Disput

Gestatten, Karl Marx

Karlchen zum Anfassen – ein Kunstprojekt in Trier

Von Stefan Richter

Eulen trug Ottmar Hörl - figürlich - nach Athen, Bären nach Berlin, Luther nach Wittenberg -, und nun, im Mai 2013, trägt er Karl Marx nach Trier. In die Stadt, in der Marx geboren wurde, wo er heranwuchs und das Abitur machte - und die ihn doch in den langen Jahrzehnten des Kalten Krieges ignorierte oder gar schmähte. Marx, der Ungewollte.

Die Zeiten haben sich geändert, sie müssen sich ändern. Da kommt Marx gerade recht. Nicht ein Marx, nicht zwei, nicht drei … Nein, gleich fünfhundert! Einen Meter groß, in vier Rottönen (die den Facettenreichtum der Linken unterstreichen sollen), nicht fest verankert, sondern lose postiert und solcherart einladend zum Ver- und zum Umrücken. Genau so will’s der Schöpfer. Denn: »In Ausstellungen gehen heute vielleicht drei Prozent der Bevölkerung. Ich möchte mehr Menschen erreichen. Ich mache etwas zum Anfassen, damit die Leute Lust bekommen, sich mit der Figur, mit der Person zu befassen. Denkmodelle statt Denkmale. Und das ›aggressive‹ Karlchen kommt so schön souverän daher ... «

In Hörls Jugendzimmer hingen einst Plakate mit Ho Chi Minh, Che Guevara und Marx; Picassos »Guernica« hat ihn aufs Stärkste bewegt. Die Auseinandersetzung mit Marx hält er in der Gegenwart für ebenso wichtig, wie er die weit verbreitete Unkenntnis über ihn und sein Denken als eine große Herausforderung betrachtet.

Offiziell eröffnet wird die Installation am 5. Mai, am 195. Geburtstag von Marx'. Hauptredner ist Gregor Gysi. Der Saal im Städtischen Museum reicht für die vielen Interessierten nicht aus, die Ansprache wird auf den Brunnenhof übertragen. Gysi würdigt Marx als Philosophen, Soziologen und Ökonomen: »Er hat am hervorragendsten die kapitalistische Produktionsweise erklärt, sich mit ihr scharf auseinandergesetzt und gigantische Weltbewegungen in Gang gebracht«. Ein Mehr an politischer Kultur und Toleranz mahnt Gysi an: »Ich mag keine linke, keine mittlere und keine rechte Intoleranz. Ich möchte, dass wir uns als Gesellschaft endlich öffnen, ein unverkrampftes Verhalten zu Bismarck und ein unverkrampftes Verhalten zu Karl Marx bekommen. Es wird höchste Zeit.« Das Publikum applaudiert heftig, auch als der LINKE-Fraktionsvorsitzende im Bundestag rät: »Wir sollten uns nicht von Missbrauch und nicht von einer falschen Ikonisierung leiten lassen, sondern lernen, stolz zu sein auf den weltweit bekanntesten Deutschen, der philosophisch, wissenschaftlich und auch gesellschaftspolitisch Großes vollbracht hat.«

Gysi beglückwünscht den Künstler zu der Idee, mit der Installation auf die Straße zu gehen und die Bürgerinnen und Bürger so vollständig wie möglich mit einzubeziehen.

Wie diese Idee am Fuße der Porta Nigra, dem Unesco-Weltkulturerbe, zur »materiellen Gewalt« wird, ist praktisch rund um die Uhr zu erleben: bei Einheimischen wie Touristen, Jung wie Alt, Solisten wie Gruppen - fotografierend, fragend, rätselnd, Kopf schüttelnd, witzelnd …

Oder anranzend: Mit der Installation, hatte Spiegel-Online schon vor ihrer Eröffnung befunden, werde Marx der Lächerlichkeit preisgegeben. Über diesen Vorwurf kann Prof. Hörl, Präsident der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, nur lächeln. Er mag Missverständnisse und Subversives. Der Andrang zwischen und mit den 500 Figuren gibt ihm recht. Und auch der Ort: Eine solche Marx-Installation würde beispielsweise nicht in Frankfurt oder Nürnberg funktionieren. Sie gehöre nach Trier; von hier könne sie ausstrahlen.

Finanziert wird das Kunstwerk durch Sponsoren und durch den Verkauf der Figuren, das gute Stück zu 300 Euro. Die Installation ist bis 26. Mai zu erleben; noch bis 18. Oktober zeigt das Stadtmuseum die sehr empfehlenswerte Ausstellung »Ikone Karl Marx - Kultbilder und Bilderkult«.

Es ist ein sehr spezielles kleines Volksfest mit Karlchen. Ob es über die Freundlichkeit des Moments hinausreicht, muss sich erweisen. In fünf Jahren wird alle Welt Marx' 200. Geburtstag begehen. Bis dahin gäbe es viele andere wichtige Seiten (neu) zu entdecken.