Disput

Schubserin mit Samthandschuhen

Das Ehrenamt fordert ganz schön, sagt Gisela Damm. Sie ist seit fast 30 Jahren in der SeniorInnenpolitik aktiv

Von Stefan Richter

»Mit der Klappe«, sagt Gisela Damm, »geht's noch besser als mit dem Rücken.« Manches falle ihr sehr viel schwerer als früher. Gisela Damm ist 78, lebt (wieder) in ihrer Geburtsstadt Hennigsdorf, liest gern und verreist oft, ist bei der LINKEN und leitet die Ortsgruppe der Volkssolidarität. Die Seniorenorganisation – eine von 12 in der brandenburgischen Kleinstadt – hat 210 Mitglieder, eine Begegnungsstätte, drei Gymnastikgruppen, eine kleine Theatergruppe, einen Literaturzirkel. Ihr erweiterter Vorstand zählt 15 Frauen und einen Mann, zwei gehören der LINKEN an.

Biografisches, Berufliches, Ehrenamtliches … Aus Gisela Damm sprudeln Geschichten und Gedanken. »Solange die Leute mir zuhören – und ich merke es, wenn das nicht mehr so ist –, kann ich mich nicht bremsen.« Sie habe einen »ganz großen Spaß« daran, etwas zu erklären. »Ich erwische mich immer wieder dabei; ich bin wirklich gern Lehrerin gewesen.«

Einige Jahrzehnte lebte sie mit ihrem Mann im Thüringischen. Sie war stellvertretende Schulleiterin und Direktorin einer Erweiterten Oberschule. Im Frühjahr '89 starb ihre »große Liebe«, und mit der politischen Wende ein paar Monate später kam ihr unfreiwilliges Ende an der Schule. Es gab nichts mehr, was sie in ihrer Wahlheimat hielt. Sie zog zurück nach Hennigsdorf, wo ihre Verwandten wohnen und wo sie ein neues Leben beginnen mochte. Gesellschaftlich untätig zu sein, das kam für sie nicht infrage: »Ich bin, seit ich 14, 15 war, nichts anderes gewöhnt, als dass man – einfach ausgedrückt – irgendetwas macht, sich einsetzt für andere und mit anderen.«

Sie meldete sich bei der damaligen PDS um und engagierte sich zunächst im Kulturbund, bis eines Tages ein Genosse ihr die für sie folgenreiche Frage stellte: »Gisela, kannst du gut verlieren?« Die sprudlige Ex-Lehrerin und verlieren können …?! Eigentlich nicht. Worum ging's? Das Stadtparlament suchte einen ehrenamtlichen Seniorenbeauftragten. Linke, so der Genosse, hätten bei der Wahl eh keine Chance – deswegen die Sorge, wie sie mit einer Niederlage umgehen könne.

Doch es kam anders. »Ich hatte«, berichtet Gisela Damm, »einen guten Tag, und die drei Männer, die sich ebenfalls bewarben, hatten einen nicht so guten Tag.« Die vermeintlich Aussichtslose wurde gewählt. Als Erstes kümmerte sie sich um einen Seniorenbeirat und um einen Altenplan. Das war der Beginn ihres mittlerweile fast 30-jährigen Wirkens für Seniorinnen und Senioren.

Seniorenpolitik ist ein großes Wort; manchen klingt es mächtig gewaltig, anderen vielleicht etwas betagt und nervend. Für Gisela Damm wurde daraus eine sehr konkrete, anregende, aufregende, in jedem Falle notwendige Tätigkeit – ehrenamtlich.

Da traf es sie heftig – wie sehr, ist bis heute zu spüren –, als die Seniorenbeauftragte von der Mehrheit der Anderen ziemlich brüsk ausgebremst wurde. Aus ihrem Ehrenamt machten sie eine hauptberufliche Aufgabe. Eigentlich in Ordnung für eine Stadt, die prozentual mehr ältere und weniger junge Einwohner/innen hatte als jede andere Stadt in Brandenburg. Nur war ein wichtiger Grund wohl ein anderer: »Sie merkten, dass ich aus dem linken Lager galoppiert kam ...«

Den Riesenblumenstrauß zur »Verabschiedung« empfand sie als Hohn – die Verabschiedung als Herausforderung: »Wer dachte, sie hätten mich damit ausgeklinkt, hat sich schnell gewundert.« Acht Wochen später kehrte sie, nun als Vertreterin der Volkssolidarität, auf die gesellschaftliche Bühne zurück. »Ich hatte so viel geschoben und geschubst, bis es wieder eine Ortsgruppe der Volkssolidarität gab.«

Die Volkssolidarität ist eine Organisation mit einer im Osten sehr langen Tradition, sie ist überparteiisch und hat mancherorts den Ruf, dass sich in ihr viele »rote Socken« bewegen. Gisela Damm ist das wirklich nicht unangenehm, sie betont aber auch, wie viel Fingerspitzengefühl und Geduld in der täglichen Ehrenarbeit mit so unterschiedlichen älteren Menschen und ihren verschiedenen Lebensläufen erforderlich sind. Mitunter, meint sie, brauche sie zwölf Samthandschuhe, um all das, was sie ausdrücken will, dezent einzupacken.

»Es hört sich so angeberisch an: Aber es ist schon so, dass ich die Schubserin bin. Nicht dass ich immer den besseren Weg weiß, aber ich kümmere mich darum, dass wir überhaupt zueinander finden.« Zehn lange Jahre leitete sie den Kreisverband Oberhavel der Volkssolidarität; geehrt wurde sie mit deren Goldener Ehrennadel. Bei der Wahl 2011 war Schluss, sie kandidierte nicht noch einmal. Weitere vier Jahre …, da wäre sie über 80. Also Abschied, diesmal freiwillig. Nur, was heißt freiwillig für derartig Rastlose: Abschied, Aufhören, Verabschieden? Gisela Damm fiel das alles andere als leicht: »Wenn einer sagt: loslassen, dann krieg ich ‘ne Gänsehaut! Mir ist das Loslassen nicht leichtgefallen.«

Gisela Damm, die sich vor allem als Praktikerin, als Frau der Tat sieht, fährt zu jedem Deutschen Seniorentag, gleich wo er stattfindet, sie liest die Altenberichte an den Bundestag und verfasst Artikel zu »ihrem« Thema. Vor vielen Jahren schrieb sie einen – an DISPUT – zu Erfahrungen in der Seniorenpolitik. Mitstreiter/innen wurden auf sie aufmerksam; inzwischen ist sie längst eine Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft. Zu deren Treffen fährt sie jedes Mal gern, der Austausch der Erfahrungen bereichert sie.

In jedem Landesverband, möglichst in jedem Kreisverband sollte es nach ihrer Überzeugung eine Seniorenarbeitsgemeinschaft geben. »Wir haben, meine ich, keine Lobby.« Oft bekommt sie zu hören, warum noch eine Vereinigung nötig sei, wir seien doch alle Genossinnen und Genossen – »Das kann ich nicht mehr hören, da werd ich ganz nervös. Was gut ist für die Jungen, ist auch gut für die Alten!? Nein, das ist nicht so. Alt sein ist von 55 bis 85. Das sind 30 Lebensjahre! Wie kann ich das vergleichen mit Arbeit, Auftreten, Ideologie von jungen Genossen?! Das ist falsch. Wir haben andere Probleme. Auch wenn ich unterstreiche, dass das Ziel das gleiche ist.«

Mit dem Ergebnis ihres Vorhabens, Kreis-Seniorenarbeitsgemeinschaften zu aktivieren, ist sie nicht zufrieden. Im Kreis Oberhavel hatten sie vor vier Jahren mal eine Konferenz ausschließlich zur Seniorenpolitik veranstaltet: »Viele fanden sie toll, aber anschließend ging uns die Puste aus. Seit der Zeit hat nicht einer gefragt: Wie denkt ihr älteren Genossen darüber? Das sehe ich als Manko an.«

In diesen Wochen hofft sie, dass eine 58-Jährige in den neuen LINKE-Kreisvorstand gewählt wird; dort soll sie sich insbesondere um Seniorenpolitik kümmern.

In einer Wohnzimmerecke verwahrt ein verglaster Schrank Giselas besondere Schätze: mehr oder weniger dicke Bücher über ihre vielen Reisen. Seit ihrem 18. Lebensjahr gibt es keine Reise ohne Buch. »Es geht nicht um ›Gisela am Pool‹ oder so, sondern um Eindrücke und Erlebnisse.« Da sie gern und viel verreist, will alles bedacht und geplant sein, selbst das Schreiben: In Tunesien wird sie für sich (und gelegentlich für Andere) notieren, was sie unlängst in Polen erlebt hat. In Polen brachte sie zu Papier, was davor in Tirol zu entdecken war. Und in Tirol … Unterwegs ist sie stets mit einer ansehnlichen Gruppe von Gleichgesinnten, das sei der »reinste Parteikonvent«. Eine ehemalige Bibliothekarin hat es sich zur Aufgabe gemacht, linken Interessenten immer neue Angebote für die Welt-Anschauung zu organisieren.

Den Abschied vom Kreisvorstand verstand Gisela Damm nicht als Abschied von ihrer Verantwortung in der Volkssolidarität. Sie ist nun in Hennigsdorf Ortsvorsitzende. Hier sind es, mehr noch als vorher, die vielen kleinen wichtigen Dinge: Sind die Gardinen zugezogen und die Heizung abgestellt, liegen noch Flyer von der vorigen Veranstaltung rum, wie lassen sich die Mitgliederzahlen halten? All das fordert sie manchmal mehr als die Funktion der Kreisvorsitzenden: »Da waren wir im Büro zu viert, da musste ich mich nicht darum kümmern, ob beispielsweise für Gratulationen die Blumen rechtzeitig abgezählt waren. Aber jetzt beginnt's mit der kaputten Toilettenbrille in unserer Begegnungsstätte ...« Unvermittelt kommt ein bisschen Schärfe in den Ton: Sie sei sehr fürs Ehrenamt – und dessen gebührender Anerkennung –, aber sie sei nicht dafür, dass »meine Senioren die Toiletten putzen oder reparieren müssen. Das kann's nicht sein.«

Vor Kurzem weilte Gisela Damm wieder einmal in Südthüringen, die Schulen tragen andere Namen, und als sie den Verfall »ihrer« Oberschule in Lobenstein sah, sind ihr »große dicke Kullertränen« gekommen: »Ich war erschüttert.«

Gisela Damm, die scheinbar nichts so schnell umzuhauen scheint, wird nachdenklich: »Früher war meine große Stärke, dass ich manches einfach weglachen konnte. Ich bin dünnhäutiger geworden – und explosiver.«

Aber sie sagt dann auch, als Leiterin sei sie besser geworden: »Es ist schwieriger, mit Freiwilligen, Ehrenamtlichen, Alten umzugehen, und dennoch eine gute Gruppe zu haben. Ich bilde mir ein, dass ich das mit mehr Geduld, Fingerspitzengefühl, Kreativität, zum Teil mit mehr Wissen mache als früher. Ich habe nette Leute um mich rum.«

Am Abend vor unserem Gespräch besuchte sie ein Kindermusical im Kulturhaus nebenan, zwei Tage später fliegt sie nach Tunesien: »Ich bin bis heute ausgefüllt.«