Disput

Einen Freund verloren

Zum Tod des saarländischen Landesvorsitzenden Rolf Linsler

Von Martin Sommer

Wenn Rolf Linsler in Saarbrücken am St. Johanner Markt vorbeikam, wo im Sommer unzählige Menschen gemütlich bei einem Bier, einem Wein oder einem Kaffee sitzen, dann erzählte er gern, dass er sich als junger Mann oft vorgestellt habe, wie er als Rentner auch hier sitzt. Wie er ganz in Ruhe einen guten Wein genießen und die Anderen, die Jüngeren hektisch an sich vorbeiziehen lassen würde. Doch nach einem langen, engagierten Arbeitsleben als Gewerkschafter gab es für Rolf Linsler dann doch keinen gemütlichen Ruhestand. Um nur noch spazieren zu gehen, fühlte er sich zu jung. Um tatenlos zuzusehen, wie Arbeitnehmerrechte ausgehöhlt werden, hatte er zu viel Energie und ein zu großes Gerechtigkeitsempfinden. Und so mischte er stattdessen die saarländische Landespolitik kräftig auf.

2007 wechselte Linsler nach 35 Jahren SPD-Mitgliedschaft zur LINKEN, wurde kurz darauf zu ihrem ersten Landesvorsitzenden im Saarland gewählt. Er baute den Landesverband mit auf, hatte entscheidenden Anteil an seinen Erfolgen. 2009, mit 67, eröffnete Linsler als Alterspräsident die erste Landtagssitzung nach der Wahl und wurde stellvertretender Vorsitzender der neuen Linksfraktion. Letztes Jahr, nach einer vorgezogenen Landtagswahl, wurde er zum Zweiten Vizepräsidenten des Saarländischen Landtages gewählt. Er war landesweit und über alle Partei- und Fraktionsgrenzen hinaus respektiert. Als einer, der sich für andere einsetzt. Leidenschaftlich, energisch, aufrichtig. Hart in der Sache, dabei freundlich und offen. Ein Vollblutpolitiker, der auch das Leben abseits von Parlament und Partei genießen konnte.

Seit 2009 war Linsler außerdem Vorsitzender der Linksfraktion im Saarbrücker Stadtrat und einer der Väter des ersten rot-rot-grünen Bündnisses in einer deutschen Landeshauptstadt. Die Einführung einer SozialCard für Benachteiligte, die schrittweise Einführung eines kostenfreien Mittagessens für alle Grundschulkinder, der Ausschluss von Privatisierungen und Stellenabbau sowie ein »Windelbonus« – Linsler hat mit großem Engagement und erfolgreich dafür gestritten, dass die Landeshauptstadt gerechter geworden ist. Und wenn es dann ab und zu doch mal knirschte im Gebälk des Dreierbündnisses, konnte er auf den Tisch hauen und knallhart verhandeln. Dieses Handwerk hatte er in langen Tarifverhandlungen gründlich gelernt.

All das wurde ihm nicht in die Wiege gelegt, er hat es sich hart erarbeitet und erkämpft. 1942 wurde Rolf Linsler als jüngstes von fünf Kindern geboren, der Vater war Eisenbahnsekretär. Nach der Volksschule machte er eine Ausbildung zum Feinmechaniker, arbeitete anschließend in einer physikalischen Versuchswerkstatt der Saarbrücker Universität. Anfang der siebziger Jahre begann die lange, erfolgreiche Gewerkschaftskarriere. Rolf Linsler wurde erst Personalratsvorsitzender, später Gewerkschaftssekretär und dann, von 1987 bis 2001, Landesvorsitzender der ÖTV. Schließlich wurde er zum Landeschef der neu gegründeten vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di gewählt und blieb es sechs Jahre. Rolf Linsler machte sich dabei stark für die Arbeitnehmer/innen im Land, mit teilweise spektakulären Aktionen. Er blieb dabei parteipolitisch unabhängig und nur den Beschäftigten im Land verpflichtet. Linslers Beharrlichkeit zeigte auch gewerkschaftsintern Wirkung: Er kämpfte erfolgreich dafür, dass der saarländische Landesbezirk der Gewerkschaft erhalten blieb. »Intern hat er – mit meiner Unterstützung – wie ein Löwe gekämpft! Am Ende hat niemand mehr gewagt, auch die schärfsten Kritiker eines Landesbezirks Saar, diesen Landesbezirk in Frage zu stellen«, sagte später der damalige ÖTV-Bundesvorsitzende Herbert Mai. Rolf Linsler hat seine Herkunft nie vergessen. Noch im vorigen Jahr, bei seinem 70. Geburtstag, erklärte er: »Meine Karriere, wenn man das so nennen will, habe ich meiner Gewerkschaft zu verdanken. Dort wurde ich gefördert, dort bekam ich die Gelegenheit, mich weiterzubilden. Ich bin froh, dass ich im ›Unruhestand‹ zeigen kann, dass Gewerkschafter sich auch als Politiker für die Bürgerinnen und Bürger einsetzen können.«

Rolf Linsler starb am 27. September im Alter von 71 Jahren nach schwerer Krankheit. »Wir haben einen Freund verloren«, erklärte Oskar Lafontaine. Rolf Linsler wird der saarländischen Politik sehr fehlen.