Disput

Über Lagergrenzen hinweg

Rote Fahnen auf dem Dach der Welt und Sonderwirtschaftszonen in Sri Lanka. Die Rosa Luxemburg Stiftung in Südasien

Von Carsten Krinn

Wir fahren mit dem Auto in ein »basti« – ein etwas besseres Slumviertel – mitten in der südindischen Metropole Hyderabad. Die riesige Stadt beherbergt in ihrem Einzugsgebiet ca. 15 Millionen Menschen. Heute treffen sich Hausangestellte, die in Indien weitgehend rechtlos ihren Arbeitgebern ausgeliefert sind. Oft arbeiten sie sieben Tage die Woche, Urlaub oder Krankheitsgeld sind Fremdworte. Da viele Frauen aus sehr entfernten ländlichen Gebieten kommen, sind sie in der Stadt weitgehend auf sich allein gestellt. Da geht es den Teilnehmerinnen des Treffens besser. Sie sind Angehörige einer ethnischen Minderheit aus Rajasthan, die hier gemeinsam angesiedelt wurden. In den letzten Jahren gelang es, die meisten einfachen Hütten durch Steinhäuser zu ersetzen. Die Frauen erzählen von ihren Schwierigkeiten, sich zu organisieren, eine Selbstorganisation auf die Beine zu stellen. Von den Projektpartnern der Rosa Luxemburg Stiftung (RLS) Südasien wollen sie wissen, was es ihnen bringt, wenn sie jeden Monat eine kleine Summe als Mitgliedsbeitrag abgeben. Sie sind kritisch, lachen und machen es den »organizern« unserer Partnerorganisation nicht einfach.

Seit Anfang 2010 ist die Rosa Luxemburg Stiftung als sechste der deutschen politischen Stiftungen in Neu Delhi. Kooperationen mit indischen Partnern gab es bereits seit ein paar Jahren, aber erst mit dem eigenen Büro und einer lokalen Mannschaft konnte die Arbeit wirklich intensiviert werden.

Südasien ist politisch auch auf der Linken – oder gerade dort – gespalten. Das reicht von bewaffneten Maoisten in den Bergen des Himalayas bis zu kämpferischen Gewerkschaftern mit trotzkistischem Hintergrund in Sri Lanka. Da gibt es kleine Theoriegruppen, die sich aus ganz Indien kommend mit 20 Delegierten in einer ländlichen Kleinstadt zusammenfinden, und es gibt den kommunistischen Frauenverband All India Democratic Women’s Association (Aidwa), der weit über 18 Millionen Frauen organisiert. Doch ebenso wenig, wie es im südasiatischen Kontext wenig Sinn macht, immer gleich nach der politischen Heimat zu fragen, um GenossInnen zu verstehen, helfen unsere üblichen Standardorientierungen wie »links« oder »rechts«. Ein Gefüge, das sich für außerordentlich revolutionär hält, kann innerparteilich völlig überaltert und verknöchert sein sowie autoritäre Strukturen besitzen. Im Kontrast dazu fängt eine Basisinitiative, die Menschen jeden Tag im (Überlebens-)Kampf beisteht und sie zum eigenständigen und kritischen Denken anleitet, mit der Zuschreibung »links« unter Umständen nicht besonders viel an.

Nach vorbereitenden Gesprächen mit externen Beratern traf sich Anfang 2012 unser Büroteam zwei Tage lang mit den meisten RLS-Partnern. Gemeinsam mit ihnen berieten wir über die weitere Ausrichtung unserer regionalen Stiftungsstrategie. So entstanden die drei Programmlinien, die unsere Arbeit seither leiten.

»Labour Affairs«: Im Bereich des Arbeitssektors sind wir am besten aufgestellt. Dort arbeiten die meisten und unsere ältesten Partner. In Zusammenarbeit mit ihnen widmen wir uns vorwiegend dem sogenannten »unorganised sector«. Damit werden wirtschaftlich als auch rechtlich informelle Arbeitsbeziehungen gekennzeichnet, die die darin Beschäftigten in extrem unsicheren Arbeits- und Lebensbedingungen zurücklassen. Selbst wenn diese Gruppe das Heer der Beschäftigten, nämlich über 90 Prozent ausmacht, sind die traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung dort nur schwach vertreten. Gerade die instabilen Umstände, häufig gepaart mit Migrationsmustern, machen eine organisierende Tätigkeit außerordentlich schwierig. Bestehende Ansätze sind dabei oft von politischem Willen, jedoch außerdem von vielen Stereotypen geprägt, und oft wissen die Akteure nicht genug über die reale Lage vor Ort und ihre sozio-ökonomischen Hintergründe.

Die zweite Programmlinie, »Concepts of Left Practice«, umfasst Programm- und Projektansätze, bei denen linke Kräfte in Südasien versuchen, sich zu artikulieren, eine spezifische Position zu beziehen. Insbesondere im Bereich der Bildung haben wir hier Partner gewonnen, die sich mit den negativen Folgen der Privatisierungswelle im öffentlichen Sektor befassen. Darüber hinaus planen sie eine Lernwoche zur marxistischen Theorie und Praxis, die mit einer der wichtigsten Universitäten durchgeführt werden wird. Unser Büro versucht, zwei Referentinnen aus Deutschland zu gewinnen, die diese Woche mit methodischen und inhaltlichen Einsichten aus Europa bereichern sollen. Linke Programmatik ohne einen schöpferischen Austausch in Südasien über Ländergrenzen hinweg, aber auch weltweit, erscheint uns nicht möglich!

Unsere Programmlinie »Agrian Question(s)« erinnert an das wichtige Werk von Karl Kautsky »Die Agrarfrage«, in dem es schon vor über hundert Jahren um die »Schranken der kapitalistischen Landwirtschaft« und Sozialismus ging. Im Rahmen dieser Aktivitäten interessiert uns besonders, ob mit ökologischen Methoden der kleinbäuerlichen Landwirtschaft das Überleben des überwiegend armen Teils der Bevölkerung gesichert werden kann. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass in Indien nicht nur Armut, sondern auch Hunger herrscht, obwohl das Land in der Lage wäre, die eigene Bevölkerung zu versorgen. Nach Angaben von »India Today« (18.1.2013) sind 25 Prozent der Bevölkerung unterernährt. Das hinderte Innenminister Palaniappan Chidambaram nicht daran zu behaupten, man habe fast überall im Land den Hunger besiegt. Dabei entscheidet gerade die Ernährungssicherheit über den materiellen wie geistigen Wohlstand einer Gesellschaft. Geht man von der notwendigen Mindestaufnahme von Kalorien aus (2.200 für städtische, 2.100 für ländliche Gebiete), dann entspricht die Anzahl der Inderinnen und Inder, die sich diese tägliche Kalorienaufnahme schlicht nicht leisten können, der gesamten europäischen Bevölkerung. Leider blieben auch deutsche Vertreter an maßgeblicher Position gegenüber dieser Problematik stumm. So schreibt Georg Blume am 14. April 2011 in »DIE ZEIT«: »Im Grunde erkennt man die Lage auch in Deutschland. ›Es gibt ein großes Problem mit der angemessenen Ernährung der Bevölkerung‹, sagte der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, als er im Februar Delhi besuchte. Mehr wollte er zur Hungersnot im Land seiner Gastgeber allerdings nicht sagen. Er war gekommen, um den Indern den Eurofighter zu verkaufen.«

Wenngleich die Wirtschaft Indiens in den vergangenen Jahren meist eine Zuwachsrate von ca. acht bis zehn Prozent hatte, hielten die Standardindikatoren für eine gesellschaftliche Entwicklung nicht Schritt. So erreichte das Land im Jahr 2011 beim »Human Development Index« (HDI), einer Art »Wohlstandsgradmesser« der Vereinten Nationen, nur Rang 134 (von 187). In den Nachbarländern sieht es sogar noch schlechter aus: Bangladesch Rang 146, Nepal Rang 157. Nur Sri Lanka (Rang 97) weist darauf hin, dass es in der Region unter Umständen auch anders ginge. Wie bei anderen Indikatoren, so dem Zugang zu sanitären Einrichtungen, weist Sri Lanka ein deutlich besseres Bild auf. Vielleicht könnte man zur Problemlösung auch die über 60 Milliarden Euro verwenden, die in Indiens Tempeln in Gold lagern (Frankfurter Allgemeine, 23.10.2013).

Mit ca. 30 Partnern und guten Kontakten arbeiten wir in Südasien daran, uns in solch widersprüchlichen Welten zu bewegen, die aktuelle politische Lage zu analysieren und neue soziale Bewegungen und kritische Partner ausfindig zu machen. Mit ihnen wollen wir sinnvolle »linke« Projekte im Bereich von anwendungsbezogener Forschung und Bildung anstoßen und finanziell unterstützen. Wichtig ist uns der Kontakt zu Basisorganisationen, die die Betroffenen selbst organisieren. In dem politisch hart umkämpften Feld einer gespaltenen Linken versuchen wir, Räume für einen konstruktiven Austausch zu schaffen. Wir bemühen uns, Debatten um alternative Antworten und Konzepte über Lagergrenzen hinweg zu ermöglichen. Darin sieht das motivierte Team in Neu Delhi eine seiner Hauptaufgaben. Die Projektmanager Vinod, Pragya und Rajiv bringen viel Erfahrung aus ihrer vorherigen Basisarbeit in Nichtregierungsorganisationen und linken Parteien mit. Zurzeit bereiten wir uns auf die offizielle und feierliche Eröffnung des Büros im Februar 2014 vor.

Dr. Carsten Krinn ist Regionaler Repräsentant der Rosa Luxemburg Stiftung in Südasien.