

Der Wanderprediger Peer Steinreich ist kein Denker, nur eifernder Schwätzer. Er hat vielen Bankiers für ein kleines Handgeld Trost gespendet. Aber nun zupft er keck an deren Bärten: »Die Lücke zwischen Arm und Reich klafft viel zu sehr auseinander«, »Sieben Millionen schuften für weniger als 8,50 Euro. Der Mindestlohn muss her!«, »Die Spitzensteuer muss rauf!«, »Steueroasen sind Gerechtigkeitswüsten!«, »Der Turbo-Kapitalismus muss gebändigt werden.«

Als er mit Frau Merkel regierte, sagte er das Gegenteil.

Jetzt redet er wie auf einem Parteitag der LINKEN. Die hatte aber schon sechs Jahre früher im Dortmunder Gründungspapier solche Ziele und Wege markiert. Dafür wurde sie ausgepfiffen vom SPD-Vorstand - aber von vielen SPD-Mitgliedern geschätzt. Drum begann die Troika der SPD mit Nachsitzen und Abschreiben die »Flucht nach vorn«. Es ist Wahljahr! Da fressen die Wölfe Kreide. Da schwenken die Rechten rote Wimpel. Da muss die einzige Alternativpartei kleingemacht werden, die immer noch sagt, was VORN wäre: Spitzensteuer 53 Prozent, Reichensteuer 75 Prozent, Mindestlohn 10 Euro, Schluss mit der Rente erst ab 67, Bundeswehr bleibt zu Hause! DIE LINKE erklärt, wie mit 165 Milliarden für Arbeit, Bildung und Soziales 180 Milliarden Einnahmen zu holen sind. Das wäre eine Flucht nach vorn, wie sie unser Land, unser Kontinent und die Welt brauchen. Doch dann schwärmt die Kanzlerin, dass Deutschland eine Insel der Seligen ist. Rösler nickt, Hundt stellt den Sekt kalt, Steinbrück sucht Magenbitter, die Roth kriegt Pfefferminzlikör. DIE LINKE säuft selten, denn einer muss ja klar sehen.