Disput

Was blieb, war Angst

Der Pogrom am 9. und 10. November 1938. Das unglaubliche Verbrechen geschah mitten in Deutschland. Millionen sahen zu und blieben stumm. Auch in Dortmund

Erinnerungen von Heiner Halberstadt

Der zehnjährige Junge war aufgeregt. Er wusste es: In der Nacht war etwas Außergewöhnliches geschehen. Am 10. November 1938, gegen 10 Uhr, eilte H. zur Straßenbahnhaltestelle in Dortmund-Hörde, Ecke Teutonen-/Benninghoferstraße. Von dort fuhr er jeden Werktagmorgen mit der Linie 1 von der Vorstadtsiedlung nach Dortmund. Dort war er Schüler in der Horst-Wessel-Mittelschule.

Am Vorabend, am 9. November, hatte sich H. in der Hörder Stiftstraße aufgehalten. Dort, schräg gegenüber der evangelischen Stiftkirche, befand sich die Synagoge.

Die Jungen aus den Wohnblöcken und Siedlungen rings um die Phoenix-Hochöfen und das Walzwerk trafen sich häufig an dieser Stelle. Man konnte in der angrenzenden Sackgasse Am Schallacker Fußball spielen. Auch viele Mädchen kamen abends aus den in der Nähe liegenden Kaufhäusern dort vorbei. Die Jungs reagierten dann mit lautstarken Zurufen.

Am Abend des 9. November ergab sich an diesem Treffpunkt etwas anderes. An der Ecke Schallacker/Stiftstraße standen zwei Motorräder mit Beiwagen. Daran lehnten drei Männer mit überkreuzten Armen. Sie trugen lange graue Ledermäntel. H. und die anderen Jungen stellten sich dazu. Die Fenster der Synagoge gegenüber leuchteten gedämpft im anbrechenden Abendlicht. Nur wenige jüdische Männer mit schwarzen Mänteln und Hüten eilten die Treppe zur Synagoge hinauf. Sie hatten die beobachtende Gruppe auf der anderen Straßenzeile nicht übersehen.

»Was machen die eigentlich?«, fragte einer der Jungen. »Da drin können die am besten mauscheln«, erwiderte einer der Motorradmänner. »Ich sag's euch, was die da treiben: Die besprechen nichts anderes als dreckige Sachen. Die wollen unseren nationalsozialistischen Staat wieder kaputtmachen. Juden, das solltet ihr eigentlich schon längst wissen, sind wie Ratten. Die verpesten alles Saubere.« »Aber«, fuhr der Ledermantel-Mann mit leiserer Stimme fort, »das werden die jetzt nicht mehr lange machen. Das werdet ihr bald erleben. Die Geduld des deutschen Volkes und vor allem auch die Geduld des Führers ist zu Ende.«

Danach stiegen die Männer auf ihre Maschinen und kurvten mit voll aufröhrenden Motoren in die Stiftstraße.

Die Jungen schauten noch eine Weile zur Synagoge herüber. Es kamen keine Juden mehr. Der Himmel wurde dunkler. Die Stadtlichter flammten auf. Vom Phoenix her tönten die Schichtsirenen. Einer der Jungen sagte: »Aber der alte Stammler, der Jud' da in der Semerteichstraße, der da mit seiner Drogerie, der sieht doch gar nicht wie 'ne Ratte aus.«

Den alten Stammler kannten sie alle sehr wohl. Denn sie klauten von Zeit zu Zeit im Hof hinter der Drogerie leere Flaschen aus den dort abgestellten Mineralwasserkästen. Die brachten sie anschließend vorn in den Laden und kassierten pro Flasche 3 Pfennig Pfand. Der alte Drogist Leonard Stammler, ein etwas vornüber gebeugt gehender Mann in einem grauen Kittel, sagte zu den Flaschenpfand-Empfängern: »He, ihr könntet die Flaschen, bevor ihr sie herbringt, ruhig mal ausspülen.« Gleichwohl verweigerte er den Jungen nie das Pfandgeld und gab ihnen als Zugabe gelegentlich ein paar Karamellbonbons dazu. Und ab und zu sagte er ihnen, es wäre sicher gut, die Groschen nicht gleich auszugeben. Sparen wäre besser. Vielleicht reiche es eines Tages sogar für ein Fahrrad.

»Ach«, meinte ein Junge, »weiß man's? Vielleicht tut der Alte auch Gift in die Klümkes. Immer nur so 'n bisschen. Die Juden verschenken nichts. Die Juden hassen doch die Deutschen. Und das sagt nicht nur mein Vater.«

H. dachte, als er nach Hause ging, an Marlies. Er mochte das Mädchen gar sehr. Marlies war Lehrmädchen in dem jüdischen Textilhaus Back. Marlies hatte gesagt, Herr und Frau Back seien sehr freundlich zu ihren Verkäuferinnen und ihren Lehrmädchen. In der Mittagspause stände immer eine große Kanne mit süßem Tee in einem Nebenraum. Die Backs meinten, dann schmecke das Butterbrot noch besser. Und, hatte Marlies auch gesagt, zu Weihnachten bekämen alle im Geschäft ein kleines Geschenkpäckchen von den Backs, mit ein paar Strümpfen, einem Schal oder einer Bluse drin.

Auch H. kannte Juden. Es waren Freunde seines Vaters. Wie die Geschwister Wolfmann, die im Dortmunder Westenhellweg eine Buchhandlung mit einem Antiquariat hatten. H.'s Vater nahm seinen Sohn oft bei seinen Besuchen dort mit, fast alle 14 Tage. Meistens erst abends, wenn der Laden schon geschlossen war. Über einen Hofeingang, durch eine Hintertür, kamen dann noch ein paar Männer hinzu. Sie klopften in einem bestimmten Rhythmus an die Tür. H. und sein Vater waren fast immer als Erste da. Frau Wolfmann, eine grauhaarige, dunkel gekleidete, schmale Frau, empfing die beiden Besucher an der Tür. H. erinnert sich vor allem an die feingliedrige Goldkette mit einem kleinen Emailmedaillon, die Ruth Wolfmann am Hals trug. Sie fragte H. häufig, wie es ihm in der Schule erginge; sie wusste, dass H. in der Horst-Wessel-Mittelschule nicht zurechtkam, dass er häufig von Lehrern geschlagen wurde, weil er oft zu spät kam und auch Schwierigkeiten mit seinen Schularbeiten hatte. H. ging fast jeden Tag angsterfüllt in diese Schule, er hatte Angst vor den Lehrern.

H. war zudem beim Turnen ein totaler Versager, und seine Klassenarbeiten, vor allem die in Englisch und Mathematik, erhielten meistens die Noten mangelhaft oder ungenügend.

Sicher trug indirekt die ablehnende Haltung von H.s Vater gegenüber dem NS-System mit dazu bei, dass H. so gar keinen Gefallen an der Marschiererei und am Herumkommandieren beim Jungvolk fand. Da er lange keine Uniform bekam, marschierte er ohnehin im hintersten Glied der Kolonne beim samstäglichen Antreten.

H. hatte Frau Wolfmann erzählt, dass besonders der Lehrer Kriesel, der gelegentlich in brauner Uniform - er war Zellenleiter der NSDAP - zum Unterricht kam, zu Beginn der Schulstunde die Schüler ausfragte, was denn die Eltern oder die Nachbarn so über den Führer und über die neue Politik in Deutschland, über die neue Ordnung, die jetzt herrsche, so dächten oder sagten.

Der Lehrer Kriesel wusste, dass viele Jungen seiner Klasse in Dortmunder Arbeitervierteln wohnten. Die meisten Schüler berichteten, dass die Leute Adolf Hitler ganz prima fänden und dass Deutschland dringend einen solchen Führer gebraucht habe. Aber ein paar erzählten auch, sie hätten Nachbarn sagen gehört, man wüsste nicht, ob das alles auf Dauer so gut gehe, das mit der vielen Rüstung und so weiter. Und es gäbe da auch welche, die sagten, viele dieser Parteibonzen, besonders die »Goldfasanen«, seien nur auf ihren Vorteil aus und würden, wo immer sie das könnten, die hart malochenden Volksgenossen übers Ohr hauen.

Andere hätten gesagt, wer bei den Luftschutzübungen nicht richtig mitmache oder wer nicht ordentlich fürs WHW (Winterhilfswerk) und für die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) spende, der würde zum Beispiel von den (NS-)Blockwarten ganz mies schikaniert. Jedenfalls hätten sie, die Jungen aus den Zechenvierteln, schon Derartiges gehört. Kriesel wurde, wenn dergleichen berichtet wurde, sehr erregt. Mit lauter und scharfer Stimme sagte er, solchen Miesmachern und Saboteuren würden jetzt bald die Hammelbeine lang gezogen. Die sollten eigentlich wissen, dass die Partei überall ihre Ohren habe. Auch hier in der Horst- Wessel-Mittelschule: »Richtig so?« - »Jawoll, Herr Lehrer KrieseI«, dröhnte die Klasse im Chor.

Dann holte Kriesel aus seiner Ledermappe die zensierten Mathearbeiten heraus und bei H. brach Angstschweiß aus. Mit spitzen Fingern nahm Kriesel H.s Heft als letztes zur Hand, dann winkte er mit dem Zeigefinger und H. bewegte sich zitternd zum Podium.

»Das ist nun doch so einer«, grinste Kriesel, »der gar nichts begreifen will. Ein Drückeberger. Ein totaler Versager. Aber auch dem werde ich noch die Erkenntnis beibringen, woher jetzt der Wind weht.« Die Klasse verfolgte die folgende Züchtigung mit gespannter Anteilnahme.

Der Delinquent musste sich vor dem Podest bücken. »Hände auf die Fußspitzen«, befahl Kriesel und ließ mehrmals den Rohrstock, der immer an der vorderen Kante des Lehrerpults von dem Klassenältesten bereitgelegt wurde, zischend durch die Luft sausen. Dann streifte er mit dem Stock H.s Jacke hoch und ein erster scharfer Hieb sauste auf den Hintern nieder. H. bäumte sich auf. Aber es half nichts, er musste sich wieder bücken. Viermal wiederholte sich die Tortur, begleitet von kehligen Lautreaktionen der fasziniert zuschauenden Klasse.

Als H., mit brennenden Schmerzen und ihn durch und durch krampfender Scham, zu seinem Platz zurückschlich, um sich auf der vordersten Kante seines Sitzes niederzulassen - zuvor hatte ihm Kriesel noch das Matheheft links und rechts um die Ohren geschlagen -, rief Kriesel den Schüler G. auf, der als Jungvolkführer und bester Turner in der vordersten Reihe saß: »Wie will der Führer die deutsche Jugend haben?« - »Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie die Windhunde.« Der Jungvolkführer schmetterte es in die Klasse hinein. »Eben«, sagte Kriesel mit geröteter Stirnglatze. »So kriege ich euch alle noch hin. Auch dieses faule, lächerliche Würstchen da hinten, oder der landet, wenn er so weitermacht, am Ende ganz woanders.«

H. hatte Martha Wolfmann keine Einzelheiten der Torturen erzählt. Ruth Wolfmann legte ihren Arm um seine Schultern. »Weißt du«, sagte sie, »das sind böse Menschen. Aber du darfst dich von denen nicht unterkriegen lassen, hörst du?« Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Dann ging sie mit H. in den hinteren Teil des Antiquariats. »Ich hab dir wieder was Schönes ausgesucht«, sagte Ruth Wolfmann und legte ihm ein oder zwei Bücher oder einen Bildband auf ein kleines Tischchen. »Schau' mal rein, du kannst sie, wenn sie dir gefallen, auch mit nach Hause nehmen und mir beim nächsten Besuch wieder zurückbringen.«

So lagen da die bebilderte Argonauten-Sage, die Bildgeschichten von Sindbad, dem Seefahrer, die Märchen von Oskar Wilde, Stevensons Novellen und im Laufe der Zeit vieles mehr an bisher für H. noch unbekannter Literatur. Dazu standen auf dem Tischchen stets ein Glas Limonade und eine Schale mit kleinen, süßen Anisplätzchen.

H. saß da, manchmal zwei Stunden oder auch länger, las, hörte aber auch zu den Gesprächen hin, die sein Vater und dessen Freunde führten. Es waren nur Satzfetzen, die H. aufnehmen konnte, denn sie sprachen leise. »Hitler macht doch jetzt entscheidende Fehler«, sagte einer, denn der lege sich mit allen Seiten im Osten und im Westen an. Ein anderer sagte, das stimme zwar und führe geradezu in den Krieg hinein. Aber ob die Leute den nächsten Krieg, der viel schlimmer werden würde als der letzte, so einfach mitmachen würden, sei zumindest fraglich. Der Nächste meinte, auf jeden Fall müsse man jetzt noch mehr aufpassen als bisher. Außerdem könne man im Moment ohnehin nicht viel gegen die Nazis machen. Die Gestapo habe gerade dieser Tage wieder mächtig zugegriffen.

Insgesamt vermittelte sich H., auch wenn er vieles von dem, was da geredet wurde, kaum verstand oder einordnen konnte, der Eindruck, dass dieser kleine Kreis von alten Freunden ziemlich unsicher war, dass sie nicht wussten, was da tatsächlich noch über sie kommen würde.

Eines Abends sagte Ludwig Wolfmann sehr leise, aber doch deutlich: »Ich jedenfalls mache mir nunmehr gar nichts mehr vor. Die ersten, die jetzt bald endgültig dran sind, das sind doch wir, die Juden. Meine Schwester und ich«. Und dann bat er: »Freunde, kommt bitte nicht mehr hierher. Es geht nicht mehr. Ich weiß, da tut sich was. Wir werden inzwischen sehr genau beobachtet. Ich wollte ja schon vor zwei Jahren nach Frankreich. Aber meine Schwester, die wollte unbedingt hier bleiben. Jetzt sind wir beide hier gefangen. Jetzt ist es zu spät. Wir kommen nicht mehr raus …«

Dieser letzte Besuch bei Wolfmanns fand, soweit sich H. erinnern kann, kurz vor den Sommerferien 1938 statt.

Als H. am 10. November 1938 zur Straßenbahnhaltestelle lief, war er schon sehr früh am Morgen von seinem Vater geweckt worden. Der hatte, wie er von seiner Mutter erfuhr, die ganze Nacht am Volksempfänger gesessen. In Paris sei ein deutscher Diplomat von einem Juden erschossen worden, berichtete der Vater. Und die Mutter sagte, der Vater sei während der Nacht ins Stadtzentrum gelaufen; dort sei er auf zahlreiche, marschierende SA-Trupps gestoßen.

»Jetzt weiß ich, was los ist«, sagte der Vater. »Heute Nacht haben sie gegen die Juden losgeschlagen.« Der Vater erschien sehr verstört. Er lief in der kleinen Wohnung hin und her, redete auf die Mutter ein und sagte wiederholt: »Diese braunen Banditen. Diese Mörderbande. Aber man kann sie nicht aufhalten.«

H. stand an der Straßenbahnhaltestelle. Die Linie 1, die von Hörde ins Dortmunder Stadtzentrum fuhr, kam. Die anderen Fahrgäste sagten, sie hätten gehört, in der Stadt sei mächtig was los. Der Schaffner rief: »Mal herhören. Die Bahn fährt heute nur bis zur Langestraße. Die Synagoge brennt. Da kann man nicht mehr vorbeifahren. Sie müssen vorher aussteigen.« Dann zog er die Klingelschnur.

H. hörte in der Tram, wie einige Fahrgäste leise sagten, der Schlag gegen die Juden sei ja schon längst fällig gewesen: »Wie die sich noch immer hier breit machten …« Und: »Wenn die den von Rath umgebracht haben, dann müssen die dafür auch büßen ...« Die meisten Fahrgäste jedoch standen dichtgedrängt in der Bahn und schwiegen. Viele hatten eigenartig starre Mienen.

Nach vier Haltestellen war das Hörder Stadtzentrum erreicht. Dort standen Hunderte Menschen in Gruppen herum und schauten auf die gegenüberliegende Straßenseite. Andere drängten sich vorbei und sahen nur flüchtig hinüber. Beim Textilhaus Back waren alle Schaufensterscheiben eingeschlagen, und die Auslagen lagen zwischen den Scherben und zertreten auf dem Bürgersteig.

H. sah Marlies. Die lief aber, als sie H. erkannte, schnell weg. Der gesamte Bürgersteig vor dem Textilhaus war von einer SA-Kette abgesperrt. Die SA-Männer hatten die Sturmriemen ihrer Mützen unters Kinn geklemmt. Einige riefen: »Juda verrecke.« Sie riefen es nicht sehr laut, und es klang wie eingeübt. Dann riefen sie, und nun viel lauter zu den Menschen herüber: »Weitergehen! He, weitergehen!«

Die Stiftstraße, die gleich neben dem Textilhaus Back abbog, war völlig gesperrt. Dort staute sich ein großes Menschenknäuel. Feuerwehrschläuche lagen ausgerollt hinter der Absperrung kreuz und quer über der Straße, und einige Feuerwehrleute standen neben ihren Feuerwehrautos am Straßenrand. Die Straße war nass und glitschig.

H. konnte die qualmende Synagoge sehen. Das Kuppeldach war eingestürzt. In der Luft war schwefeliger Brandgeruch. »Die haben nur auf die Häuser daneben gespritzt«, hörte H. »Die Synagoge haben sie einfach abbrennen lassen ... « Die das sagten, schauten sich sogleich ängstlich um. Die Mehrzahl der Menschen aber gaffte schweigend in Richtung Brandruine.

H. lief auf einem Umweg zur Semerteichstraße. Von dort fuhr die Linie 1 über eine Umleitung nach Dortmund weiter. Die Leute in der Straßenbahn schwiegen. Sie starrten vor sich hin oder durch die Scheiben nach draußen.

An der Reinoldikirche im Dortmunder Stadtzentrum stieg H. aus. Er hatte sich entschlossen, nicht zur Schule zu gehen. Gleich am Eingang zur Großen Brückstraße sah er zusammengetriebene Juden stehen. Frauen, Männer, Kinder. Sie zitterten vor Kälte. Teilweise hatten sie nur notdürftig Mäntel und Jacken über ihre Nachtgewänder geworfen. Diese dürftige Bekleidung war bei einigen obendrein verschmutzt. Auf dem Bordstein saßen Frauen, die ihre Arme schützend um ihre weinenden Kinder geschlungen hatten. Einige hatten Koffer und Taschen dabei, teilweise offen.

Um die Judengruppe herum standen auch hier eine absperrende SA-Kette und etwas weiter entfernt einige Polizisten. Eine Frau rief hinüber: »Die kann man doch nicht so rumstehen lassen. Die erkälten sich doch. Die holen sich noch den Tod ...« »Maul halten«, sagte ein SA-Mann, »die werden gleich weggeschafft.«

Ringsum standen mehrere Hundert Menschen und starrten auf die Szene. Der übliche Straßenlärm war weitgehend versiegt, bis plötzlich mehrere Lastwagen heranfuhren. Die Juden wurden hineingetrieben. Sie kletterten mühsam auf die Ladefläche, pressten sich dort zusammen. Einige SA-Männer reichten die Kinder nach und riefen: »Hier, vergesst eure Bälger nicht.« Die schon oben waren, zogen die Alten nach. »Nun aber nichts wie weg mit dem Judenpack«, rief einer der SA-Führer. Er kommandierte offensichtlich das ganze Geschehen. Die beladenen LKW fuhren dröhnend in Richtung Ostenhellweg. »Und jetzt, Kameraden«, rief der SA-Führer, »Abmarsch zur ›Standarte 11‹. Da gibt' s jetzt Frühstück, und - darauf könnt ihr einen lassen - es gibt auch noch einen kräftigen Schluck.«

H. lief in die Kleine Brückstraße hinein. Sie war mit Scherben übersät. Auf den Bürgersteigen lagen zertrümmerte Waren, bewacht von Polizeibeamten. Vom anderen Ende der Straße her kam ein Trupp der Straßenreinigung und begann zu fegen.

H. wollte zum Westenhellweg, zu den Wolfmanns. Auch die Scheiben ihrer Buchhandlung waren zerschlagen. Zwischen den Glasscherben lagen zerfetzte und zertrampelte Bücher auf dem Bürgersteig. H. sah auch Ludwig Wolfmann im Toreingang zum Hinterhof stehen. In einer Hand hielt er seine zerbrochene Brille, mit der anderen Hand tupfte er sich mit dem Taschentuch eine Blutspur ab, die schräg über seine Stirn lief. Sein Anzug war verknittert und verschmutzt, so als habe man ihn über den Boden geschleift. Ludwig Wolfmann erkannte H. Doch er schüttelte seinen Kopf und gab ihm durch eine Geste zu erkennen, bitte nicht näherzukommen.

H. glaubte ein schmerzhaft-trauriges Lächeln auf Ludwig Wolfmanns Gesicht zu sehen. Ludwig Wolfmann beugte leicht den Kopf, wie zu einer Abschiedsgeste. Zwei SA-Männer kamen aus dem Hof, sie fassten Ludwig Wolfmann beidseitig an den Armen und zogen ihn zum Hinterhof. H. sah dort etwas unter einer Decke liegen. Später erfuhr er, dass es der Körper von Martha Wolfmann war. Als sie morgens gekommen waren und die Türen aufsprengten, war sie aus dem Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock gesprungen.

Seit dem 10. November und der Nacht, die diesem Tag vorausging, wurde H. erst recht zum Außenseiter. Seine Schulangst weitete sich zur Lebensangst aus. Aber er hoffte, eines Tages sich von diesem Trauma befreien zu können.

H. entzog sich 1944 seinem Einberufungsbefehl und hielt sich mit Hilfe einer Verwandten in der Nähe von Husum versteckt, bis englische Truppen die Stadt besetzten. Nach 1945 wurde H. aktives Mitglied in sozialistischen Organisationen.

Heiner Halberstadt ist Mitglied im Ältestenrat der LINKEN.

(redaktionell gekürzt)