Disput

Ich kam als Gast …

Zwischen zwei Ausstellungseröffnungen in Moskau und Berlin

Von Wladislaw Hedeler

Am 16. April wurde im Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte in Moskau die Ausstellung »›Ich kam als Gast in euer Land gereist …‹ Deutsche Antifaschisten in der Sowjetunion 1933 bis 1956« eröffnet. Der Ausstellungsort der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Ausstellung war nicht zufällig gewählt. Vom Haus in der Bolschaja Dmitrowka ist es nicht weit bis zum Hotel Lux. Hier haben viele Funktionäre der KPD und der Kommunistischen Internationale gewohnt, deren Kaderakten und Nachlässe heute in diesem Archiv aufbewahrt werden. Das trifft auch auf die aus Deutschland vor der Verfolgung durch die Nazis geflohenen Facharbeiter, Künstler, Architekten und Schriftsteller zu, die etwas weiter weg wohnten. Das Wohnheim des Elektrokombinats in der Matrosskaja tischina in Sokolniki und das Haus »Weltoktober« gehören dazu. Es sind nur drei Adressen von vielen, die in der Ausstellung eine Rolle spielen.

Auch bei den nächsten Stationen der Wanderausstellung - Karaganda in Kasachstan, Nowosibirsk und Petersburg in der Russischen Föderation - handelt es sich um Städte und Regionen, die unmittelbar mit dem weiteren Lebens- und Leidensweg der Familienmitglieder zusammenhängen, deren Schicksale auf den Ausstellungstafeln dokumentiert sind. »Die Präsentation der Ausstellung in Form von Familientafeln ist aus der Erfahrung geboren, dass Exilschicksale immer Familienschicksale sind«, notiert Inge Münz-Koenen in der Einleitung zum Katalog zur Ausstellung. »Sie beginnen damit, dass es meist Paare sind, die zusammen oder nacheinander in die Sowjetunion kommen. Oder die Lebenspartner finden erst im Exilland zueinander. Die Kinder werden aus Deutschland mitgebracht oder in der Sowjetunion geboren. Bei vielen ist die Rückkehr verzögert durch die bis ans Ende der 1950er Jahre anhaltende Verbannung nach Sibirien oder Kasachstan. Deshalb steht das Jahr 1956 im Titel für das Ende des Exils - nicht das Jahr 1945 als das der Befreiung vom Faschismus.«

Auf der Tagung »Das verordnete Schweigen. Deutsche Antifaschisten im sowjetischen Exil« im Juli 2010 in Berlin wurde von einigen Teilnehmern, unter ihnen ehemalige deutsche Emigranten, deren in der Sowjetunion geborene Kinder und Autoren der genannten Ausstellung, vorgeschlagen, sich an den Parteivorstand der Partei DIE LINKE zu wenden. Es ging um ein Zeichen der Erinnerung an die in der Sowjetunion verfolgten, deportierten und ermordeten deutschen Kommunisten und Antifaschisten.(1)

Ausstellung und Katalog enthalten nahezu gleich lautende Antworten der Exilanten auf die Frage, was das Schwerste in ihrem Leben gewesen sei: Trennung von den Kindern bzw. von Vater und Mutter, Verlust der Lebenspartner und Geschwister, Ungewissheit über das Schicksal der Vermissten. Bedenkt man, dass sie nahezu alle ihre Angehörigen in Deutschland zurücklassen mussten ohne die Gewissheit, sie wieder zu sehen, so ist das Auseinanderreißen der kleinen Emigrantenfamilien eine zusätzliche, schwer vorstellbare Qual.

Nach dem Krieg kommt kaum eine Familie vollzählig in die Heimat zurück. Von 8.101 namentlich bekannten deutschen Emigranten und Facharbeitern in der Sowjetunion kehrten nach heute vorliegenden unvollständigen Angaben 1.422 Personen zurück. Namentlich bekannt sind jene, die persönlich einen Antrag auf Ausreise nach Deutschland gestellt hatten und in der Korrespondenz der KPD/SED mit den zuständigen sowjetischen Institutionen der KPdSU (B), dem Ministerrat und dem Roten Kreuz erwähnt wurden. Diese Zahl schließt die erwachsenen bzw. in der Sowjetunion geborenen Kinder mit ein.

Für sie, die vom deutschen Nationalsozialismus und vom sowjetischen Staatsterror doppelt Verfolgten, gibt es bisher keine Gedenkstätten, nicht einmal Orte der Erinnerung und Begegnung. Die für den 16. Mai geplante Ausstellungseröffnung in der Gedenkstätte deutscher Widerstand in Berlin ist ein erster längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung.

Anmerkung

(1) Am 4. März 2013 beschloss der Geschäftsführende Parteivorstand der LINKEN: »Im Gedenken an die Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten, die dem Großen Terror in der Sowjetunion zum Opfer fielen, wird am Berliner Karl-Liebknecht-Haus eine Gedenktafel angebracht. Die Inschrift lautet: ›Ehrendes Gedenken an Tausende deutsche Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten, die in der Sowjetunion zwischen den 1930er und 1950er Jahren willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert, auf Jahrzehnte verbannt und ermordet wurden.‹«