Disput

Unbekannte Traditionslinien

Ansätze für eine realistischere Politik in der Geschichte der Linken: die Zwischengruppen in der Weimarer Republik. Ein Seminar mit Bezug zum Heute

Von Heinz Hillebrand

»Unbekannte Traditionslinien der LINKEN - die Zwischengruppen der Weimarer Republik«, so lautete der Titel eines Seminars, zu dem sich Mitglieder der LINKEN aus zwölf Bundesländern in Elgersburg (Thüringen) trafen.(1)

Das große Interesse am Seminar hatte sicherlich zwei Gründe. Zum einen wirft das Scheitern und der Niedergang der beiden dominierenden Blöcke der Arbeiterbewegung in Deutschland, Sozialdemokraten und Kommunisten, die Frage auf, ob es in der Geschichte der deutschen Linken nicht bereits Ansätze zu einer realistischeren Politik, jenseits von Anpassung und Dogmatismus, gegeben hat. Zum anderen die Frage, was sich hinter dem Begriff der linkssozialistischen Bewegungen verbirgt, der im Programm der LINKEN als eine der Traditionslinien genannt wird.

Was bedeutet der Begriff Zwischengruppen? Prof. Mario Keßler benutzt für sie folgende Definition »Zu den als Zwischengruppen bezeichneten kommunistischen und linksozialistischen Kleinorganisationen gehörten vor allem die Kommunistische Partei-Opposition (KPO) sowie die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) [….]. Sie waren im strengen Sinne politisch zwischen den beiden großen Arbeiterparteien KPD und SPD angesiedelt und übernahmen, allgemein gesprochen, den revolutionären Radikalismus von der KPD, den Willen zur Verteidigung der Weimarer Republik von der SPD - auch dann, wenn sie diese Republik vom marxistischen Standpunkt kritisierten«.(2) In den Zwischengruppen waren bekannte Persönlichkeiten wie August Thalheimer, Wolfgang Abendroth und Willy Bleicher (KPO) sowie Max Seydewitz, Otto Brenner und Willy Brandt (SAP) organisiert.

Der Prozess der Stalinisierung der KPD ab Mitte der zwanziger Jahre stieß auf erheblichen Widerstand vor allem erfahrener Funktionäre und bekannter Gewerkschafter. Im Zuge dieser Auseinandersetzung bildete sich Ende 1928 die KPO. Bedingt durch eine Vielzahl von Ausschlüssen aus der KPD, beginnend mit Heinrich Brandler und August Thalheimer, wuchs die Organisation auf 6.500 Mitglieder an. Auch die Bildung der SAP begann mit Parteiausschlüssen. Neun sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete, die 1931 einem Panzerkreuzerbau die Zustimmung verweigerten, wurden aus der SPD ausgeschlossen. Die SAP hatte vor allem unter jungen SPD-Mitgliedern Zulauf, 1932 zählte sie über 20.000 Mitglieder.

Kennzeichnend für beide Gruppen war ein hohes intellektuelles Niveau, das sich wohltuend vom Verbalradikalismus führender KPD-Funktionäre und von dumpfer Anpassungsrhetorik der SPD abhob. Einer der großen historischen Verdienste beider Gruppen war das Ringen um die Einheitsfront von SPD und KPD zur Abwehr der faschistischen Gefahr. Bereits 1928 warnte August Thalheimer in einer brillanten Faschismus-Analyse vor der drohenden Machtübernahme der Nazis.

Nutzt die Zeitzeugen!

Das Seminar im März gewann vor allem dadurch, dass mit Theodor Bergmann und Frido Seydewitz zwei der letzten noch lebenden Zeitzeugen eingebunden waren. Prof. Theodor Bergmann, Jahrgang 1916, machte in Elgersburg in einem Gespräch die theoretischen Erkenntnisse plastisch. Neben seinem beeindruckenden Lebensweg, der ihn über das Exil in Palästina und Schweden schließlich an die Universität Stuttgart brachte, schilderte er die weiteren Lebenswege der KPO-Mitglieder in BRD und DDR. In beiden Staaten wurden sie kritisch beäugt, im Westen als Kommunisten, in der DDR als vermeintliche Rechtsabweichler. Hier kam es auch zu Repressalien.

Frido Seydewitz, der Sohn des SAP-Gründers Max Seydewitz, konnte leider nicht kommen, steuerte aber Materialien über sich und seinen Vater zum Seminar bei. Frido Seydewitz musste, wie sein Bruder, eine langjährige Lagerhaft in der Sowjetunion verbüßen. Max Seydewitz wurde 1947 sächsischer Ministerpräsident, wurde jedoch in den fünfziger Jahren zu einer öffentlichen Selbstkritik gezwungen und beendete sein Berufsleben als Direktor der Dresdener Kunststammlungen.

Historische Erfahrungen lassen sich nicht eins zu eins in die heutige Zeit übertragen. Wir können dennoch viel von den Zwischengruppen lernen. Es ist zum einen die beeindruckende Standhaftigkeit, mit der viele Mitglieder ihre politischen Überzeugungen, auch im Widerstand gegen die Nazis, lebten. Zum anderen sind es die politischen Grundhaltungen: genauer hinzusehen und nicht die eigene Rhetorik mit dem Zustand der Gesellschaft zu verwechseln, sich auf die realen Verhältnisse einzulassen, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Solche Herangehensweisen sind auch für DIE LINKE heute relevant.

Heinz Hillebrand leitet den Bereich Politische Bildung in der Bundesgeschäftsstelle.

Anmerkungen

(1) Elgersburger Seminare bezeichnet eine Reihe von Veranstaltungen des Bereiches Politische Bildung, die viermal jährlich im traditionsreichen »Hotel am Wald« stattfindet.

(2) Keßler, Mario: Die Zwischengruppen der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik und ihre politische Bedeutung. Rosa-Luxemburg-Stiftung, rls-news 2. April 2013