Disput

Lockenwickler würgen Deutschland!

Satire

Von Jens Jansen

Alle hatten aufgeatmet, als der Weltuntergang, den der Kalender der alten Maya prophezeite, doch nicht stattfand. Wir leben noch. Aber nicht mehr lange! Denn nun hat sich der Präsident der Deutschen Arbeitgeberverbände, Herr Hundt, zu Wort gemeldet. Ebenso die Mittelstandsvereinigung der CDU, der Landesfürst Tillich von Sachsen und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Sie alle warnen: Die Welt wird doch zusammenbrechen, zumindest Deutschland! Und warum? Weil der neue Tarifvertrag für das deutsche Friseurhandwerk die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohnes von 8,50 Euro bis August 2015 vorsieht. Die SPD hat das auf Druck der Gewerkschaften zur Bedingung für ihre Koalitionsverhandlungen mit der Union gemacht. Jahrelang musste DIE LINKE allein im Bundestag dafür streiten.

Doch wehe, wenn das nun gelingt. Bürger, rettet eure Finkas auf Mallorca, eure Golfclubs und Schwarzgeldkonten in Luxemburg und Andorra! Deutschland verliert seine Wettbewerbsfähigkeit und seine Führungsrolle. Die Arbeitslosenzahl verdoppelt sich! Zwar haben Politiker aller Parteien im Wahlkampf 2013 die erschütternden Beispiele von blutjungen, bildschönen, verzweifelten Friseurinnen erzählt, die als alleinstehende Mütter mit fünf oder sechs Euro Stundenlohn die herrlichsten Locken und Strähnchen auf jede Glatze zaubern, aber hinterher weder ihre Miete noch die Gummibärchen für ihre Kinder bezahlen können. Welch eine Schande für das reichste Land Europas!

Doch wenn nun der Stundenlohn der Figaros um etwa 2,50 Euro ansteigt, dann sind das doch 480 Euro im Monat, 5.760 Euro im Jahr und 259.200 Euro nach 45 Arbeitsjahren! Zwar schafft kein Salon so viele Jahre. Und wenn nur, indem er die Vollzeitkraft zur Halbzeitkraft macht. Warum auch nicht? Was macht eine Friseuse mit so viel Geld, wenn es sich nicht halbiert? Ja gut, da sind noch Steuern, Strom und Miete, Brillen und Zähne, Sprit und Reifen zu bezahlen. Aber was ist mit dem Trinkgeld? Womöglich kauft die Frau gar ihre Wohnung, für deren Miete sie heute noch Stütze vom Sozialamt erbettelt! Das kann doch nicht gut gehen, wenn es plötzlich auch denen gut geht, die zu sorgen haben, dass es den Besitzern der Salons gut geht!

Der Aufschrei des Arbeitgeberpräsidenten gegen die verdammte Gleichmacherei der Linken kommt gerade noch zur rechten Zeit, um den Modelltarif für Friseure nicht zum Modell zu machen. Die Bosse sagen: »Ja, klar, muss man den Haarkünstlern helfen. Aber doch nicht per Gesetz, sondern durch Tarifverhandlungen der Besitzer mit den Habenichtsen. Nicht überstürzt, sondern in Etappen über Jahre. Nicht in West und Ost mit gleicher Elle, sondern differenziert. Keinesfalls flächendeckend, nur variabel nach Gewinn und Branche. Und keine Zugaben für Azubis und Ungelernte! Davor sollen Verfassungsrichter urteilen, ob es überhaupt erlaubt ist, solche linken Forderungen in unserem Rechtsstaat durchzusetzen!«

Nun sagen die linken Weltverbesserer, dass die Mehrzahl der europäischen Staaten längst Mindestlöhne zahlen. Aber das sind doch genau jene Hungerleider, die Deutschland über die Zentralbank mit ernähren muss! Nur gut, dass Präsident Hundt die Mähne eines Löwen hat und auch genauso gut brüllen und beißen kann. Frau Merkel darf es nicht zu weit treiben bei ihrem Flirt mit den Sozis! Millionen Deutsche und Zugereiste haben längst gelernt, sich selber die Haare zu waschen, zu schneiden und zu färben. Für den Rest könnte die Arbeitsagentur ihre beliebten Nachhilfekurse einrichten. Deutschland darf nicht von den Lockenwicklern im Frisiersalon erwürgt werden!