Disput

God's Own Country

Spannungsreiches Kerala (Indien)

Von Judith Kainer

Mit dem den Amerikanern abgeschauten Slogan »God's Own Country« wirbt der südwestliche indische Bundesstaat Kerala um eine jährlich wachsende Zahl von Touristen. Der Bundesstaat an der Malabarküste ist berühmt für eine interessante Mischung verschiedener Kulturen sowie seine landschaftliche Schönheit. Das für Indien so typische exorbitante Armutsgefälle fällt hier geringer aus.

Kerala - Land der Kokospalmen, so lautet die Übersetzung aus der Landessprache Malayalam. Flächendeckendes Grün kennzeichnet den schmalen Bundesstaat an der Südwestspitze Indiens, 500 Kilometer lang und zehn bis 40 Kilometer breit. Es bietet die für Asien typischen Reisfelder, Kokos-, Kautschuk-, Bananen- und Teeplantagen, palmenbesäumte Kanäle sowie populäre Badestrände wie Kovalam, Cochin und Varkala. Yoga und Ayurveda ziehen neuerdings zusätzlich viele westliche Besucher an. So lebt das kleine, aber bevölkerungsreiche Kerala (ca. 34 Millionen Einwohner) zunehmend vom Tourismus, der sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Rückgrat der Wirtschaft sind aber nach wie vor Landwirtschaft und Fischfang sowie der Dienstleistungssektor.

Keralas Sozialdaten heben sich wohltuend vom restlichen Indien ab, auch dank der seit den 60er-Jahren immer mal wieder an die Macht gewählten Kommunisten. Umfangreiche Agrarreformen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sowie ein im Vergleich zu anderen Bundesstaaten gut ausgebautes Bildungs- und Gesundheitssystem haben ihre Spuren hinterlassen. So liegt das Pro-Kopf-Einkommen gut ein Drittel über dem indischen Durchschnitt, die Lebenserwartung mit 74 Jahren deutlich über der gesamtindischen von 64 Jahren.

Aufgrund einer schwach ausgeprägten Industrie und einer daraus resultierenden relativ hohen Arbeitslosigkeit zieht es viele gut ausgebildete Keralesen in die Golfstaaten zum Arbeiten - die Überweisungen der Exilkeralesen tragen maßgeblich zum hohen Lebensstandard bei. Die Stellung der Frau ist für indische Verhältnisse recht gut. So ist die Analphabetenrate mit acht Prozent deutlich niedriger als im restlichen Indien (34%). Auch kommen wesentlich mehr Frauen auf Männer (1.084 auf 1.000) - und das in einem Land, in dem seit Erfindung des Ultraschalls Millionen weibliche Föten abgetrieben wurden und die Relation zwischen Frauen und Männern mittlerweile 940 zu 1.000 beträgt. Nichtsdestotrotz wird das gesellschaftliche Leben fast ausschließlich von Männern bestimmt.

Eine starke Durchmischung der Glaubensrichtungen prägt Keralas reiches kulturelles Leben wesentlich. So leben hier schon seit Jahrhunderten Hindus, Muslims, Christen und Juden weitgehend friedlich nebeneinander. Hindus stellen zwar mit ca. 56 Prozent die Mehrheit, daneben gibt es aber eine beträchtliche Anzahl von Muslimen (25 Prozent) und Christen (19 Prozent). Christentum und Islam wurden durch die portugiesische Kolonisierung und arabische Seefahrer eingeführt.

Kochi, ehemals wichtigste Hafenstadt für den Handel mit Gewürzen nach China und Nahost, deren Anfänge bis in das 14. Jahrhundert zurückreichen, verkörpert auch heute noch den kulturellen Reichtum Keralas. So stehen dort mit der St. Francis Church die älteste von Europäern erbaute Kirche in Indien und im jüdischen Viertel Mattancherry die 1568 errichtete Synagoge. An der Nordspitze der Halbinsel Fort Kochi befinden sich die berühmten chinesischen Fischernetze, die vermutlich bereits im 13. Jahrhundert eingeführt worden sind. In leer stehenden alten Lagergebäuden am Meer fand im Winter 2012/13 die erste Indische Biennale statt, mit Werken internationaler Künstler wie Ernesto Neto, Subodh Gupta, Ai Weiwei. Mit einem starken lokalen Bezug schaffte die Biennale die Verbindung zwischen Kunst und Ort - eine furchtlose Ausstellungspremiere, scheinbar gänzlich desinteressiert an kommerzieller Verwertbarkeit.

Kochi, Kerala - Orte so spannungsreich und vielfältig wie das gesamte Land, das alles umfasst, Superlative im Positiven wie im Negativen.